"Migrant*innen sind auch manchmal Rassisten"

Marina Lacković, besser bekannt als Malarina, mischt Wiens Kabarettszene auf. Die serbischstämmige Satirikerin im Interview.

Spritzer mit Malarina

Ein hautenges Kleid, das Gesicht stark geschminkt, der serbische Akzent ebenso stark – wenn Marina Lacković die Bühne betritt, dann spricht meistens nicht sie selbst, sondern ihre Kunstfigur Malarina. Und die ist nicht gerade zimperlich: In ihrem ersten Programm mit dem martialischen Titel "Serben sterben langsam" spielt sie mit nationalen Opfer- und Tätermythen ebenso wie mit Balkanklischees. Damit wurde Lacković zur Sensation der Kabarettszene und bekam als Newcomerin gleich mal den Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises 2022. Sie selbst kam als serbisches Migrantenkind nach Österreich und wuchs – mit vielen Vorurteilen konfrontiert – in Tirol auf. Wir stoßen (auf ihren Wunsch mit einem Bier statt eines Spritzers) an und starten das Gespräch.

WIENERIN: Wie würdest du beschreiben, was du auf der Bühne machst? Wer ist Malarina?

Marina Lacković: Malarina ist eine rechts-wählende Migrantin, die Strache nachtrauert. Ich bin aber in Interviews nie diese Person. Ich finde das wahnsinnig lächerlich, wenn Künstler nicht aus dieser Rolle fallen und so tun wollen, als wären sie immer ihre Bühnenfigur. Niemand ist immer die Bühnenfigur – außer Gunkl vielleicht (lacht).

Du spielst als Malarina auch mit dem Bild der „Frau aus Süd- und Osteuropa“ …

Als ich jung war, gab es in Serbien keine einzige Frau, die etwas zu sagen hatte. Das Beste, was man als Frau in Serbien werden konnte, war, hübsch. Punkt eins: Du bist geil. Noch besser: Du bist verheiratet und geil. Noch viel besser: Du bekommst zwei Kinder und bist trotzdem noch geil. Dann hast du’s geschafft. Ich sage immer: Vielleicht ist es Frauen eher wurscht, dass ihre Männer mehr verdienen, wenn sie aus Ländern wie Serbien kommen, wo die Männer selber richtig scheiße verdienen. Dann denken sie: "Boah, für das Geld geh ich gar nicht arbeiten! Scheiß auf Equal Pay und Pay-Gap!"

Es wird so dargestellt, als hätte dieser serbische Dude – out of the blue – einfach Franz Ferdinand erschossen.

von Marina Lacković

Warum stehst du dann als so eine Frauenfigur in engen Kleidern etc. auf der Bühne?

Weil sich die Figur, die ich spiele, nur so kleiden würde. Aber tatsächlich ist es so: Ich zieh mich gern so an. Was soll ich machen? Ich bin glücklich für die neue Generation, aber ich bin zu alt, um mich zu ändern (lacht). Aber man kann das, auch wenn es einen selbst betrifft, hinterfragen und verarschen. Und dazu bin ich bereit.

Dein erstes Programm heißt "Serben sterben langsam". Warum so ein brutaler Titel?

Weil er fantastisch ist. Es beginnt mit dem Schuss von Sarajevo, wo es dann den Propagandaspruch "Serbien muss sterbien" gab. Es ist halt komisch, wenn man als Serbin in Österreich in der Schule sitzt und die Lehrerin bringt einem diesen Schuss von Sarajevo bei. Da fühlt man sich echt scheiße als Quoten-Jugo in der Klasse. Es wird so dargestellt, als hätte dieser serbische Dude – out of the blue – einfach Franz Ferdinand erschossen. Niemand erwähnt, dass das Gebiet von Österreich besetzt war. Und dann fragt einer in der Klasse: "Aber warum haben die das getan?" Und die Lehrerin antwortet ihm wirklich: (mit Tiroler Akzent) "Ja, Adrian, du musch wissen: Des wor’n halt Serben."

Serben und Österreicher ­haben viel gemeinsam: den Opfer­komplex und das Selbstmitleid.

von Marina Lacković

Was haben Serben und Österreicher gemeinsam?

Urviel. Den Geschichtsrevisionismus, den Opferkomplex und die Glorifizierung von Niederlagen; die Islamophobie klammern wir mal aus, aber das ist einer der Hauptgründe, warum Serben in Österreich rechts wählen. Was eint sie noch? (Denkt nach.) Selbstmitleid! (Lacht.)


HC Strache und die Serben – wie kann man das erklären?

Man muss den Österreichern ein für alle Mal mitteilen, dass es urnaiv ist, zu glauben, dass Migranten nicht rassistisch sind. Natürlich sind Migranten auch manchmal Rassisten! Natürlich wollen sich Migranten auch über jemanden erhaben fühlen. Das ist bei Menschen, die in ihrem Leben nichts zustande gebracht haben, als in einem bestimmten Land geboren zu sein, irgendwie üblich.

 

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