minusgold: "Sich schön zu fühlen ist nicht die Voraussetzung fürs Glücklichsein"

Diese Tage, an denen du dich einfach nur grauslich fühlst? Jaqueline Scheiber packt sie auf Instagram in Worte. Dabei vergisst sie auch die guten nicht. Im Gespräch über Körper, Schönheit und Scham erzählt die Autorin, wie sie sich in der Body Neutrality-Bewegung gefunden hat.

Jaqueline Scheiber alias minusgold im Interview über Body Neutrality

Große Worte und ästhetische Bilder, so könnte man Jaqueline Scheibers Instagram-Account beschreiben. Als @minusgold teilt die 26-Jährige seit Jahren ihr Leben und ihre Gedanken auf Instagram. Und was das für Gedanken sind! Über Gefühle und Akzeptanz, über (Selbst)liebe und Trauer, übers Loslassen und immer wieder übers Ankommen im Selbst: im Körper und in dem, was man so gemeinhin Seele nennt.

Vor zwei Jahren haben wir mit Jaqueline Scheiber über Schönheitsideale und Body Positivity gesprochen. Jetzt, wo für sie aus #bodypositivity längst #bodyneutrality geworden ist, haben wir uns erneut getroffen. Dazwischen ist viel passiert, angefangen bei einem Foto ihres Bauches. Unretuschiert, mit Falten und Dehnstreifen. "Mein Bauch ist nicht weniger liebenswert, nur weil er mit mir gemeinsam ein paar Mal gewachsen und wieder geschrumpft ist", steht unter dem Posting aus Juli 2018. Mehr als fünftausend Menschen gefällt das.

Eine große Überwindung sei das damals gewesen. "Ein Befreiungsschlag", sagt sie heute, in einem ehrlichen Gespräch über Schönheit, Scham und diesen Körper, der alles mitmachen muss.

Die Bewegungen Body Positivity und Body Neutrality fordern Schönheitsideale und den gesellschaftlichen Wert, den unserer Körper haben, heraus. Während die Body Positivity darauf abzielt, dass alle Körper so akzeptiert werden, wie sie sind, versteht die Body Neutrality den Körper als bloßes Werkzeug und möchte, dass wir uns abseits von Schönheit verstehen.

Mehr dazu >>> im WIENERIN-Interview mit der Expertin Elisabeth Lechner.

Du warst eine der ersten in Österreich, die #bodyneutrality zum Gespräch gemacht hat. Was bedeutet die Bewegung Body Neutrality heute für dich?

Jaqueline Scheiber: Ein Körper darf auch einfach nur ein Körper sein. Er muss nicht schön sein. Er hat nicht den Anspruch, ästhetische oder zeitgenössische Ansprüche zu erfüllen. Die Erkenntnis: Es ist schön, wenn man sich selber schön fühlt, aber es ist nicht die Voraussetzung, um glücklich zu sein.

Ist das auch ein Schritt weg von der Body Positivity?

Die Body Positivity-Bewegung war und ist sehr gut, sie hat plötzlich Raum für mehr als nur normschöne Körper geschaffen. Ich habe für mich stets auch die Kritik reflektiert und mich gefragt, ob ich wirklich alles lieben muss, wirklich jeden Teil zelebrieren muss. Es gibt halt Tage, an denen man sich blöd findet und Körperregionen, die man nicht so super findet. In Momenten des Zweifels versuche ich mich darauf zu besinnen, wozu mein Körper eigentlich da ist.

Du sagst: „Alles lieben muss“. War Body Positivity für dich auch Druck?

Ich hatte Zeit meines Lebens keinen normschönen Körper. Gerade dicke Menschen sagen sowieso oft, sie fühlen sich super, und trauen sichnach außen nicht zu sagen, dass es doch nicht so ist. Natürlich ist das ein Druck. Und es ist ein Widerspruch: Einerseits fühle ich mich als selbstbewusste Frau, die irrsinnig viel geschafft hat in ihrem Leben, und ich will nicht auf mein Äußeres reduziert werden, und trotzdem investiere ich ja in mein Äußeres. Ich gebe mir Mühe und überlege, was ich anziehe. Die BodyNeutrality bietet einen Begriff für Menschen, die nicht ständig dieser Selbstoptimierung unterliegen, auch wenn sie nur mental ist.

Es ist schön, wenn man sich selber schön fühlt, aber es ist nicht die Voraussetzung, um glücklich zu sein.

von Jaqueline Scheiber alias minusgold

Die Body Neutrality kann dir also eine Art Gelassenheit geben?

Absolut! Ich fände es schon stressig, wenn ich jeden Morgen aufstehen und sagen müsste: „Ich find' mich so super!“

Fällt es dir leicht, deinen Körper hinzunehmen oder ist das auch für dich ein Struggle?

Ich struggle natürlich an manchen Tagen, das gehört einfach dazu. In Gesprächen mit Menschen außerhalb der Bubble, wenn mir ArbeitskollegInnen von ihren Diät- und Sportprogrammen erzählen, merke ich aber, dass ich die Body Neutrality verinnerlicht habe. Dass ich mir diese Sätze nicht nur vorsage, sondern wirklich davon überzeugt bin.

Vor zwei Jahren hast du uns im Interview erzählt, dass du dich als Jugendliche nicht getraut hast, auf offener Straße ein Eis zu essen – aus Angst vor den Reaktionen anderer. Hat sich deine Wahrnehmung durch die Body Neutrality verändert?

Ich hab tatsächlich vor kurzem mit Sport angefangen. Der war bei mir immer negativ besetzt: etwas,dessen Ergebnis ein perfekter Körper sein muss, weil sonst brauchst keinen Sport machen. Jetzt mach ich es, weil es mir mental etwas bringt und ich hab kein schlechtes Gewissen, wenn ich danach eine Pizza esse.Ich mach es nicht, um weniger zu werden.

Im öffentlichen Raum schäme ich mich nicht mehr so. Ich kann sehr selbstbewusst zu mir stehen - an manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Da zupf ich auch an meinem Kleid rum. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Leute darauf reagieren, wenn du sehr gelassen und sehr selbstverständlich den Raum einnimmst, den du brauchst.

Das klingt, wie der Standardsatz aus einem Selbsthilfe-Buch, aber wahrscheinlich ist was Wahres dran.

Es ist nicht so einfach wie es klingt.(Sie lacht.)

Ich fände es stressig, wenn ich jeden Morgen aufstehen und sagen müsste: „Ich find' mich so super!“

von Jaqueline Scheiber alias minusgold

Wie schafft man es nun aber, den eigenen Körper tatsächlich hinzunehmen und zu akzeptieren - wenn uns von klein auf eingetrichtert wird, dass wir nicht gut sind, wir sind?

Das ist eine schwierige Frage. Es hat viel mit den Menschen zu tun, mit denen man sich umgibt. Popkulturen, Stmungen und Literatur können einem das nötige Selbstwertgefühl geben – können versichern, dass man auch anders sein kann. FreundInnen können zusätzlich Halt geben. Es ist aber ein rouletteartiges Spiel - entweder man hat das Glück, trifft jemanden und merkt: Man ist nicht allein! Oder man verbringt sein Leben damit, nach einem Ideal zu streben, das man nie erreichen wird.

Gerade, weil wir so groß geworden sind, fehlt uns oft der Eigenantrieb, die Strukturen zu hinterfragen. Es ist ja superanstrengend, zu merken, dass etwas nicht stimmt. Social Media ist eine gute Möglichkeit, um mit Bewegungen wie Body Positivity oder Body Neutrality in Berührung zu kommen.

Deine Community ist ja eine sehr solidarische. Haben sich die Reaktionen auf deine Beiträge verändert im Übergang zur Body Neutrality?

Es war ein bisschen mehr Neugierde, weil der Begriff noch nicht so weit verbreitet ist. Ich merk schon, dass die Leute wissen wollen, worum‘s da geht.

Entweder man hat das Glück, trifft jemanden und merkt: Man ist nicht allein! Oder man verbringt sein Leben damit, nach einem Ideal zu streben, das man nie erreichen wird.

von Jaqueline Scheiber alias minusgold

Jetzt gibt‘s natürlich die Kritik, dass der Diskurs von normschönen Menschen vereinnahmt wird – wenn man gesellschaftlich eh schön ist, hat man leicht reden. Können Body Positivity und Body Neutrality Bewegungen für alle sein?

Es ist eine gesunde Haltung für jeden Menschen, egal ob normschön oder marginalisiert. Bei diesen ganzen Diskussionen muss man immer wieder seine Privilegien checken und kurz überlegen: Wo kommt das her? Welche Leute sollten sich das auf die Fahnen schreiben? Ich selbst bin ja auch in einer sehr privilegierten Position. Ich bin weiß und ich habe keine 140 Kilo mehr. Ich kann mein Gewand in einem stinknormalen Geschäft kaufen, das macht natürlich einen Unterschied in meinen persönlichen Diskriminierungserfahrungen.

Man muss damit sehr vorsichtig umgehen. Als innere Haltung sind diese Bewegungen jeder und jedem dienlich. Nach außen sollte man immer klar kommunizieren, welchen Raum man wie absteckt, dazu braucht es viel Reflektionsfähigkeit. Gleichzeitig ist wichtig, wie man normschönen Menschen, die den Platz einnehmen, ihr Handeln so kommuniziert, dass man Aufklärung schafft und keine Verfeindung.

Ist der Ton zu scharf?

Ich hab oft das Gefühl, dass wir uns gerade in den Kreisen, wo wir viel reflektieren, diskutieren und versuchen, alles richtig zu machen, gegenseitig schwächen, weil wir immer das Gefühl haben, jemand nehme sich zu viel oder zu wenig. Unterm Strich braucht es eine grundsolidarische Haltung. Ich versuche immer zu verstehen: Wieso macht dieser Mensch das, wieso drückt er sich so aus? Bei einer durchtrainierten, blonden Frau, die sagt: "Ich liebe meinen Körper" denk ich mir zuerst "Ja, eh!". Aber eigentlich ist das doch schön, wenn sie glücklich ist. Auf einer persönlichen Ebene kann man das weiter besprechen.

Es ist eine gesunde Haltung für jeden Menschen, egal ob normschön oder marginalisiert.

von Jaqueline Scheiber alias minusgold über Body Neutrality und Body Positivity

Du zeigst doch regelmäßig, wie du dich fertig machst, schminkst und herrichtest und dich schön findest. Hast du manchmal das Gefühl, du darfst sowas nicht mehr?

Ich sehe das mit Humor und zieh es auch durch den Kakao. Mir ist bewusst, dass ich auf diesen Selfies sehr staged bin, in sehr gutem Licht und voll ang‘schmiert. Auch das ist ein wichtiger Teil des Diskurses, weil Body Neutrality eben nicht bedeutet, dass man sich nicht schminkt und sich irgendeinen Lumpen anzieht und trotzdem alles okay ist. Body Neutrality bietet die Möglichkeit, auf die Ebene aufzuspringen, auf die man gerade Lust hat.

Make Up und Kleidung sind letztlich Hilfsmittel - meistens für einen selbst, gar nicht für andere. Ich liebe es, dass wir die Hülle und die Möglichkeit haben, so wandelbar zu sein und uns auch Mal sehr klischeehaft selbst zu feiern. Manchmal frage ich mich: Ist das jetzt wirklich zu stumpf, ein übergefiltertes Selfie zu posten? Aber dann denk ich mir: Wieso eigentlich nicht fishing for compliments?

Hast du da noch Ansprüche an dich selbst - quasi ein Wunschgedanke an die Zukunfts-Jaqueline?

Ich möchte noch entspannter werden. Manchmal habe ich trotzdem Zweifel - weniger wegen meiner Überzeugungen, sondern mehr aus Angst, ob ich die Reaktionen der Außenwelt packe. Ich hab vor kurzem das erste Mal ein Crop Top angezogen und das war schon eine Überwindung. Ich fand mich dann gut darin und ich konnte mich dem aussetzen. Das geht nicht an allen Tagen.

Grundsätzlich geht es darum, eine Linie zu finden, in der ich eine Routine finde, in der ich mich wohl fühle, ohne fremdgesteuert zu sein. Ich versuche, mich von unrealistischen Zielen zu verabschieden – ich hab etwa keinen Anspruch mehr, irgendwann reine Haut zu haben. Das spielt’s nicht für mich. Ich möchte mich aber fitter und wohler fühlen, aber ohne dass ich irgendwas an mir modelliere.

Innenwirkung statt Außenwirkung also?

Ja, da will ich hin.

Schwerpunkt: Wir müssen unsere Körper nicht bedingungslos lieben

Body Positvitiy ist im Mainstream angekommen: "Liebe deinen Körper" heißt es an allen Ecken (und in der Werbung). Aber müssen wir das wirklich, um mit uns selbst gut leben zu können? Die Body Neutrality sagt deutlich: Nein. Und will den - meist weiblichen - Körper endlich aus dem Fokus nehmen.

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