Mental Health: Frauen trifft die Corona-Krise psychisch viel härter als Männer

Eine der bisher umfassendsten Analysen zu den Folgen der Pandemie bestätigt erneut: Frauen sind die Verliererinnen der Krise – auch, was ihre mentale Gesundheit angeht.

Mentale Gesundheit

Mit mehr als 10.000 Menschen in 38 Ländern hat die Organisation CARE seit dem Ausbruch von Covid-19 weltweit gesprochen. Das Ziel: Herauszufinden, wie sich die Folgen der Pandemie auf verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich auswirken. Dabei wurde das Augenmerk besonders auf die geschlechtsspezifischen Folgen der Pandemie gelegt. Binnen weniger Monate wurden über 6.000 Frauen und 4.000 Männer in 38 Ländern weltweit befragt. Die dabei gesammelten Stimmen und Analysen bilden gemeinsam eine der bisher größten qualitativen Untersuchungen der Coronavirus-Pandemie überhaupt.

Die Ergebnisse des Reports "She told us so" zeigen: 27 Prozent der Frauen leiden psychisch unter der Krise, bei Männern sind es mit 10 Prozent nur gut ein Drittel davon. Frauen weisen insbesondere darauf hin, dass unbezahlte Pflegebelastungen Ursache für ihren psychischen Stress sind, zusätzlich zu den Sorgen um Lebensunterhalt, Ernährung und Gesundheitsversorgung. Psychische Belastung zählt neben wirtschaftlichem Auskommen und Nahrung zu den größten Sorgen der Frauen.

Angst um das wirtschaftliche Überleben

Mehr als die Hälfte der Frauen, mit denen CARE sprach, gab an, dass Einkommensverluste eine der größten Auswirkungen von Covid-19 waren. Frauen haben weltweit weniger Zugang zu Arbeitslosengeld. 41 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer berichteten, dass sie in der Pandemie zu wenig Nahrung haben und Mahlzeiten auslassen müssen. Dieser Unterschied spiegelt tief verwurzelte geschlechtsspezifische Ungleichheiten im lokalen und globalen Nahrungsmittelsystem wieder – Frauen sind in Krisen und Katastrophen meist diejenigen, die zuletzt und am wenigsten essen. Gregoris del Valle Camacho Figuera aus Ecuador berichtet etwa: "Wenn ich jetzt nicht als Friseurin arbeiten kann, werde ich etwas Anderes finden. Und wenn ich Tag und Nacht in der Küche arbeiten muss, werde ich es tun. Wenn es um Arbeit geht, kenne ich keine Grenzen. Ich nutze alle Möglichkeiten, die sich mir auftun. Auf Fleisch, das früher öfter auf den Speiseplan kam, muss ich jetzt trotzdem verzichten, denn ich kann es mir nicht mehr leisten. Ich habe Kopfschmerzen, weil ich nur mehr zweimal am Tag eine Mahlzeit habe."

Auch schlechte Gesundheitssysteme bzw. fehlender Zugang zu den Gesundheitssystemen treffen Frauen übermäßig: In Afghanistan haben beispielsweise 73 Prozent der Frauen keinen Zugang zu Familienplanung. In Laos sagt die Hälfte der Frauen, dass sie gar keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, da das Reisen zu gefährlich sei.

Hausarbeit und Fürsorge bleibt bei Frauen hängen

Was bereits zahlreiche Analysen gezeigt haben, bestätigt auch dieser umfassende Report auf ein Neues: Es sind in den meisten Fällen die Frauen, die die unbezahlte Arbeit übernehmen. Im Libanon beispielsweise gaben Frauen an, 83 Prozent ihrer Zeit mit Hausarbeit und Fürsorge für andere zu verbringen, verglichen mit nur 14 Prozent der Männer. Männer sind ebenfalls mit psychischen Problemen konfrontiert, aber es ist unwahrscheinlicher, dass sie darüber in Umfragen berichten. Das beeinflusst jedoch die Art und Weise, ob Covid-19 Maßnahmen psychologische Hilfe inkludieren oder nicht – und überhaupt den mangelnden Fokus auf unbezahlte Pflegebelastungen.

Neue Hilfsmaßnahmen

Diese Ergebnisse des Reports belegen, dass Männer und Frauen Probleme unterschiedlich priorisieren, erleben und anders darüber berichten. Nur wenn diese Unterschiede untersucht werden, kann sichergestellt werden, dass diejenigen Menschen Unterstützung und Hilfe erhalten, die sie am dringendsten benötigen. Spezielle Covid-19-Hilfsprogramme oder humanitäre Hilfe sollten sich auf die Bereiche konzentrieren, die Frauen als wichtig erachten: Einkommen, ausreichende Ernährung, psychische Gesundheit und geschlechtsspezifische Gewalt. CARE will die humanitären Hilfsmaßnahmen entsprechend anpassen.

 

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