Menstruation als Tabu: "Ein Thema, das alle Frauen weltweit eint“

In Zentral-, Ost- und Südafrika werden menstruierende Menschen während der Periode immer noch häufig aus der Gesellschaft ausgeschlossen, im Globalen Norden scheitern wir an sprachlichen Tabus. Reshma Mohamed Aziz Khan von CARE erklärt, wie Frauen* weltweit unterschiedlich von Period Shaming betroffen sind – und was sie dennoch alle eint.

Menstruation als Tabu

Es ist Anfang September, als sich eine Schülerin in Kenia das Leben nimmt, nachdem sie im Unterricht für Blutflecken an ihrer Uniform ausgelacht wurde. Der Fall zeigt: Menstruation in Form von Period Shaming ist in manchen Teilen der Welt immer noch ein tödliches Tabu. In anderen Teilen der Erde mag die Bewusstseinsarbeit rund um die Periode schon weiter fortgeschritten sein, trotzdem sprechen wir noch immer von "Da unten", wenn es um die Klitoris geht, und verstecken Tampons auf dem Weg zur Toilette in den Ärmeln unserer Kleidung, denn, wie Leyla Hussein im Film Female Pleasure treffend formuliert: "Das Patriarchat ist die weltweite Religion."

Wie man das Tabu um Menstruation bricht

Reshma Mohamed Aziz Khan ist bei CARE, einer der größten privaten Hilfsorganisationen, für Zentral-, Ost- und Südafrika zuständig. In ihrer Arbeit im "African Women’s Leadership Programme" befasst sie sich hauptsächlich mit Themen rund um Female Empowerment, nur: Bevor sie ihrer eigentlich Arbeit mit Frauen* und Mädchen* nachgehen kann, muss sie Bewusstseinsarbeit leisten.

"Vor allem bei meiner Arbeit in ländlichen Gegenden Afrikas ist es so, dass Frauen*, die menstruieren, immer noch in anderen Häusern schlafen müssen. Manche dürfen in dieser einen Woche nicht zur Schule gehen. Das heißt in weiterer Folge: Eine Woche weniger Bildung pro Monat, das sind drei Monate pro Jahr, die Frauen* fehlt." Fehlende Bildung resultiere in einem weiteren Schritt auch darin, dass Frauen* oft gar nicht wissen, in welcher Ungleichheit sie sich befinden: "Wenn eine Frau* keinen oder weniger Zugang zu Bildung hat, dann realisiert sie oft nicht, dass sie weniger Chancen hat als Männer*." Frauen* hätten in den Communities, mit denen sie arbeitet, aufgrund gelebter sozialer Normen keine andere Realitätsoption vor Augen. Es wird als nicht hinterfragte Tatsache gesehen, dass Eltern den Ehemann für Frauen* aussuchen.

Viele glauben, dass die Frau bei Verwendung eines Cups ihre Jungfräulichkeit verliert.

von Reshma Mohamed Aziz Khan von CARE

Wo Bewusstseinsarbeit beginnt

Reshma muss in ihrer Bewusstseinsarbeit also noch einen Schritt nach hinten gehen und – wir leben im Patriarchat, hallo! – die Kommunikation bei den Männern ansetzen. "In vielen Communities reicht es nicht, den Frauen Cups zur Verfügung zu stellen. Man muss immer noch zu den Männern im Haushalt sprechen. Viele glauben, dass die Frau bei Verwendung eines Cups ihre Jungfräulichkeit verliert. Wir von CARE mussten also vorher an Ehepaare herantreten. Die verheirateten Frauen sollten testen, ob Menstruationscups ihre Lust oder ihre Sexualität beeinflussen. Erst als die bestätigt haben 'Nope, es ist absolut nichts passiert‘, konnten die Ältesten der Dörfer überzeugt und der Diskurs weiter geführt werden."

Was es braucht, um das Tabu rund um die Periode zu beenden

Einerseits gehe es laut Reshma also um die Communities: "Wie spricht man mit den Oberhäuptern in ländlichen Regionen Afrikas, die in den meisten Fällen männlich sind? Wie bindet man auch Buben und Männer in den Diskurs ein?"; andererseits gehe es auch darum, Maßnahmen von Regierungen einzufordern. In Kenia etwa wurde vor zwei Jahren erstmals angesprochen, dass man menstruierenden Menschen Zugang zu Hygieneartikeln verschaffen müsse, "jetzt muss es nur noch umgesetzt werden."

Was alle Frauen weltweit eint

Die Arbeit rund um Female Empowerment kann für Reshma manchmal zermürbend sein. Kraft gibt ihr nicht nur ihr Team, sondern auch der Austausch mit Frauen weltweit: "Erst gestern habe ich im Rahmen einer Diskussion in Wien gemerkt, wie viel wir alle gemeinsam haben. Weltweit gesehen gibt es immer noch nicht genügend Frauen, die offen über Menstruation sprechen. Das ist ein Problem, das wir alle rund um den Globus teilen." Dabei spreche sie nicht nur von zwischenmenschlicher Kommunikation, sondern auch von Bildung: "Es ist noch nicht durchgedrungen, dass Menstruation ein völlig natürlicher Teil des Frauseins ist und dass das okay ist. Aber natürlich müssen wir auch bei uns selbst ansetzen: Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bei meiner Arbeit durch CARE in anderen Communities eine offenere Kommunikation schaffen kann als bei mir am Küchentisch." Weltweit gesehen helfe laut Reshma also nur eine Taktik weiter: "Steht auf. Unterstützt euch gegenseitig. Seid laut!"

 

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