Mit 49 Jahren auf Jobsuche: Warum will mich keiner?

Karin ist 49 Jahre, sehr gut ausgebildet und seit 17 Monaten auf Jobsuche. Eigentlich ist sie hochmotiviert, doch jetzt hat sie die Hoffnung auf neue Arbeit aufgegeben. Ein Erfahrungsbericht.

Nachts träume ich von Edith Klinger, wie ich neben ihr sitze und sie schmalzig für mich bettelt, dass – Bitte! – irgendjemand eine, die so lieb und brav wie ich es bin, aufnimmt.
Aber mich will keiner. 

Mit meinem Alter von 49,5 Jahren und weiblich behage ich keiner Firma oder Organisation. Nach 17 Monaten aktiver Arbeitssuche in Wien gebe ich auf. Ich weiß nicht, ob ich wegen des Kündigungsschutzes für über 50-Jährige einfach ein zu großes Risiko darstelle oder ob ich wegen meiner bisherigen beruflichen Erfahrung zu teuer bin und daher mehr verdienen müsste als den laut Kollektivvertrag geregelten Mindestlohn oder ob am Ende die roten Fahnen über meinem Kopf flattern, weil ich als dreifache Mutter meinen Anspruch auf Pflegefreistellung geltend machen könnte. Oder vielleicht kann sich auch keiner vorstellen, dass ein "non-digital Native" als Wiedereinsteigerin in der hoch digitalisierten Welt zurechtkommt oder dass jemand mit gesundem Hausverstand auch in einer hochspezialisierten Wirtschaft wert- und sinnvolle Beiträge leisten kann. Es ist mir ein Rätsel.

Jobsuche für Frauen über 50

Vor 25 Jahren bekam ich jeden Job, für den ich mich bewarb, ohne jegliche Mühe.

Vor 15 Jahren habe ich mein Leben etwas reduziert. Ich lebte damals in den USA (nicht im großzügigen Sozialstaat Österreich) und war mit dem zweiten Kind schwanger. Daher beschlossen mein Mann und ich, dass ich für eine gewisse Zeit aus der Vollzeitarbeitswelt aussteige. Wir übersiedelten sogar tausende Kilometer weit weg in eine billigere Stadt, um gut von einem Gehalt leben zu können. Währenddessen wurde mein Geist – als Hausfrau und Mutter von mittlerweile drei Kindern – anderweitig beansprucht. Neben der Familie war ich nicht untätig: Ich habe studiert, einen MBA erworben, eine technische Redaktionsfirma gegründet und als Einzelunternehmerin gearbeitet. All die Jahre blieb ich in meinem Metier, meinen Lieblingsindustrien (Wasser und Abwasser, Energie, Transport, Verkehr und Infrastruktur) auf dem Laufenden. Nebenbei engagierte ich mich ehrenamtlich und konstruktiv mit anderen gleichgesinnten Frauen in einigen zivilen Bereichen: Wir kämpften für ein neues Gebäude für eine vernachlässigte öffentliche Schule, wir organisierten eine Nachbarschaftsgruppe für „smart urban growth“, wir nahmen in „Citizen Science“ (Luftreinhalteprojekte) teil, ich schrieb über Radfahren als gerechtes Transportmittel und lobbyierte für Wasserschutz. Ich schrieb ein Buch und meine Artikel wurden in lokalen Zeitschriften veröffentlicht.

Mitte 2017 übersiedelte meine Familie schließlich wieder nach Wien. Hier war für mich der nächste logische Schritt, eine bezahlte Arbeit zu finden. Die österreichische Industrie und ihre Keyplayer waren mir bekannt und die Wirtschaft im Aufschwung, also wollte ich voller Enthusiasmus ins Berufsleben einsteigen. Zwei meiner drei Kinder sind mittlerweile fast erwachsen, selbstständig und unabhängig, also machte ich mich nach dem Motto „reuse statt reduce“ auf Jobsuche. Ich dachte, mit meiner bisherigen beruflichen Erfahrung auf internationaler Ebene sowie einer akademischen Ausbildung (Dipl.-Ing. für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft und ein MBA), wäre ich für eine österreichische Firma oder Organisation sicher gut geeignet.

Anscheinend habe ich mich geirrt.

Ich habe mittlerweile verschiedene Strategien und Taktiken probiert, online und auch persönlich, ich habe mein Lebenslauf optimiert, war bei Jobmessen, habe Webseiten von Firmen studiert, mich mit meinen Stärken präsentiert und meine Schwächen – und wie schlau ich sie überbrücke – dargelegt. Ich habe zugegeben, gescheitert und daraus stärker geworden zu sein. Ich habe angegeben, welche Berge ich erklommen und welche Gipfel ich bezwungen habe. Ich habe jedem nahen Freund und entfernten Bekannten meinen Lebenslauf geschickt und viel Unterstützung bekommen. Ich habe auch die Karenzvertretungs-Nische entdeckt. Als ich für drei Monate ein Praktikum (nur durch Beziehungen bekommen!) absolvierte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich brachte mich mit konstruktiven und kreativen Ideen ein und erfüllte meine Erwartungen zur vollsten Zufriedenheit. Ich war überzeugt, dass man gar nicht anders können würde als mich zu behalten. Nachdem das Praktikum zu Ende war und ich doch nicht übernommen wurde, bewarb ich mich für andere Praktika, sogar für Aushilfe-Jobs, um mich in einem Unternehmen von unten nach oben zu arbeiten. Ich habe alles gemacht, außer mich zu prostituieren. Aber es will einfach nicht mit einem Job klappen.

Ich muss herzlich lachen, wenn ich in den Wirtschaftsseiten der Qualitäts-Zeitungen lese, dass Firmen Menschen mit „Empathie“ oder „Coaching leadership style“, oder gar „weiblichen Führungsqualitäten“ suchen. Das sind nette Floskeln, die Akademikern und Unternehmensberatern ins Auge stechen. Aber ich – und viele Frauen in exakt meiner Situation –, die ich all diese trendigen Eigenschaften zur Genüge aufweise, bin meilenweit entfernt von einer solchen Führungsposition. Im Alltag werden wir oft übersehen, weil wir uns eben vor lauter Empathie und weiblichen Führungsqualitäten zu sehr um unsere Mitmenschen und Umwelt kümmern als um die eigene Prominenz und Karriereleiter.

Wir haben viel Berufserfahrung – keine intelligente, motivierte Frau meiner Generation ist jemals auch nur eine Woche auf der faulen Haut gelegen! – und zusätzlich eine Menge an praktischen Fähigkeiten, die wir im Alltags-Management erworben haben, zu bieten. Wir sind in Wirklichkeit ein Zugewinn für jedes Unternehmen! 

Ich lebe in einem fast 50-jährigen Körper, (ok, ich fühle mich viel jünger, dank meiner Kinder, und bin mit toller Gesundheit gesegnet), aber ich habe das Engagement einer 25-Jährigen, die Flexibilität eines Teenagers, die Erfahrungen einer 100-Jährigen und mein Enthusiasmus kennt keine Grenzen. 

Aber es will einfach nicht klappen mit einem Job. Nicht einmal mit einem Interview.

Nach jeder Jobabsage quälen mich ein paar Stunden lang Mitleid und Selbstzweifel, aber dann erinnere ich mich an meine positiven Eigenschaften, werde wieder neugierig und starte die nächste Jobsuche. Bis zur letzten Absage – da habe ich aufgegeben. Wenn das Universum nicht will, will es nicht. Ich engagiere mich jetzt also ehrenamtlich und zielstrebig für meine zivilen Lieblingsthemen, so lange mein Mann nicht die Augen zu offensichtlich rollt und wir uns das leisten können.

Fürs Recycling bin ich noch nicht ganz bereit: Mich packt der Ehrgeiz, dass ich doch noch „reused“ werden kann.

Also, Wer will mich? Sprich, wer hat den Mut in mich zu investieren?

49,5, weiblich, Dipl. Ing., Hausfrau, MBA

Ich verspreche ein ROI*.

*Return on Investment, Anm.

Über die Gastautorin

Karin Lukas-Cox ist in Kanada und Frankreich aufgewachsen (ihr Vater war Handelsdelegierter). 1987 ist sie mit ihrer Familie zurück nach Wien, um an der BOKU Kulturtechnik und Wasserwirtschaft zu studieren. Für ihren ersten Job mit einer Kärntner Wasser-Technologie-Firma arbeitete sie ein halbes Jahr lang im Nachkriegs-Sarajevo. Bei einem Triathlon in Kärnten traf Karin ihren zukünftigen Mann, einen US-Amerikaner. Kurz danach kaufte sie ein OneWay Ticket in die USA, wo die Familie in New York, San Francisco und zuletzt in Charlotte, North Carolina, lebte. Karins Kurzgeschichten zu ihren Erlebnissen in den USA hat sie im Buch "SüdstaatenHausfrau" (Memoirenverlag) zusammengefasst. Seit 18 Monaten sind Karin und ihre Familie super glücklich wieder in Wien zu leben - "vor allem damit meine Kinder die Großfamilie genießen und mein Mann auch die Gemütlichkeit kennen lernt!"
Ihre Suche nach einem Job blieb bis dato erfolglos.

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