"Micro-Cheating": Fremdgehen am Handy - aber nur ein bisserl

Macht uns Kommunikation im Netz alle zu kleinen BetrügerInnen? Oder ist liken und chatten auf Instagram & Co. eh voll okay? Neue Kommunikationsformen werfen Fragen auf.

Micro Cheating - ist das schon Fremdgehen?

Da ist dieser Typ auf Instagram, der wirklich gut aussieht und immer wieder deine Bilder liked. Irgendwann antwortet er auch einmal auf deine Insta-Story und plötzlich schreibt ihr euch täglich. Unter Singles ist das mittlerweile eine beliebte Anbandelungs-Methode. Aber ist so ein Verhalten in einer Beziehung auch okay?

Fragen wie diese werden unter dem neuen Begriff "Micro-Cheating" ("kleines Betrügen") zusammengefasst. Schließlich ist das Kommunizieren mit anderen Personen per se kein Betrug - wenn aus dem ständigen Like-Geben aber mehr wird, ist die Linie nicht mehr so klar zu ziehen. Zumal ein "Like" auch von dem Partner/ der Partnerin öffentlich gesehen werden kann.

Toxische Entscheidungen

"Durch den technologischen Fortschritt und die Vielzahl der verfügbaren Plattformen haben die Menschen oft das Gefühl, dass es eine endlose Auswahl gibt. Diese Wahl kann Leute manchmal dazu bringen, toxische Entscheidungen zu treffen", erklärt eHarmony-Datingexpertin Rachael Lloyd gegenüber dem Online-Portal Yahoo. Llyod warnt davor, dass aus einem "kleinen Flirt im Internet" schnell mehr werden kann. Die Kommunikation im Internet ist vielfältig und unkompliziert, neue Funktionen machen es Menschen immer leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Da fängt es schnell mal mit einem "Herzchen"-Emoji an und endet in einem nicht-endenden Chatverlauf. "Der Zwist nach solchen Situationen kann genauso verheerend sein wie nach einer körperlichen Affäre", glaubt Lloyd.

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Jede/r empfindet Betrug anders

In Partnerschaften gilt es, Online-Kommunizieren deshalb lieber vorab abzuklären - bevor eine Person verletzt wird. Für manche ist schon das "Liken" der Bilder am Profil eines attraktiven Anderen zu viel, andere ziehen die Grenze erst bei Berührungen im echten Leben. Deswegen sollte man als Paar für sich Grenzen ziehen - die Bedeutung, die wir virtuellen Zuneigungen zuschreiben, ist schließlich individuell unterschiedlich.

Grundsätzlich gilt: gegen ein bisschen Flirten ist nichts einzuwenden. Ein gewisser Freiraum in Beziehungen ist durchaus legitim - wenn er vorab vereinbart und einvernehmlich ist. Das bestätigt auch der Berliner Paar- und Sexualtherapeut Robert Coordes gegenüber dem Spiegel, der in einem gelegentlich Flirt eher einen Ausdruck von Lebendigkeit oder Möglichkeit für Spannungsabbau sieht. "Das ist weder eine Einstiegsdroge noch der Pfad ins Dunkle", glaubt Coordes.

Fragen, die sich Paare stellen sollten

  • Was empfindet der Partner/ die Partnerin als "Betrug"? Ist ein Like zu viel, ein "Herz"-Kommentar zu intim oder eine Chat-Unterhaltung noch ok?
  • Warum wird geliked, kommentiert oder geschrieben?
  • Welche Bedürfnisse werden dadurch befriedigt?
  • Warum empfindet der Partner/ die Partnerin das "Micro Cheating" als verletzend?

Langfristig gesehen raten BeziehungsexpertInnen allerdings dazu, in einer Beziehung auch Raum für Fantasie und neue Reize zu lassen. Nur, weil jemand von einer anderen Person angezogen wird oder gelegentlich an sie denkt, muss das nicht das Ende der Beziehung bedeuten. Wer darauf besteht, dass der eigene Partner nie wieder jemand anderen attraktiv finden darf - "eine sehr unrealistische Erwartung" - der werde einfach nur sehr viel Spannung und Streit in der Beziehung erzeugen, glaubte schon der Psychologe Justin Lehmiller, der sich bereits im Vorjahr mit "Micro Cheating" auseinandersetzte (mehr lesen).

 

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