Militante Abtreibungsgegner plakatieren "Abtreiben macht frei"

In Deutschland plakatieren extreme Abtreibungsgegner mit einem an die NS-Zeit angelehnten Werbesujet. Nun ermittelt die Justiz.

Im Schaufenster einer Kölner Buchhandlung hängt ein Plakat. Groß ist es, es bedeckt die gesamte Fensterfront. Die Botschaft darauf ist in geschwungen Buchstaben illustriert, die an ein schmiedeeisernes Tor erinnern sollen. Nicht irgendein schmiedeeisernes Tor, sondern das des Konzentrationslagers Ausschwitz, in dem Nationalsozialisten während des zweiten Weltkrieges 1,5 Millionen Menschen ermordet haben. Statt "Arbeit macht frei" steht auf dem Plakat "Abtreiben macht frei", statt des KZs sieht man im Hintergrund den Südfriedhof der deutschen Stadt Wiesbaden. Darüber prangt in cleanen, geraden Großbuchstaben: KINDERMORD.ORG. Radikale Abtreibungsgegner plakatieren mit Holocaust-Verharmlosung.

Das "Rheinische antifaschistische Bündnis gegen Antisemitismus" hat ein Foto des Schaufensters veröffentlicht und kritisiert die Aktion als "Holocaustrelativierung". "Insgesamt sehen wir eine Verstärkung des deutschen Antisemitismus. Dass Holocaust-Relativierungen von radikalen Tierschützern oder radikalen Abtreibungsgegnern angewandt werden, ist dagegen nichts Neues. Das gibt es schon lange", erklärt ein Vertreter des Bündnisses im stern. Man selbst wolle primär Öffentlichkeit für Antisemitismus herstellen. Angezeigt habe das Bündnis den Vorfall nicht, inzwischen prüft die Justiz aber, ob eine strafbare Handlung vorliegt. Die "Recherche-& Informationsstelle Antisemitismus" hatte die Polizei mit einem Tweet auf das Plakat in der Kölner Buchhandlung aufmerksam gemacht.

Auch auf der Website Kindermord.org prangt das Sujet, darunter offenbaren die radikalen Abtreibungsgegner ihre Gedankenwelt und die Wahl ihres Bildmaterials. "Die Mahn- und Gedenkstätte für die im Mutterleib ermordeten Kinder Deutschlands hat sich zum Ziel gesetzt, die Verdrängung des größten noch andauernden Verbrechens der deutschen Geschichte endgültig zu beenden", so der Wortlaut. "Die Täter ließen bereits schätzungsweise mehrere hunderttausend Kinder, die sie vor der Geburt ermordet haben, im 'Sternengarten' auf dem Südfriedhof in Wiesbaden heimlich verscharren", behaupten die Seite weiter. Sie hetzt gegen Abtreibungskliniken und ÄrztInnen, die Abtreibungen durchführen.

Das Sujet sorgte bereits im Juli für Empörung. Ein Abgeordneter der rechtspopulistischen AfD wurde im Bundestag gefilmt, als er einen Flyer mit dem Motiv in der Hand hielt. Diese waren an zahlreiche Bundestagsabgeordnete verschickt worden und sollen von der erzkonservativen "Deutsche Zentrumspartei" stammen.

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