Methoden aus der Schreibtherapie

Wir können uns nicht an alles erinnern, nur weil wir das gern wollen. Doch mit Techniken aus der Schreibtherapie können wir zumindest unser Gedächtnis trainieren - und Erinnerungen bewahren. Wie dringt man schreibend ins Unbewusste vor? Ein Selbstversuch von Mareike Müller.


Mein Gedächtnis ist ein unzuverlässiger Partner. Lese ich ein Buch, kann ich mich hinterher genau erinnern, wo ein denkwürdiger Satz stand. Soll ich hingegen Wichtiges aus meinem Leben rekonstruieren, kommen mir nur die immer selben paar Erlebnisse in den Sinn. Dann fiel mir dieses Buch in die Hände: Die heilende Kraft des Schreibens. Nicht, dass ich mich von irgendetwas heilen will. Aber neugierig war ich schon, wie ich mich schreibend ins Unbewusste beamen würde, zur Erinnerung, die laut Jean Paul ja das "einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Also los, auf ins Paradies.

Methode 1: Gelenkte Assoziation

„Denken Sie an einen schönen Ferienort, an dem Sie sich als Kind wohlgefühlt haben“, lese ich. "Wie fühlte es sich dort an, welche Gerüche, Düfte, Geräusche gab es?“ Sofort erinnere ich mich an Ferien in Dänemark. Kurz zweifle ich: Was werde ich, die Ober-Verdrängerin, noch wissen - außer, dass Dänemark mein Kindheitsparadies war? Nach fünf Minuten bin ich baff: An so viel erinnere ich mich noch?! Die klebrig-körnige Dachpappe des Ferienhauses, die unter meinen Knien knirschte, wenn ich auf das Flachdach kletterte. Den Duft der Heidelbeeren. Das Rauchen des kräftigen Westwindes in den Dünen. Ein schönes Gefühl zu merken, was sich in meinem Kopf verbirgt. Es fließt nur so aus mir heraus, ich werde planlos zu anderen, tieferen Erinnerungen gelenkt. Nur manchmal fragt die Stimme im Hinterkopf: "Was bringt mir das jetzt? Und wo bleiben die verdrängten Erinnerungen?“ Aber vielleicht bin ich einfach nur zu ungeduldig ...

Methode 2: Freies Assoziieren

Entspannt an alte Kraftquellen annähern, rät das Buch. Ich erinnere mich an ungestüme Pferde im Freien, die ich als Zwölfjährige bewunderte. Heißt das, ich müsste mein Leben darauf abchecken, wie viel mir Freiheit wert ist? Sigmund Freund würde nicken, denn laut ihm holt man sich dank dieser Methode abgespaltene Anteile der eigenen Persönlichkeit ins Bewusstsein - und soll sie ins Ich integrieren. Aha ... Beim nächsten Versuch versage ich: Schöne Erinnerung aufschreiben. Dann das erste Wort notieren, das einem dazu einfällt. Nun das nächste Wort - plus die erste Idee, die man zu beiden Worten hat. Bis zehn Begriffe stehen. Reiten. Pferde. Stärke, beginne ich. "Wie blöd ist das denn“, denke ich dann. Nächster Versuch. Ich verkrampfe und merke, wie mein Hirn vorsortiert. Kurze Pause! Beim nächsten Mal klappt’s. "Gut mit Kindern können“ endet in "Eigenständigkeit“. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Aber es macht Spaß, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Bloß ärgert mich, dass sich meine Texte nicht halb so literarisch lesen wie die Beispiele aus dem Buch.

Ich verkrampfe und merke, wie mein Hirn vorsortiert.
von Mareike Müller

Methode 3: Freewriting

Ein gefühlsstarkes Erlebnis beschreiben - drei Minuten lang, jedes Detail. Ich entscheide mich für eine komplizierte Liebesgeschichte vor vielen Jahren. Dabei fällt mir ein unwichtiges Detail ein: Wie ich einen Brief schrieb auf der kalten Glastischplatte des Schreibtisches. Plötzlich erscheint mir die Kälte des Materials als Symbol für meine eigene Gefühlskälte dem damaligen Partner gegenüber. "Ist das jetzt Spinnerei?“, frage ich mich. "Oder erlebe ich jetzt genau das, was das Schreibtherapiebuch versprach: Klarheit über sich selbst zu finden und Identität zu stiften?“ Denn es ist ja so: Schreibt man den eigenen Erlebnissen Bedeutungen zu, erkennt man einen Sinn. So was wie einen roten Faden im Leben. Höchst subjektiv, finden Sie? Nun, es geht ja auch ums eigene Leben.

Methode 4: Serielles Schreiben

Drei Kraftorte erinnern und mit allen Sinnen beschreiben. Als in mir schreibend Bilder vom Meer, von einem Flusslauf und einer Pferdeweide aufsteigen, wird mir klar: Natur ist mein Kraftort! Und ich habe ihn in den vergangenen Jahren viel zu wenig besucht. Das will ich ändern! Ich freue mich über diese klare Erkenntnis. Zwar habe ich noch immer keine Früh-Erinnerung aus der Tiefe geholt, die mir bislang verschlossen war. Das Buch aber verspricht: Je häufiger wir uns Erinnerungen mit den Schreibtechniken annähern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns auch an mehr erinnern - und ein "größeres Erinnerungsnetz“ aufbauen.

Je häufiger wir uns Erinnerungen mit den Schreibtechniken annähern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns auch an mehr erinnern.

Methode 5: Literarisierung

An ein leidvolles Ereignis denken - und schreibend den Ballast loswerden. Bildlich gesprochen packe ich einen Rucksack und gehe an einen meiner Kraftorte. Und tatsächlich: Obwohl das Leid im Rucksack - die schwere Krankheit meiner Mutter während meiner Jugend - mich niederdrückt, wiegt der Rucksack mit jedem Wort weniger. Es ist, als ob durch das In-Worte-Fassen das eigentliche Leid unwichtig wird. Wow. Schreibend wird es mir wichtiger, detailreich zu beschreiben, wie ich den Rucksack an den Kraftort trage, um ihn dort zu lassen - statt schmerzhaft nachzuempfinden, worin das Leid eigentlich bestand. Stück für Stück werden die Angst um die Mutter und die eigene Unsicherheit in Portiönchen geteilt. Schließlich bekommt das Leid am Kraftort - ein wunderschöner Strand - statt einer Schleife den Vermerk: "Kann weg.“ Ich habe die schlimme Erfahrung, so schmerzhaft sie war, überstanden. Und bin heute so, weil ich genau das erlebt habe. Erinnerungen sind immer auch Erfahrungen, aus denen man lernt.

Methode 6: Clustering

Diese Übung raubt mir fast den Nerv. Stichworte aufschreiben zu Beruf, Stärken, Schwächen, Freunden, Freizeit - und wie ich mein Leben bewältige. Wie, nur Stichworte?! Nun soll ich den Begriff, der mir am wichtigsten erscheint, zum Kernwort machen und dazu assoziative Wortketten entwickeln, ein "Cluster“. Wieder nur Stichworte! Irgendwann darf ich dann richtig schreiben. Der erste Satz soll angeregt sein durch eines der Cluster-Worte. Dann einfach drauflos formulieren - aber immer wieder Elemente des Clusters integrieren. "Widersprüche“ steht als Kernwort bei mir. Ich will Musterschülerin sein: auf die Stichworte schielen und das Cluster. Funktioniert nicht. Also nehme ich es nicht ganz so streng und schreibe vor mich hin. Ein letztes Mal staune ich über mich selbst: Teils lese ich zwar Gedanken, die ich schon kenne - neu erfunden habe ich mich nicht. Doch was da hier und da nach oben drängt, zwischen den Zeilen oder buchstäblich, gibt mir Kraft. Denn es sagt mir: Ich bin so - und noch viel mehr. Der Alltag lässt uns das viel zu oft vergessen.
Als ich den Kugelschreiber niederlege, stimme ich dem US-Psychologen Richard Wiseman zu: Es macht glücklicher, Dinge aufzuschreiben, als nur über sie zu reden.

Die heilende Kraft des Schreibens, Patmos Verag
Brigitte Schulte, Barbara Schulte-Steinicke, Lutz von Werder

Die Autorinnen und der Autor, erfahrene Schreibtherapeuten und Schreibwerkstattleiter, geben einen Überblick über die verschiedenen Techniken des therapeutischen Schreibens. Anhand vieler Übungen und Beispiele aus der Schreibtherapie zeigen sie, dass Schreiben heilsame Kraft besitzt, die im Alltag genutzt werden kann.

 

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