Meinung: Hört damit auf, mutmaßlichen Tätern eine Bühne zu geben

Unsensible Medienberichte über Gewalt an Frauen fördern diese Gewalt, und retraumatisieren die Opfer. Aktuell zeigt sich das bei der Berichterstattung über Roman Rafreider.

Was haben Roman Rafreider, Cristiano Ronaldo und Brett Kavanaugh gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Und dennoch stehen ihre Namen gerade symptomatisch für ein Phänomen, das seit Jahrzehnten zu Victim-Blaming, Retraumatisierung und Verharmlosung führt: ihnen wird in den Medien eine große, unkritische Bühne gegeben. Obwohl es Vorwürfe der Gewalt gibt. Der Gewalt gegen Frauen.

Dass die Geschichten ihrer mutmaßlichen Opfer unterschiedlich sind, ist klar. Und dass die Gewaltformen andere sind, auch. Doch die Verharmlosung durch die Medien läuft nach einem immer gleichen Muster ab: Gewaltvorwürfe werden öffentlich, dramatische Medienberichte, Skandalbilder und fatale Täter-Opfer-Umkehr folgen auf dem Fuß. Inklusive Verstößen gegen den Opferschutz. Alles aufgrund der patriarchalen Annahme: Man könne der Frau nicht bedingungslos Glauben schenken. Man solle doch lieber einmal „objektiv“ bleiben.

Dabei sagen Expertinnen seit Jahrzehnten: Berichterstattung über ein komplexes Thema wie geschlechterbasierte Gewalt darf nicht vereinfachend und dramatisierend sein – meistens ist sie das aber dennoch. Denn diese Berichte haben Folgen: Mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung (in Österreich: 44%) meint etwa, provokatives Verhalten der Frauen sei eine der Ursachen von häuslicher Gewalt. Und diese Annahme kommt nicht von irgendwo – Medien tragen eine Mitschuld und –verantwortung für solche gewaltverherrlichenden Denkweisen. Das weiß auch die Expertin Bettina Zehetner, psychosoziale Beraterin und Projektkoordinatorin bei „Frauen beraten Frauen”: "Verharmlosung oder Infragestellung der Aussagen von Betroffenen wirken für alle anderen - aktuell oder potenziell - Betroffenen mit. Damit wird die Leidenserfahrung der Betroffenen relativiert und in Frage gestellt. Die Signalwirkung ist stark negativ: Wenn der Täter selbst Gewalt erlebt hat, gibt ihm das keinen Freibrief, diese weiterzugeben, wenn er nun die Gelegenheit dazu hat (etwa weil nun er die Oberhand hat). Die schlimmen Erfahrungen, die der Täter gemacht hat, legitimieren seine Übergriffe in keiner Weise und sie sollen auch von den Medien nicht zur Entwertung oder Ablenkung vom aktuellen Thema verwendet werden."

Eine weitere verbreitete Abwehrstrategie (von Tätern/ innen) ist die Pathologisierung des Opfers: Die Frau, die die Anklage erhebt, wäre psychisch instabil, krank, verrückt und insgesamt nicht glaubwürdig. Man selbst sei rational und würde "so etwas" doch niemals tun.

von Bettina Zehetner, Psychosoziale Beraterin

Roman Rafreider und die große mediale Anteilnahme

Wie man es nicht machen sollte, zeigt der aktuelle Fall des ORF-Moderators Roman Rafreider, gegen den eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt vorliegt, die kürzlich öffentlich wurde. Ein gefundenes Fressen für den Boulevard und sonstige Medien, selbst SMS-Protokolle mit Drohnachrichten wurden öffentlich. Dabei besonders erschreckend: dass Rafreider sich ohne Widerrede zum Opfer stilisieren kann. Ohne Rücksicht auf das mutmaßliche Opfer, und vor allem ohne Rücksicht auf die Folgen für tausende andere Frauen, die durch solche Berichte retraumatisiert werden.

Der „Kurier“ titelte sogar mit „Versuch einer Vernichtung“, und ließ Rafreider lang und breit Verantwortung von sich weisen. Sätze wie „Auf dem Weg hierher habe ich nur auf den Boden oder das Handy gestarrt“ sollen Empathie erzeugen (Stichwort: Himpathy), und würdigen die Geschichte der Frau, die ihn anzeigte, herab. Geschrieben wird auch von einer „Gewalt-Affäre“, die Gewalt wird damit verharmlost. Auch im Magazin WOMAN, den Vorarlberger Nachrichten und der Boulevardzeitung Österreich konnte Rafreider ausführlich behaupten, er habe noch nie eine Frau, "oder einen Mann", geschlagen. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Doch dass mutmaßlichen Tätern auf diese Weise Glaubwürdigkeit geschenkt wird, ist etwas, das viele Gewaltopfer leider nur zu gut kennen. Im Zuge der Interviews hat Rafreider auch private Details über die Frau bekannt gegeben. Gegen ihren Willen. Opferschutz? Kein Thema in besagten Medien. Wie immer sind Sensation und Klicks wichtiger.

Das Problem daran: (Teil-)Schuldzuweisungen, Vorverurteilungen und verharmlosende Darstellungen führen zu sekundären Viktimisierungen. Etwas, das Opferschutzeinrichtungen seit Jahrzehnten kritisieren. „Wie über Gewalt an Frauen berichtet wird, hat Auswirkungen auf Beteiligte, potentiell Betroffene und deren Umfeld“, steht etwa im Medien-Leitfaden der Allianz Gewaltfrei leben. Fazit: Neben der Unschuldsvermutung brauche es auch eine Glaubwürdigkeitsvermutung für die Betroffenen.

Empfehlungen des österreichischen Presserates:

ANONYMITÄT WAHREN: Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, dürfen durch die Berichterstattung nicht ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden. Journalistinnen und Journalisten sollten daher möglichst anonymisiert über ein Gewaltopfer berichten.

RESPEKT UND PERSÖNLICHKEITSSCHUTZ: Bei der Berichterstattung und Visualisierung müssen jederzeit die Menschenwürde und die Intimsphäre der Betroffenen gewahrt werden. Dabei gilt es auch die Situation der Angehörigen und ihren Anspruch auf Persönlichkeitsschutz zu berücksichtigen.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DEN PRESSERAT: Betroffenen steht der Presserat kostenlos zur Verfügung, auch jede Leserin und jeder Leser kann sich mit einer formlosen schriftlichen Mitteilung zu einem Artikel an den Presserat wenden, der dann diesen Artikel medienethisch überprüft.

Zum zweiten Mal Opfer

Und nein: es bringt nichts, Verharmlosung von Gewalt in „weiteren Artikeln“ nicht (mehr) zu betreiben. Das ist nicht konsequent, und die Retraumatisierung der Opfer wird dadurch auch nicht aufgehalten. In einer Gesellschaft, in der die wenigsten Gewalttaten gegen Frauen vor Gericht landen, und davon wiederum die wenigsten tatsächlich zu einer Strafe führen, kann und darf es nicht passieren, dass Medien mutmaßliche Täter zu Opfern stilisieren. Und Opfer gegen ihren Willen geoutet werden. Medien und JournalistInnen machen sich damit mitschuldig.

Stattdessen sollten mehr Survivor-Frauen, also Überlebende von geschlechtsbasierter Gewalt, in den Medien zu Wort kommen. Frauen, die ihre Geschichten selbstbestimmt erzählen möchten. Statt einseitiger und anlassbezogener Berichterstattung sollte auf Tiefe, Kontinuität und Regelmäßigkeit Wert gelegt werden. Statt Einzelfällen sollten gesellschaftliche Missstände angeprangert werden.

Klar ist: seit #MeToo steigen die Medienberichte über Gewalt gegen Frauen. Und dahinter steckt auch eine Gefahr: Gewalt wird normalisiert. Wenn etwa Tathergänge detailliert geschildert werden, ist das kontraproduktiv. Wenn immer nur über Einzelfälle diskutiert wird anstatt Gewalt gegen Frauen als gesellschaftliches Problem anzuerkennen, wird sie individualisiert. Und damit weniger ernst genommen, denn „bei uns“ passiert das sowieso nicht. Das gilt im Übrigen auch für die einseitige Berichterstattung und das spezielle Medieninteresse, wenn es um „nicht-österreichische Täter“ geht. Nach dem „Warum“, also den Geschlechterbildern, die zu dieser Gewalt (in Österreich) führen, wird selten gefragt. Strukturelle Ungleichheiten und gesellschaftliche Machtverhältnisse werden wenig bis gar nicht angesprochen.

Auch die Präsentation der Gewaltformen ist problematisch, so der Bericht der Allianz Gewaltfrei leben: „Es dominieren schwere Gewaltformen, massive körperliche Misshandlungen und Tötungsdelikte. Vergewaltigungen werden eher publik, wenn sie im öffentlichen Raum und durch einen Fremdtäter erfolgen, obwohl sie häufiger im sozialen Umfeld passieren.“ Psychische Gewalt und sexuelle Belästigung seien noch seltener Thema, kritisiert der Bericht. „Gerade weniger spektakuläre Fälle bieten Betroffenen Anknüpfungspunkte. Berichte über die verschiedenen Gewaltformen und -dynamiken insbesondere der psychischen Gewalt helfen, Gewaltbeziehungen als solche zu identifizieren.“

Unsensible Medienberichte, die die Grenzen der Beteiligten durch fehlenden Personenschutz oder die Art der Darstellung verletzen, können die Betroffenen von Gewalt zusätzlich schädigen. Solche sekundären Viktimisierungen, die Frauen als Betroffene von geschlechtsbasierter Gewalt durch Reaktionen des sozialen Umfelds, die Behandlung durch Polizei, Verwaltung oder Gericht, Medien und Öffentlichkeit erfahren, sind gerade im Kontext geschlechtsbasierter Gewalt, die auch durch Normen und Strukturen der Gesellschaft abgestützt wird, ein zentrales Problem.

von Aus dem Medienleitfaden der Allianz Gewaltfrei leben

Gewalt ist Gewalt, und kein „Ehedrama“

Heißt auch: die Darstellung der Täter darf nicht überzeichnet werden. Wenn Täter als „Monster“ inszeniert werden, wird Gewalt wieder zu einem Phänomen erklärt, das nicht alle betrifft, sondern nur „speziell bösartige“ Menschen. „Eine differenzierte Auseinandersetzung kann die Verantwortung des Täters deutlich machen und trotzdem zu verstehen und zu erklären suchen, wie und warum jemand gewalttätig wird“, zitiert der Medienleitfaden. Ebensowenig sollten Opfer als hilf- und wehrlos dargestellt werden. Das zeigt anderen Betroffenen, dass sie in der Situation nichts machen können – dabei gibt es Handlungsmöglichkeiten und Abwehrstrategien. Und das Wichtigste: der Schutz der Identität der Beteiligten muss oberste Priorität haben.

Ein sensibler Umgang mit Begrifflichkeiten ist das Um und Auf. Eine Vergewaltigung ist keine „Sex-Attacke“, und häusliche Gewalt ist kein „Ehedrama“. All diese Begriffe verschleiern die Gewalt, und sie entziehen Verantwortung. Es ist kein „Schicksal“, das zu Gewalt führt, es gibt Strukturen, die diese begünstigen. Jede fünfte Frau hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Das sind keine skandalösen Einzelfälle, es ist die Realität. Überall, in allen sozialen Schichten und Umfeldern. Medien tragen zu dieser Realität bei, zementieren Machtverhältnisse ein, indem sie Opfer herabwürdigen, Victim-Blaming betreiben und indem sie so schreiben, kommentieren und analysieren, wie sie das jetzt wieder tun.

Frauenhelpline gegen Gewalt:0800 / 222 555

Die Frauenhelpline gegen Gewalt bietet an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr anonyme und kostenlose Erst- und Krisenberatung für Frauen, Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, sowie für ihre Angehörigen. Mehrsprachige Beratung: - Dienstag, 14 bis 19 Uhr: Bosnisch-Kroatisch-Serbisch - Mittwoch, 8 bis 14 Uhr: Rumänisch - Freitag, 8 bis 14 Uhr: Türkisch - Freitag, 14 bis 19 Uhr: Arabisch Englisch wird von allen Beraterinnen angeboten. Tel.: 0800 / 222 555 / E-Mail: frauenhelpline@aoef.at / Web: www.frauenhelpline.at

 

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