Michael Bully Herbig: "Es gibt in jedem Land Arschgeigen“

Michael Bully Herbig hat seinen ersten Thriller Ballon produziert. Anlässlich des Filmstarts Ende September traf die WIENERIN die Comedy-Legende zum Interview über Grenzen, Genre-Wechsel und Politik.

Bully Herbig wirkt fast ein bisschen schüchtern, wie er so im Hotelzimmer sitzt, mit Blick auf den Berliner Kurfürstendamm. Eben hat er im Kino um die Ecke seinen Thriller Ballon das erste Mal vor JournalistInnen gezeigt, und es ist ein Film ganz ohne Pointen à la Schuh des Manitu oder (T)Raumschiff Surprise. Was wir gerade gesehen haben, ist im Gegenteil ziemlich beklemmend. Ballon zeichnet die wahre Geschichte einer Flucht nach, die 1979 für Schlagzeilen sorgte, als zwei Familien versuchten, mit einem Heißluftballon dem Regime der DDR zu entkommen. Eine Fluchtgeschichte, mit der Bully auch selbst Grenzen überschreitet und erstmals das Genre wechselt. Unser Gespräch wird schnell emotio­nal – und auch politisch, obwohl er das eigentlich gern vermieden hätte. 

WIENERIN: Als Deutscher ist die DDR Teil Ihrer Geschichte – war es schwer, Nähe zum Leben dort herzustellen?

Bully Herbig: Es hat aus rechtlichen Gründen lange gedauert, bis wir mit dem Projekt anfangen konnten. Und diese sechs Jahre haben mir massiv geholfen, Geschichte zu lernen, Geschichten zu hören und ein Verständnis für Haltungen aufzubringen. Mir ist klar geworden, was ich für ein Schwein hatte, 1968 einfach in München geboren worden zu sein. Das ist reine Glückssache. 

Ballon ist eine ­wahre Story, Sie haben mit den beiden Familien viele Gespräche geführt. Gab es denn diesen einen Moment, an dem die Familien beschlossen, ihre hochriskante Flucht zu starten? 

Das habe ich oft gefragt. Gab es den Moment? Aus dramaturgischen Überlegungen hätte ich den ja echt gerne gehabt. Jedes Mal war die Antwort: „Nein.“ Und ich fragte: „Ja, aber warum dann?“ Und sie sagten: „Na ja, für einen politischen Witz bist du drei Jahre in den Knast gegangen, du durftest dir nicht aussuchen, was du werden willst, durftest nicht hinfahren, wo du wolltest, wusstest auch nie, wem du vertrauen kannst, und durftest nicht sagen, was du wolltest. Was braucht man denn noch?“ 

„Nach der Wiedervereinigung wollte die Familie 
wieder in ihr altes Haus.“

Die Kombination aus Risiko, Mut und Hoffnung auf ein besseres Leben: Der Stoff könnte aktueller nicht sein. Wie sehen Sie jene Fluchtgeschichten, die Europa heute betreffen? 

Als ich vor sechs Jahren damit anfing, hatte ich keine Ahnung, dass der Film auf so gruselige ­Weise aktuell sein würde. Aber ich habe mir selbst versprochen, mich nicht in politische Diskussionen reinziehen zu lassen. Ich möchte niemandem eine Haltung aufzwingen oder mit dem moralischen Zeigefinger winken. Trotzdem funk­tioniert das nur begrenzt, denn es geht ja tatsächlich auch um Haltungen. 

Die ­Fluchtdiskussion polarisiert sehr, es gibt oft nur Schwarz oder Weiß. Was ist Ihr Weg? 

Ich mache in erster Linie Filme und habe darauf nur schwer eine Antwort, weil jede Haltung, die es dazu gibt, auch zu einem Teil nachvollziehbar ist. Mein Sohn etwa ist acht, ich versuche, ihm zu vermitteln, dass es egal ist, wo Leute herkommen, weil es in jedem Land Arschgeigen und echt gute Leute gibt. Es gibt Gute und Böse, egal, wo jemand ­geboren wurde. 

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