Mirjam Unger im WIENERIN-Gespräch

Regisseurin Mirjam Unger spricht mit der WIENERIN über Feminismus, die Zukunft des Films und ihre Nöstlinger-Verfilmung Maikäfer flieg.

30 Jahre Wienerin - 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Gespräch: Mirjam Unger.

Mirjam Unger ist Regisseurin - und zwar eine gute. Ob Kurz-, Dokumentar- oder Spielfilm, diese Frau weiß, wie man's macht.

Nach einigen Kurzfilmen kam im Jahr 2000 ihr erster Spielfilm Ternitz, Tennessee mit Nina Proll und Sonja Romei in den Hauptrollen auf die Leinwand. Es folgten preisgekrönte Dokumentationen wie etwa Vienna's Lost Daughters (2007) und Am Schauplatz "Armut ist kein Kinderspiel" (2014) und Musikvideos für Bands wie Bunny Lake bis schließlich 2016 der zweite Spielfilm veröffentlicht wurde:

Maikäfer flieg ist die einfühlsame und humorvolle Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans von Kinderbuch-Ikone Christine Nöstlinger.

Wir haben mit Mirjam Unger über die Zusammenarbeit mit Nöstlinger, subtilen Sexismus und die österreichische Filmlandschaft gesprochen.

Mirjam, was ist dein Lieblingsfilm?

MIRJAM UNGER: Mein All-Time-Favourite hat mich schon als Kind begleitet. Ich habe immer gefunden, dass es der lustigste, schönste und genialste Film der Welt ist: Billy Wilders Manche mögen's heiß mit Marilyn Monroe, Jack Lemon und Tony Curtis. Der Film ist für mich ein Meilenstein, der sehr viel mit mir gemacht hat.

Wer ist dein filmisches Vorbild?

Billy Wilder ist als Regisseur, Filmemacher, Mensch und Autor ein wichtiges Vorbild für mich. Auch weil er ursprünglich aus Wien kam und er, weil er, wie ich, jüdisch war, nach Amerika emigrieren musste. Er hat nie seinen Optimismus und seine Kreativität verloren. Das tragikomische aus seinen Filmen war sehr wegweisend für mich.

Inzwischen bist du selbst zum Vorbild geworden…

Ich freue mich natürlich, wenn Leuten gefällt, was ich mache, aber es ist für mich noch so unwirklich. Als ich auf der Filmakademie Studentinnen meinen neuesten Film Maikäfer flieg gezeigt habe, bin ich zum ersten Mal auf der anderen Seite gesessen, auf der Seite der Lehrenden. Ich lehre nicht, sondern war nur zu einem Gespräch eingeladen, aber trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, auf der falschen Seite zu sitzen. Ich fühle mich immer noch als neugieriger Mensch und als Lernende.

Welchen Rat gibst du jungen Filmemacherinnen?

Do it. Wenn du es in dir spürst, dann probier' dich aus, es ist heute leichter denn je. Mittlerweile gibt es ganze Spielfilme, die mit iPhones gedreht sind und auf großen Festivals laufen. Also technisch ist Filmemachen nicht mehr unmöglich. Selbstausbeutung ist da ein anderes Problem…

Ist Österreich ein gutes Land, um Filmemacherin zu sein?

Hier ist viel möglich, weil die Genres nicht festgefahren sind. Es wird viel über Gendergerechtigkeit diskutiert und dafür gekämpft, dass Frauen und Männer gleichberechtigt Filme machen können und gleich viel Geld bekommen. Ausgehend von FC Gloria, einem Zusammenschluss von Frauen in der österreichischen Filmbranche, wird für eine 50:50 Quote bei der Vergabe von Geldern gekämpft. Und es sieht so aus, als würde das bald für ein paar Jahre getestet werden.

In Österreich werden drei Viertel der Filmförderungen an Männer vergeben. In welche Situationen wird dir bewusst, dass du dich in einer totalen Männerdomäne bewegst?

Ich habe nie überlegt, ob Regie ein Männer- oder ein Frauenberuf ist. Ich hatte immer das Gefühl, mir steht alles offen und alles ist für Männer und Frauen genauso zugänglich. In diesem Spirit habe ich auch die Aufnahmeprüfung an der Filmakademie gemacht. Erst als Kritiker unsere Kurzfilme mit Sachen wie „Eine Welle von jungen Frauen-Regisseurinnen kommt und zeigt, wie Filmemachen geht“ betextet haben, wurde mir bewusst, dass wir hier eigentlich in eine traditionelle Männerdomäne vorstoßen. Ich bin während dem Filmemachen nach und nach auf diese Thematik gestoßen. Dieser feministische Anspruch war für mich am Anfang kein Thema. Ich wollte Filme machen und Regie führen – ich habe keinen Grund gesehen, es nicht zu tun, nur weil ich eine Frau bin.

Inwiefern wirst du in deinem Beruf mit Sexismus konfrontiert?

Ich habe nie direkt Sätze wie „Pupperl, das kannst du nicht“ zu hören bekommen, oder habe es verdrängt. Der Sexismus, den ich erlebe, läuft auf einer subtileren Ebene. Manchmal habe ich gemerkt, dass man mir, wenn ich meine Meinung geäußert habe, zwar zugehört und genickt, aber darauf null reagiert hat. Mir wurde klar, dass da irgendeine Mauer ist, die ich nicht begreife. Erst als ich überlegt und recherchiert habe, merkte ich, dass diese Mauer nicht zulässt, dass Frauen hier ernst genommen werden. Das ist Sexismus, den ich erlebt habe. Aber eben auf so eine unausgesprochene Art, die man kaum beweisen kann. Er ist subtil und ungreifbar, aber er existiert.

Bei Maikäfer flieg waren 9 von 10 Heads of Departments Frauen. Wie kam das?

Mit vielen Frauen arbeite ich schon sehr lange und sehr intensiv, also war es logisch, mit ihnen weiterzuarbeiten. Die Produzentin war mit Gabriele Kranzelbinder dann auch eine Frau, und ich wollte schon immer einmal mit Katharina Wöppermann als Ausstatterin zusammenarbeiten. Ich dachte mir, na, wenn wir schon so viele Frauen sind, wäre es doch toll, in diesem Sinne weiterzumachen. Vieles war langjährige Zusammenarbeit und Zufall, doch irgendwann kam ein Moment, in dem wir wussten: Das so durchzuziehen ist ein politischer Akt.

Welchen Einfluss hatte der Frauenüberhang auf den Film?

Es wurde eine neue Situation geschaffen, in der wirklich viele Frauen das Sagen hatten, was mit Sicherheit Auswirkungen auf den Film hatte. Alle Frauen, die gespielt haben, haben sich gut aufgehoben gefühlt, konnten gut agieren und beim Spiel über ihre Grenzen gehen. Gleichzeitig hatte es die Folge, dass Männer teilweise dafür kämpfen mussten – wie manchmal umgekehrt –, dass ihre Rollen nicht nur Opfer sind. Es war wichtig, dass auch in einem Film, in dem die Frauen stark sind, Männer positiven Input bringen. Für mich ist das Allerwichtigste, auch im Feminismus, dass wir miteinander können. Es geht darum, dass Frauen und Männer miteinander gut, egalitär und respektvoll arbeiten.

Welche politische Botschaft vermittelt Maikäfer flieg?

Die politische Message ist auf vielen Ebenen zu finden. Im Zentrum steht das 9-jährige Mädchen, das unerschrocken, mutig, neugierig und offen ist, und sich dem Fremden nähert, ohne sich von Erwachsenen sagen zu lassen, wie die Welt aussieht und wer gut und böse ist. Sie bildet sich ihre eigene Meinung, und zeigt damit einen Typus Mädchen, der sehr stark ist.

Der Film stellt die grundlegende Frage, wie eine Gruppe von Menschen, die eine andere Herkunft haben, unterschiedliche Sprachen sprechen, teilweise verschiedene politische Ansichten haben, miteinander auskommt. Wie können sie in einen Dialog treten, wie können sie sich respektieren? Es hängt oft an einzelnen Aggressoren , ob eine Gruppe es schafft, Brücken zu bauen und miteinander auszukommen, oder nicht. Das hat sehr viel mit heute zu tun.

Wie war die Zusammenarbeit mit Christine Nöstlinger?

Als wir sie gefragt haben, ob sie mitarbeiten möchte, sagte sie, sie habe ja das Buch geschrieben, ihre Arbeit sei wirklich getan, aber dass sie uns vertraue und wir sie bei Fragen immer anrufen könnten. Das haben wir dann auch gemacht und viele Stunden mit ihr am Küchentisch verbracht und über ihre Familie, über die Zeit damals gesprochen.

Die Zusammenarbeit mit ihr war toll. Ein Geschenk, dass ich das erleben, ihr lauschen durfte. Sie redet genauso wie sie schreibt. Extrem lustig, extrem pointiert, sehr gescheit.

Du machst Spielfilme und Dokumentationen. Hattest du jemals das Gefühl, du musst dich entscheiden, ob ein Film lehrreich oder unterhaltend wird?

Ich denke, sobald eine Message definiert ist, darf das Lehrreiche, Bildende nicht mehr den Stoff bestimmen. Sonst wird es moralisch und belehrend. Ich finde es immer wichtig, dass der Zuschauer weint und lacht, dass das Tragische und das Komische gleichzeitig existieren. Das, was man mitnimmt, was man lernt, muss ganz selbstverständlich mitlaufen.

Was möchtest du mit deinen Filmen bewirken?

Ich möchte emotional berühren. Mir ist wichtig, dass das Publikum im Bauch etwas spürt. Es soll lustvoll sein, nicht von Regeln geprägt. Man soll aus meinen Filmen mit einem Gefühl von Offenheit, Freiheit und kreativen Möglichkeiten gehen.

Mir ist besonders wichtig, im Dialog mit jungen Menschen zu bleiben. Vielleicht bin ich da altmodisch, aber ich lege sehr viel Hoffnung in die neuen Generationen. Ich glaube, die sind noch nicht so verbittert und vernarbt, in ihnen liegt noch so viel Positives.

Ich erlebe wunderschöne Schulvorstellungen mit Kindern mit den verschiedensten Backgrounds, die mir die lustigsten und intelligentesten Fragen stellen. Das größte Kompliment kam von drei 12-jährigen verschleierten Mädchen aus Favoriten. Die kamen nach dem Film zu mir und meinten, sie wollen schreiben, fotografieren und schauspielern, und Maikäfer flieg sei ihr Lieblingsfilm. Das war supersüß und mir wurde klar, cool, irgendwas haben wir richtig gemacht.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Films?

Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer gleichberechtigt Filme machen können. Ich wünsche mir, dass Menschen gerecht entlohnt werden und es weniger Selbstausbeutung gibt. Ich wünsche mir, dass es viele Filme gibt, die uns irgendwie zu positiven Lebensmodellen führen, dass wir auf Ideen kommen, wie wir diese Welt auf eine gute Art neu gestalten können. Denn dass wir etwas neu und anders machen müssen, das steht außer Frage.

Maikäfer flieg zum Nachschauen

"Maikäfer flieg" Filmplakat

Zum Film. Die 9-jährige Christl (Zita Gaier) findet gegen Ende des zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie (u.a. Ursula Strauss und Gerald Votava) in einer Nobelvilla in Neuwaldegg Unterschlupf, nachdem ihr Zuhause ausgebombt wurde. Als sich russische Besatzer die Villa als Quartier aussuchen, fürchten sich alle - nur nicht Christl. Sie freundet sich mit ihnen an.

Mirjam Unger nähert sich der Weltkriegs-Thematik auf eine sensible, humorvolle und ungewohnte Art. Zita Gaier gibt als Christl in Maikäfer flieg ihr fabelhaftes Schauspieldebüt und verschafft Kindern und Erwachsenen einen neuen Zugang zur (Nach-)Kriegszeit.

Die DVD gibt es für €14,99 hier zu kaufen.

6 Fragen an Mirjam Unger

Was hast du von einer Frau in deinem Leben gelernt?

Ich habe von meiner Mutter gelernt, nach dem Fallen immer wieder aufzustehen.

Was kotzt dich momentan am meisten an?

Mich kotzt an, dass sich so viele Menschen von der rechten politischen Bewegung in Österreich blenden lassen.

Was bedeutet Feminismus für dich?

Feminismus bedeutet für mich zusammenzuhalten und für ein respektvolles Miteinander unter Frauen und zwischen Männern und Frauen zu sein.

Welche Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Es kommt darauf an, welche Frauen... Frauen sollen sich heute und in 30 Jahren die Frage nicht stellen müssen, ob Arbeit und Familie zusammengehen.

Welches Ereignis hat dich im vergangenen Jahr besonders bewegt?

Mich hat im vergangenen Jahr die Wahl des Bundespräsidenten sehr bewegt.

Warum würdest du nicht mit deiner Großmutter tauschen wollen?

Ich möchte mit meiner Großmutter auf keinen Fall tauschen, weil sie als 16-Jährige aus Berlin alleine nach Israel vor der Naziverfolgung flüchtete. Sie hat die Reise nach Israel geschafft, aber sie war schwer traumatisiert und hat das nie wirklich überwunden. Ich bin sehr glücklich, dass ich in einer ganz anderen Situation leben kann, und bin jeden Tag dankbar dafür, und möchte auch in ihrem Namen diese Freiheit, die mir gegeben wurde, nützen.

 

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