Mexiko: Aktivistinnen stürmen Menschenrechts-Hauptquartier im Kampf gegen Gewalt an Frauen

Die Menschenrechtskommission in Mexiko-Stadt ist seit Tagen Schauplatz eines Protests. Feministische Gruppen und Angehörige von Vermissten besetzen das Gebäude.

Proteste in Mexiko

"Ni Una Menos" ("Nicht Eine weniger") nennt sich die Gruppe von Aktivistinnen, die den Protest gegen Gewalt an Frauen in Mexiko anführt. Um ein starkes Zeichen zu setzen und zu verdeutlichen, dass es von der Regierung endlich klare Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt braucht, stürmten die großteils maskierten Frauen das Hauptquartier der Menschenrechtskommission in der mexikanischen Hauptstadt. Sie ersetzten das Eingangsschild des Gebäudes mit einem Banner, auf dem zu lesen ist: "Ni Una Menos Mexico Shelter House". Das Gebäude soll von jetzt an als Zufluchtsort für Opfer geschlechtsbasierter Gewalt dienen.

"Das Gebäude gehört jetzt uns"

Die Aktivistinnen beklagen, dass die mexikanische Menschenrechtskommission bislang daran gescheitert wäre, die Rechte von Frauen zu sichern und jenen in Not Hilfe und Schutz zu bieten. "Das Gebäude gehört jetzt uns und wir geben es nicht mehr her! Es dient von nun an als Schutzort für Opfer", wird Yesenia Zamudio, ein Mitglied von Ni Una Menos in Mexico News Daily zitiert. Zamudios Tochter war 2016 ermordet worden.

"Wir sind für diese Räumlichkeiten besser geeignet als die Leute, die zuvor hier waren. Wir werden Rechtsberatung anbieten und [Frauen] zu Gerichtsverhandlungen begleiten", so Zamudio in einem Interview mit El Universal. Auch Frauen aus anderen Teilen des Landes, die sexuellen Missbrauch erlitten haben, sowie Familienmitglieder von Femizid-Opfern und anderen geschlechtsspezifischen Verbrechen seien willkommen.

Nach Angaben von Ni Una Menos-Mitgliedern haben seit der Besetzung des Gebäudes letzte Woche bereits rund 100 Frauen um psychologische wie rechtliche Hilfe angesucht. Juristische und medizinische Fachkräfte, die dem aktivistischen Kollektiv angehören, kümmern sich um die Anfragen, heißt es von den Aktivistinnen.

Nicht länger ignoriert werden

Karla García ist eine der Frauen, die nun hilfesuchend in die Menschenrechtskommission gekommen ist. Behörden hatten ihre Beschwerde gegen ihren Ex-Partner, der sie missbraucht hatte und sogar versucht hatte, sie mit dem Auto zu überfahren, ignoriert. Sie erzählt der Lokalzeitung El Uniersal: "Die Verzweiflung, keine Ergebnisse zu erzielen, bringt mich hierher. Unter uns [Opfern von geschlechtsspezifischer Gewalt] verstehen wir uns, wir kennen die Bedürfnisse der anderen und unterstützen uns gegenseitig. Wenn die Regierung nichts unternimmt, zeigen wir eben, dass wir uns wehren können".

García sagt, sie habe Angst, dass ihr Ex-Partner versuchen könnte, ihren zwei-jährigen Sohn zu verletzen oder zu entführen. "Ich fühle mich hier stärker, weil ich weiß, dass es viele von uns gibt. Sie [die Behörden] ignorieren mich vielleicht als Einzelne - aber jetzt sind wir so viele, dass sie uns und unsere Probleme zur Kenntnis nehmen müssen", sagte sie.

Anstieg an Femiziden

In Mexiko gab es viele Jahre gewalttätige Konflikte zwischen einzelnen Drogenkartellen. Tausende Menschen wurden in Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel getötet. Die mexikanische Regierung verhielt sich diesbezüglich lange Zeit passiv. Als Felipe Calderón 2006 Präsident wurde beauftragte er einen Militäreinsatz gegen die Drogenkartelle, der zehntausende Leben forderte. Seit dem umstrittenen Einsatz des Militärs im Jahr 2006 zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens wurden in Mexiko mehr als 70.000 Menschen als vermisst gemeldet. Die meisten sollen von bewaffneten kriminellen Gruppen entführt worden sein. Auch ist in den letzten Jahren die Femizidrate angestiegen: In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden um 5 Prozent mehr Morde an Frauen verzeichnet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

 

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