"Menstruationsurlaub": Sinnvolle Maßnahme oder berufliches Hindernis?

Viele Frauen leiden unter ihrer Periode. So sehr, dass arbeiten manchmal unmöglich scheint. In einigen Ländern scheint man dafür eine Lösung gefunden zu haben: den Menstruationsurlaub. Dieser kann Abhilfe schaffen und Tabus brechen - birgt aber auch mögliche Nachteile.

Menstruationsurlaub Sinn Vorteile Nachteile

Wenn von "Menstruationsurlaub" die Rede ist liegen die Meinungen oft weit auseinander. Die einen sind begeistert, die anderen skeptisch. Eine Meinung haben jedenfalls fast alle dazu.

Einer Umfrage des Job-Portals Karriere.atzufolge liegen die BefürworterInnen eines solchen Sonderurlaubs in der Mehrheit, trotzdem ist er in den wenigsten Ländern flächendeckend zu finden.

Was ist ein "Menstruationsurlaub"?

Unter den Begriff "Menstruationsurlaub" fallen jene freien Tage, die sich leidgeplagte Fauen zusätzlich - unabhängig von Krankenstand oder Urlaubstagen - nehmen können. Wie viele Tage Frauen im Monat (oder Jahr) zu Hause bleiben können, ist von Ländern oder Unternehmen abhängig und dementsprechend unterschiedlich. In Asien ist das Thema schon längst kein Tabu mehr: In Japan steht Arbeitnehmerinnen schon seit 1947 ein Tag bezahlter Menstruationsurlaub pro Monat zu, in Indonesien können Frauen zwei Tage beziehen und im Taiwan sogar drei. In Südkorea können sich Arbeitnehmerinnen den Urlaub sogar auszahlen lassen, wenn sie ihn nicht konsumieren. In Europa sorgten entsprechende Vorstöße in Russland (2013) und Italien (2017) für Diskussionen - beide Male entschied sich die Politik aber dagegen.

Wo es an nationalen Regelungen mangelt, schreiten in einigen Fällen die Unternehmen selbst ein. Zum einen will man sich damit wohl als attraktiver Arbeitergeber für MitarbeiterInnen positionieren, zum anderen dürfte auch die öffentliche Wahrnehmung eine Rolle spielen. Der Sporthersteller Nike hat den Sonderurlaub jedenfalls schon länger in seinen Firmenstrukturen verankert. Seit 2007 können sich Frauen hier extra freinehmen. Bei der englischen Firma Coexist gibt es zwar keinen Menstruationsurlaub, aber zumindest eine "menstruation policy" - wer Schmerzen hat, kann früher aus der Arbeit gehen oder von zuhause arbeiten.

Fragt man bei österreichischen Unternehmen, ist die Zustimmung für einen solchen Urlaub durchaus höher, als man glauben könnte. Von den 105 UnternehmensvertreterInnen, die von Karriere.at im Frühjahr 2019 befragt wurden, sprachen sich immerhin 47 Prozent für einen zusätzlichen menstruationsbedingten Urlaub aus, weitere 29 Prozent würden Mitarbeiterinnen zumindest dann freigeben, wenn diese trotz Medikamenten unter Schmerzen litten. Thomas Olbrich, Chef für Unternehmenskultur bei Karriere.at, kommentierte die Ergebnisse damalsso: "Dass beinahe jede dritte Frau mit massiven Regelbeschwerden zu kämpfen hat, ist offenbar auch in österreichischen Unternehmen Thema".

Kritik: Droht der Karriereknick?

Und trotzdem gibt es in Österreich in Sachen Menstruationsurlaub keine Vorreiter. Das dürfte auch daran liegen, dass viele Unternehmen und ArbeitnehmerInnen Zweifel an einem solchen Sonderurlaub haben. So fürchten manche Benachteiligungen für die weibliche Belegschaft, wenn diese wegen zusätzlicher freier Tage öfter fehlen würden. Viele Frauen sehen den Urlaub auch als mögliche Gefahr für ihre Karriere, glaubt Alice J. Dan vom Center for Research on Women and Gender in Chicago. In einem Beitrag, der in der Fachzeitschrift "Health Care for Women International" erschienen ist, nennt die Wissenschaftlerin etwa Japan als Beispiel, wo der Urlaub zwar seit Jahrzehnten angeboten werde, die Anzahl jener Frauen, die diesen in Anspruch nehmen, aber stetig zurück ginge.

Ein anderer Grund für die ablehnende Haltung, ist die dafür notwendige Kommunikation mit (männlichen) Vorgesetzten. "Wenn man ihn in Anspruch nimmt, posaunt man ja quasi im ganzen Büro heraus, an welchem Tag man seine Regel hat", erklärt eine junge Japanerin gegenüber dem Guardian ihre ablehnende Haltung. Menstruation ist schließlich leider immer noch ein gesellschaftliches Tabu, über das sich viele nicht trauen zu sprechen - schon gar nicht in einem beruflichen Umfeld. Freilich spielen hier auch Ängste mit, als "schwächer" von den Arbeitskollegen wahrgenommen oder weniger ernst genommen zu werden. Ängste, die auf der Tatsache beruhen, dass Schmerzen von Frauen traditionell weniger ernst genommen werden. Ängste, die berechtigt sind - zeigen aktuelle Studien gerade erst wieder, dass sogar schon bei Mädchen Schmerzen als weniger gravierend eingeschätzt werden.

Frauen menstruieren trotzdem

Vielfach wird in dieser Argumentation allerdings ein wichtiger Aspekt vergessen: Frauen menstruieren trotzdem. Sonderurlaub hin oder her. Für manche Frauen mag dies nicht weiter störend sein, andere leiden zum Teil mehrere Tage im Monat Höllenqualen. Manche WissenschaftlerInnen setzen starke Regelschmerzen sogar mit einem Herzinfarkt gleich.

Diese Schmerzen verschwinden nicht einfach, man kann sie nicht ignorieren. Frauen verstecken deswegen ihre Schmerzen, nehmen die Pille oder starke Schmerzmittel. Diejenigen, die besonders leiden, denken sich Krankheiten aus, um zuhause bleiben zu können. Bettina Steinbrugger von dem nachhaltigen Frauenhygiene-Unternehmen Erdbeerwoche, bestätigt gegenüber dem Standard, dass viele Frauen monatlich "einen Magen-Darm-Virus oder eine andere Ausrede" erfinden würden - denn die Menstruation sei immer noch ein Tabu.

Das macht es den ArbeitgeberInnen leicht das Problem zu ignorieren - es redet ja niemand darüber. Dass Frauen im fruchtbaren Alter nun einmal an ein bis zwei Tagen im Monat unter Schmerzen leiden, ist ein Umstand, über den man nicht spricht. Dabei könnte schon die Möglichkeit des Home Office in diesem Fall Abhilfe schaffen. In bequemer Kleidung, mit einer Wärmeflasche am Bauch, lässt es sich freilich besser aushalten als im geordneten Büroumfeld.

Bis das passiert müssen gesellschaftliche Tabus aber weiter gebrochen werden: Solange Menstruation im Alltag ein Tabu bleibt, Tampons heimlich aus der Handtasche gekramt werden und die Menstruation mit verniedlichenden Namen betitelt wird, wird es wohl noch lange dauern, bis Frauen selbstverständlich sagen können: Liebe Leute, ich geh heim - denn ich blute.

 

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