Michi Häupl: "Wenn ich Durst habe, trinke ich am liebsten weiße Spritzer"

Die WIENERIN geht einmal im Monat mit spannenden Wiener Persönlichkeiten "auf einen Spritzer". Diesmal mit einem Ehrengast (und quasi Erfinder der Rubrik): Noch-Bürgermeister Michael Häupl.

Mit Michael Häupl in einem Kaffeehaus im siebenten Bezirk zu sitzen, erregt Aufmerksamkeit. Und macht die Lokalbesitzer stolz. Nachdem ein Insta-Post des Café Europa samt Herzerl und „Unser Bürgermeister auf ewig“ im Netz landet, werden die Zaungäste in der Zollergasse mehr. Highlight: eine Spontanaktion der Plattform Wiener Schmäh (wienerschmaeh.at), die ihrem Bürgermeister direkt in unser Interview hinein eine Lieferung bringen lässt. „Ihr Einser-Menü: eine Flasche Veltliner, eine Flasche Mineral – für Sie mit besten Grüßen.“ Michael Häupl lacht herzhaft. Wir auch. Ein lustiges, aber auch wehmütiges Gespräch mit dem vielleicht letzten österreichischen Politiker, dem eine soziale Politik, aber eben auch der Schmäh recht wichtig sind.

Herr Bürgermeister, Sie haben das Frauenvolksbegehren unterschrieben. Warum eigentlich?
Michael Häupl: Weil darin Forderungen enthalten sind, die man gar nicht oft genug unterstützen kann. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit schon im Gründungsprogramm der österreichischen Sozialdemokratie von 1880 enthalten ist, dann denke ich mir: Es gehört sich doch einfach.

Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) sagte, dass die 50-Prozent-Quote über alle Branchen und die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche ihr das Unterschreiben unmöglich gemacht haben. Das sind pragmatische Argumente, finden manche. Sie auch?

Diese Argumente halte ich für einen vollkommenen Holler, mit Verlaub. Es ist ja genau der Sinn solcher Volksbegehren und der darin enthaltenen Forderungen, dass sie in die Zukunft weisen. Es geht nicht darum, Bestehendes festzuschreiben.

Wenn ich Durst habe, trinke ich am liebsten … weiße Spritzer. Und wenn’s lustig sein soll, trinke ich am liebsten … weiße Spritzer.
von Michi Häupl

„Die Sozialdemokraten brauchen jetzt ein bisschen Urlaub von der Macht. Ich denke, das tut ihnen gut“ – so formulierte es Kabarettist Josef Hader unlängst in der Süddeutschen Zeitung. Was ist denn aus Ihrer Sicht das Gute an der Oppositionsrolle der SPÖ im Bund?

Aus meiner Sicht nicht viel. Sozialdemokratie in Opposition heißt, dass es die schwarz-blaue Regierung gibt, und die macht schwarz-blaue ­Politik, und das ist jetzt schon erkennbar eine Politik, die eindeutig ­zulasten der Schwächeren im Land geht. Beispiele: Zuerst zerstört man das bundesweite System der Bedarfsorientierten Mindestsicherung – und damit das letzte soziale Netz, das es für die armen Leute gibt. Was ich damit sagen will: Im Kern zerstört man soziale Systeme, man handelt ganz bewusst gegen die armen Leute und macht noch dazu eine Umverteilung von den Armen zu den Reichen. Das ist das Grundprinzip der Sozial- und Steuerpolitik dieser ­Bundesregierung. Und jeder, der sagt, es sei gut, wenn die Sozialdemokraten einmal nicht an der Macht sind, wird das nur sagen können, wenn er sich gleichzeitig zu diesem Grundprinzip dieser konservativen, reaktionären Bundesregierung bekennen kann – nämlich ­sozial Schwache zu bestrafen.

Was momentan von der FPÖ betrieben wird, ist Wählerverrat erster Güte.
von Michi Häupl

Diesem Bild, dass lange Zeiten an der Macht auch mal nach einer Regeneration verlangen, können Sie gar nichts abgewinnen?

Für mich ist das ein unpolitisches Bild. Wenn, muss man inhaltlich kritisieren, und inhaltlich kann man selbstverständlich einiges an der Politik der SPÖ – und der SPÖ Wien – kritisieren. Gar keine Frage.

Was denn zum Beispiel?

Also das überlasse ich der Oppo­sition, ich mach jetzt nicht auch noch deren Arbeit. Sicher net. Aber was mir wesentlich erscheint, ist das: Wenn man so lange Zeit von den WählerInnen mit der politischen Verantwortung ausgestattet wird, hat man auch eine ganz bestimmte Verantwortung gegenüber den Wäh­lerInnen. Eine sozialdemokratische Partei muss folglich die soziale Frage in den Mittelpunkt stellen. Tut sie das nicht, hat sie ein Problem. Und das zu Recht.

Wird die SPÖ Ihrer Prognose nach in der nächsten Bundes­regierung wieder mit dabei sein?

Wenn die derzeitige Bundes­regierung ihre Politik fortsetzt, dann bin ich sicher, dass die SPÖ nach der nächsten Nationalratswahl wieder die Bundesregierung anführen wird. Was momentan von der FPÖ betrieben wird, ist Wählerverrat erster Güte.

Am 24. Mai wird Ihre Ära als Bürgermeister nach 24 Jahren beendet. Was ist Ihre Strategie gegen den Pensionsschock?

Ich werde keinen haben. Ich bin nach wie vor Präsident des Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds, eines sehr kleinen, aber renommierten Wissenschafts-Förderfonds. Da werde ich in Zukunft gerne tätig sein. Politische Ämter im engeren Sinn werde ich keine mehr ausüben, sonst hätte ich ja gleich in meinem alten Job bleiben können.

Man sagt ja: „Hättest was G’scheites g’lernt, hättest nicht Politiker werden brauchen.“
von Michi Häupl

Nun ist es ja heute üblich, dass PolitikerInnen sich in der Privatwirtschaft einbringen. Sonja Wehsely bei Siemens, Hans Jörg Schelling bei Gazprom, Eva Glawischnig bei Novomatic. Warum werden Sie nicht auch hoch bezahlter Berater?

Ach Gott, das ist nicht Teil meiner Lebensplanung. Ich verurteile niemanden, aber ich werde eine durchaus ordentliche Pension beziehen, mit der ich sehr gut leben kann.

Wie hoch wird die sein?

Die ist gesetzlich festgeschrieben, nachdem ich 35 Jahre hauptberuflich in der Politik bin, gelte ich als Alt­pensionist. Ich habe aber noch nicht nachgeschaut, wie hoch sie ist. (Anm.: Ihm stehen monatlich 13.700 Euro brutto zu.)

Sollte es für PolitikerInnen eine Cooling-off-Phase geben?

Eine Cooling-off-Phase ist gleichbedeutend mit einem ­Berufsverbot, davon halte ich gar nichts, das ist sinnlos. Aber es muss jeder selbst wissen, welchen Job er annimmt.

Wenn Sie heute ein junger, ­engagierter Mensch wären, würden Sie wieder in die Politik gehen?

Ich bereue keine Sekunde. Man sagt ja: „Hättest was G’scheites g’lernt, hättest nicht Politiker werden brauchen.“ Ich hab was G’scheites gelernt und bin von einem geliebten ­Beruf in die Politik gewechselt – und habe die Entscheidung nie bereut.

Und wäre auch die SPÖ heute für Sie die richtige Wahl?

Alternativlos. Ihr zentraler Kern ist die soziale Frage, und die heißt: Wie ist der soziale Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu gewährleisten? Das ist für mich der Punkt.

Was denkt der Wiener ­Bürgermeister über … Werner Faymann, die Austria Wien, Tal Silberstein und seine weißen Spritzer?

Nach den ersten 100 Tagen der schwarz-blauen Bundes­regierung dachte ich mir …
… dass eingetreten ist, was ich befürchtet habe.

Ein Energetiker im Krankenhaus Nord ist …
… kindisch.

Das letzte Mal feierte ich mit Dagmar Koller anlässlich …
… (lacht herzhaft) ihres Bühnen­abschieds, aber ich sage jetzt nicht, zu welchem genau.

Mit meinem Vorgänger Helmut Zilk hat mich verbunden …
… eine sehr tiefe und respekt­volle persönliche Beziehung. Ich habe von ihm viel gelernt.

Meine Liebe zur Wiener ­Aus­tria zeigt sich …
… indem ich die Wiener Austria trotzdem liebe (lacht).

Als Werner Faymann beim Maiaufmarsch 2016 gnadenlos ausgebuht wurde, fühlte ich mich …
… ganz schlecht, sehr betroffen und sehr traurig.

Tal Silberstein ist ein politischer Berater, den …
… man eigentlich nicht braucht.

Erwin Pröll ist für mich …
… ein Freund.

Wien ist für mich leiwand und lebenswert, weil …
… es keine andere Stadt auf der Welt gibt, in der man so ernsthaft arbeiten und so fröhlich leben kann – und das innerhalb eines Tages.

Wenn ich Durst habe, trinke ich am liebsten …
weiße Spritzer.

Und wenn’s lustig sein soll, trinke ich am liebsten …
… weiße Spritzer.

Ein wichtiger Rat, den ich meinem jüngeren Ich heute ­geben würde, lautet …
Wer Politik macht, muss die Menschen lieben und lustig sein.

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