Minusgold: „Ich bin mehr als die, deren Freund gestorben ist“

Das, was für viele nebensächlich ­erscheint, packt Jaqueline Scheiber auf ihrem Blog Minusgold in Worte, die berühren. Ihre Texte ­treffen mitten ins Herz – und einen Nerv der Zeit.

Manchmal begegnet man diesen Menschen, die inspirieren. Diese Menschen, die es schaffen, das ­Chaos dieser Welt in beflügelnde Worte zu packen. Jaqueline Scheiber alias Minusgold ist eine davon.

Ich treffe die 23-Jährige in der Bar des Top Kinos, ein Hotspot der Kreativszene Wiens und ein Ort, an dem die Autorin gerne sitzt, um einfach nachzudenken, zu beobachten und zu schreiben. Ein Zauber umweht die junge Frau mit den kurzen, blonden Haaren und der schwarzen Kleidung. Und sobald sie beginnt, über das Glück, den großen Verlust und die Liebe zur Poesie zu ­sprechen, weiß ich auch, warum. Bereits mit 16 Jahren hat Jaqueline Scheiber ­angefangen, ihre Gedanken und Geschichten im „Netzmeer zu verteilen“, wie sie es nennt. Ihr Blog Minusgold war geboren.

Und damit auch eine künstlerische Identität, die es ihr ermöglichte, ganz Privates zu verarbeiten. Wie etwa den Tod ihres Freundes letztes Jahr. Eines Tages wachte sie neben ihm auf, und er atmete nicht mehr. Auf ihrem Instagram-Account finden sich Texte und Fotos, die an Felix erinnern. „Als du in mein Leben gestolpert bist, hast du mir das größte Geschenk gemacht: das Wissen um bedingungslose Liebe“, schrieb sie kürzlich an seinem Geburtstag. So offen mit ihrem Schmerz umzugehen war eine bewusste Entscheidung.

Heute sagt sie aber klar: „Ich bin mehr als die, deren Freund gestorben ist.“ Ihre Identität sei zwar untrennbar mit ihm verbunden, doch sie habe auch viele andere, denen sie Raum geben will. Sich als junge Frau im österreichischen Literaturbetrieb wie auch im Leben zu behaupten sei ohnehin schwer genug, weiß die junge ­Autorin. Zu oft fühle man sich fehl am Platz, nicht wertgeschätzt und ständig hinterfragt. Das Selbstbewusstsein, hineinzupreschen und sich auszubreiten, ist für sie ein Prozess, der Zeit braucht. Wie sie es geschafft hat, sich diesen Raum zu nehmen, verrät sie im Interview.

Auf Ihrem Blog ­sagen Sie: „Ich schreibe, damit ­etwas bleibt.“ In welchen Momenten entstehen Ihre Texte?

Minusgold: Früher hat sich das Schreiben bei mir extrem aufgedrängt, haben sich einfach immer mehr Worte angehäuft. Dann hatte ich eine intensive Zeit, in der ich ­bewusst Wahrnehmungen nieder­geschrieben habe.

Ist Wien in Ihren Augen eine gute Stadt, um kreativ zu sein?

Wien ist extrem inspirierend. Als ich mit 19 nach Wien gezogen bin, war an jeder Ecke etwas, worüber ich schreiben wollte. ­Diese Diskrepanz zwischen dem schönen Prunk und dem Dreckigen fasziniert mich.

Gibt es Orte in dieser Stadt, die Sie besonders inspirieren?

Alte Kaffeehäuser und Bars. Im Café Europa habe ich einmal einen Mann gesehen, der die ganze Nacht am Tresen gestanden ist und seinen Notizblock befüllt hat. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

„Ich habe, wie jede junge Frau, lange damit gekämpft, ob es okay ist, wer ich bin und wo ich stehe.“
von Minusgold

Sie haben mit 16 Jahren Ihren Blog gestartet. Welche Autorinnen hatten Sie zuvor geprägt?

Ingeborg Bachmann ist eine Frau, deren ­Schreiben mich schon lange begleitet. Sie hat den Mut gehabt, ihre Verletzlichkeit zu zeigen und ein Leben zu führen, das nicht gewöhnlich war. Als Frau, in einer Zeit, in der Konventionen eine noch viel größere Rolle gespielt haben. Die Welt ist zugeschüttet mit bedeutungslosen Phrasen – und dann kommt jemand wie Bachmann und packt Bedeutung hinein. Da gehört schon viel Mut dazu.

Ihre Texte handeln von großen Gefühlen, Verlust, Identität. Sind das die Themen, die Sie persönlich begleiten?

Ich könnte nie über etwas ­schreiben, das ich nicht nachvollziehen kann. Ich hatte lange einen Kampf mit mir selbst, weil ich nicht das Klischee eines jungen Mädchens sein wollte, das über die Großstadt schreibt. Aber wenn man es herunterbricht, ist es einfach das und das ist okay so. Umso schöner ist es, wenn ich mit meinem Schreiben eine Fläche schaffe für Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.

Finden Sie, dass die Lebensrealitäten junger Frauen zu wenig Beachtung in der Literatur finden?

Ja, leider. Ich habe natürlich, wie jede junge Frau, ganz lange damit gekämpft, ob es okay ist, wer ich bin und wo ich stehe; viele Sachen hinterfragt. Aber am Ende des Tages würde ich gerne transportieren, dass man authentisch sein darf. Weil wir alle viel zu viel Zeit damit verbringen, etwas vorzuspielen, was der Realität nicht standhält.

Wurden Sie je negativ auf Ihre Texte angesprochen?

Ja, natürlich. Einige schreiben mir, dass meine Texte keine Qualität haben. Eine Nachricht, die mich wirklich getroffen hat, war, dass ich mein schlechtes Schreiben mit dem Tod meines Freundes vermarkte. Die Leute treffen natürlich die eigenen Unsicherheiten. Aber man darf sich davon nicht einschüchtern lassen.

„Emotionen sind nichts Schwaches. Es braucht sehr viel Stärke, um über intime Erlebnisse zu reden.“
von Minusgold

Werden junge Autorinnen kritischer beäugt als ihre Kollegen?

Frauen lastet noch immer das Vorurteil an, zu emotional zu sein. Sobald man intime Emotionen teilt, wird das oft als Schwäche oder „typisches Frauending“ abgetan. Es braucht aber sehr viel Stärke, um über intime Erlebnisse zu reden.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, „pures Glück“ macht Sie sprachlos. Wie würden Sie dieses Glück für sich definieren?

Es sind Momente. Ich verbinde Glück mit zwischenmenschlichen Erlebnissen, die man teilen kann. Als jemand, der schreibt oder fotografiert, tendiert man ja dazu, seine private Person immer wieder auf Material und Stoff für Kunst abzuklopfen. Pures Glück ist der Moment, wo man sich denkt: nein, das gehört jetzt nur mir. Es sind diese kleinen, banalen Momente – wie etwa, dass nach vier Monaten Dunkelheit die Sonne wieder scheint. Oder ein Abend mit Freundinnen, der viel besser war als erwartet. Das ist ein kleiner Schatz, den man sich bewahren kann. Dass es Sachen gibt, die Kunst gar nicht erreichen kann, egal in welchen Höhen oder Tiefen. Manche Sachen müssen unausgeprochen bleiben, weil sie so persönlich sind, dass sie nur einem selbst gehören.

Was würden Sie anderen jungen Autorinnen gerne mitgeben?

Viel mehr Intuition und viel mehr Unabhängigkeit von anderen Meinungen. Das sagt man so schnell und das ist ein unglaublich schwieriger Prozess, aber jeder Mensch hat ein kreatives Ventil und im Laufe des Erwachsenwerdens geht es verloren, weil man immer mehr Angst hat und sich immer stärker vergleicht. Dabei ist die Unvergleichbarkeit von einem Ding, das man in die Öffentlichkeit gibt, das, was es so wichtig und bedeutend macht. Und ja: man muss sich eine dicke Haut anlegen. Aber solange man sich selber bei der Sache sicher ist, ist es das Richtige. In der Kunst gibt es kein gut oder schlecht – es gibt immer nur Betrachter, denen es gefällt, und jene, denen es nicht gefällt. Am Ende des Tages muss es aber einem selbst ­gefallen.

Zur Person

Jaqueline Scheiber alias Minusgold ist eine junge Autorin, Dichterin und Fotografin, die in Wien lebt und arbeitet. 1993 wurde sie in der Nähe von Wien geboren und ist im Burgenland sowie in Niederösterreich aufgewachsen. Mittlerweile liegt ihr Lebensmittelpunkt in der österreichischen Bundeshauptstadt, wo sie ihre Erlebnisse in Texte und Fotos packt. Ihre berufliche Identität hat sie in der Sozialen Arbeit gefunden. Der erste Lyrikband Wundheilungsphasen erschien 2012. Der zweite wird demnächst folgen. LINK: blog.minusgold.org

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