Menschen erzählen, was sie übers Fremdschämen denken

Fremdscham: Das Gefühl ist uralt, aber erst seit 2009 gibt es offiziell auch ein Wort für die Überdosis Peinlichkeit, die man für andere empfinden kann. Was sagen Psychologin, Pfarrerin oder Trash-TV-Fan zur Emotion zwischen Faszination und Fassungslosigkeit?

Fremdscham

Clemens Freude, Musiker:

"Fremdschämen ist für mich dann programmiert, wenn Leute vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. Ich muss mich extrem oft fremdschämen, wenn ich unseren Politikerinnen und Politikern zuhöre. Das ist ja oft schlimmer als jedes echte Trash-TV-Format! Für mich als Musiker sind da sämtliche Castingshows besonders arg. Manche Leute stellen sich mit einem Selbstbewusstsein auf die Bühne, wo du dir echt denkst: Sagt denen keiner, dass das nicht geht? Für die Menschen vor dem Fernseher kann das natürlich durchaus unterhaltsam sein. Viele nutzen solche Plattformen, um prominenter zu werden. Das ist prinzipiell schon okay, ich will auch keinen dafür verurteilen, aber diese Shows haben nicht viel mit Kunst zu tun – das ist dann doch meist zum Fremdschämen."

Natalia Ölsböck, Psychologin:

"Fremdschämen ist eine komplexe Angelegenheit. Es braucht ein Bewusstsein dafür, welche sozialen Normen und Werte es gibt und wann sie gelten. Weil Jugendliche in der Pubertät Orientierung suchen und unsicher sind, ist auch so ziemlich alles superpeinlich. Wenn wir uns fremdschämen, fühlen wir mit. Wir versetzen uns in die Lage der anderen Person und lösen damit in unserem Körper ganz ähnliche Vorgänge aus, es werden dieselben Hirnareale aktiviert – wie wenn wir andere Menschen dabei beobachten, wie sie Schmerzen erleiden. Rea­lityformate im Fernsehen sind für die meisten faszinierend: Wir sehen Leute, die Dinge sagen und tun, die wir niemals machen würden. Das kann zwar unangenehm sein, gleichzeitig tut uns das aber gut, weil es uns das Gefühl gibt: 'Ich gehöre zur Gruppe – der nicht.' Wir haben die Gewissheit, dass nicht wir selbst uns blamieren, sondern zu Hause vor dem Fernseher unterhalten werden. Was für eine Erleichterung!"

Barbara Göbl, Schauspielerin:

" 'Unter meinem Niveau!', behaupten viele – und können dann doch erstaunlich gut mitreden, obwohl sie mich gerade noch fürs Guilty-Pleasure-Formate-Schauen verurteilt haben. Ich sage es offen: Ich liebe Rea­lity- und Dokushows! Es gibt nichts Besseres zum Abschalten, als sich aufs Sofa zu schmeißen und sich so ­einen Trash reinzuziehen. Es ist unfassbar, manchmal abstoßend, oft unheimlich rührend. Fremdschämen ist programmiert, aber es erheitert mich ungemein, wenn beispielsweise Auswanderer mit null Fremdsprachenkenntnissen und einer schlechten Businessidee ihre Koffer packen. Da fühlt sich mein Leben gleich ein bisschen geordneter an."

Susanne Falk, Autorin:

Ich lebe jetzt genauso lange in Österreich, wie ich in Deutschland gelebt habe, nämlich 22 Jahre, bin also schon eine recht 'assimilierte' Wahlwienerin. Ab und an kommt es vor, dass ich mich für meine bundes­deutschen Landsleute fremdschämen muss, bevorzugt in den Wiener Öffis. Originaler Dialog unlängst in der 1er-Bim: 'Guck ma', Herbert, da drüben! Wat is dat denn?' Lautstarke Antwort: 'Dat is irgend so ’ne Kirche!' Es war das Rathaus – das tut weh. Dasselbe im Kaffeehaus: Da kann ich meinem deutschen Besuch noch so sehr einbläuen, sie sollen bitte eine Melange bestellen, es kommt am Ende doch wieder das Wort 'Kaffee'. Da hilft nur Durchatmen! Wiener in Norddeutschland benehmen sich ja manchmal auch seltsam. Gleicht sich also alles aus."

Birgit Lusche, evangelische Pfarrerin:

"Das Gefühl, sich für jemanden zu genieren, kennen wir alle. Ich zum Beispiel erinnere mich an etwas recht Harmloses: Eine Freundin hatte mal ihre Hose so an, dass sie hinten immer viel zu weit runterrutschte – unbeabsichtigt. Und ich merkte, wie andere da immer hinstarrten und zu grinsen begannen. Es war mir – obwohl meine Hose passte – so peinlich, dass ich fast selbst rot wurde. Ja, man kann sich manchmal wirklich fremdschämen. Dabei ist mir aufgefallen: Das braucht Empathie. Der Popel in der Nase oder die zu kräftige Ausdrucksweise sind uns bei Personen, die wir mögen, körperlich spürbar unangenehm. Fehlt diese Empathie, kann das Gefühl auch leicht in Schadenfreude übergehen: 'Na, die arrogante Zicke hat es nicht anders verdient!' Aber eigentlich wissen wir, dass es kein Grund zur Schadenfreude unsererseits ist, wenn jemand anderer sich eine Blöße gibt. Eigentlich ist es doch schön, wenn jemand uns so viel Empathie entgegenbringt, dass er sich mit uns mitschämt!"

 

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