„Meine Sichtbarkeit ist wichtig.“

Am Samstag ist die Regenbogenparade zum 24. Mal über die Wiener Ringstraße gezogen. Wir haben mit Botschafterin Henrie Dennis gesprochen, warum Veranstaltungen wie diese 2019 noch immer so wichtig sind.

Henrie Dennis

Für alle, die dich noch nicht kennen – wie stellst du dich vor?

Ich bin Henrie Dennis, Gründerin der Organisation Afro Rainbow Austria und Vorstandsmitglied der European Lesbian* Conference. Ich bin Mensch, ich bin Mutter, ich bin Migrantin. Ich versuche, für all meine Identitäten Bewusstsein zu schaffen und sie alle anzunehmen. Ich versuche einfach in einer überwiegend weißen Gesellschaft, in der meine Realität nicht jedermanns Realität ist, zu existieren.

Mutter, Migrantin, Mensch: Du hast gerade viele Labels verwendet. Wünschst du dir, dass du diese Labels nicht brauchen würdest?

Jetzt im Moment, in diesem Jahr 2019, sind Labels meine Realität. Ich leben nicht gerne in einer Fantasiewelt. Klar wäre es schön, wenn wir einfach alle als Menschen koexistieren könnten, aber ganz ehrlich: Wie weit sind wir davon entfernt? Ich möchte die Labels zur Kenntnis nehmen, damit ich besser damit umgehen kann.

Sprich: Labels sind notwendig, um Ungleichheiten sichtbar zu machen?

Ganz genau. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Wir müssen Rassismus als solchen benennen, um damit umgehen zu können und Veränderung herbeizuführen.
Manche sagen oft Sachen wie: Diese Dinge existieren für mich nicht, weil ich bin sehr liberal und open-minded und so. Aber: Wir als Menschen haben alle unterschiedliche Lebensrealitäten. Wir müssen unsere Unterschiede wahrnehmen, um der Realität ins Auge zu sehen. Wenn ich auf die Straße gehe, werde ich zuerst als schwarze Person gesehen bevor ich einfach nur als Person gesehen werde. Meine Realität ist so wie sie ist und niemand kann das leugnen.

Wir müssen Rassismus als solchen benennen, um damit umgehen zu können und Veränderung herbeizuführen.

von Henrie Dennis

In Anbetracht dieser unterschiedlichen Lebensrealitäten - Was bedeutet die EuroPride für dich persönlich? Warum ist sie auch 2019 noch immer so wichtig?

Ich versuche einfach, Bewusstsein für meine Struggles und die Struggles der Community, die ich repräsentiere, zu schaffen. Ich schaffe Bewusstsein fürs Schwarzsein in einem überwiegend weißen gesellschaftlichen Raum. Gleichzeitig versuche ich, Raum für meine Community und mich zu schaffen – Raum, in dem wir sichtbar sind und existieren können. Meine Sichtbarkeit ist wichtig. Heute geht es bei vielen Pride-Veranstaltungen mehr um Kapitalismus und Weißsein, aber in meinem Kontext von Pride geht es darum zu zeigen, dass es mehr als nur eine Lebensrealität gibt. Denn, ganz ehrlich: There are still struggles out there. Es gibt diese Lebensrealitäten, in denen Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Geschlechtsidentität auf der Straße geschlagen werden. Auf einer Pride feiern die Menschen auch gerne ihre Freiheit, aber für mich ist diese Freiheit ein Trugschluss. Ich bin durch die Intersektionalität all meiner Identitäten nie wirklich frei. Ich habe mir das nicht ausgesucht und ich kann davon auch nicht weglaufen.

Es ist sehr komplex, aber als Beispiel: Wenn Leute mich sehen, sehen sie nicht das Lesbischsein in mir. Sie sehen vorher das Schwarzsein bevor sie meine sexuelle Orientierung sehen. Beides sind aber meine Identitäten. Wie lebe ich damit?

Wir müssen nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch Bildungsarbeit leisten.

von Henrie Dennis

Was können Demos oder Veranstaltungen wie EuroPride gesellschaftlich beitagen? Inwiefern ist das für dich ein politischer Akt?

Demonstrationen generell sind natürlich ein politischer Akt. Wir von Afro Rainbow Austria gehen bei der Regenbogenparade mit. Wir nutzen diese Plattform, um Awareness für unsere Existenz zu schaffen. Das ist wichtig – was nicht heißt, dass ich die Leute, die das nicht tun, verurteile. Manchmal hat man keine Kraft dazu, weil der Alltag schon anstrengend genug ist. Wir müssen schließlich nicht nur Sichtbarkeit schaffen, sondern auch Bildungsarbeit leisten. Dazu kommt: Dieser Raum, der für alle sicher sein sollte, ist es für viele immer noch nicht. Rassismus existiert auch in der LGBTIQ+ Community. Sicher sein ist eine Illusion. Viele von uns fühlen sich nicht sicher genug teilzunehmen.

Wie du sagtest: Alle haben unterschiedliche Lebensrealitäten. Zur EuroPride gehen auch viel weiße cis-Menschen. Freust du dich über jede Person mehr, die bei der Pride ist, oder ärgerst du dich auch manchmal, weil Veranstaltungen wie diese einfach ein Space für andere Lebensrealitäten sein sollten?

Ich werde das sehr diplomatisch und realistisch beantworten. Das alles ist ein Kampf, den ganz viele Leute vor mir schon gekämpft haben. Ich persönlich habe etwa eine weiße Partnerin, ich persönlich habe auch viele weiße FreundInnen. Ich bin auf keiner Schwarz-Weiß-Mission, es geht mir nicht darum, weiße Menschen zu exkludieren. Ich glaube an die Wichtigkeit von Allies. Ich glaube an das Zusammenarbeiten. Ich glaube an das Anerkennen von Differenzen und Privilegien. Ich glaube daran, Grenzen zu respektieren. Ich will kein One-Man-African-Empire aufbauen. (lacht) Also ja: Wir würden weiße Menschen beim Truck dabei haben – und zwar jene, die Grenzen akzeptieren und die gleiche Mission wie wir haben. Wenn eine weiße Person zu mir sagt: „Hey, wir feiern, dass wir alle gleich sind!“, dann denke ich mir: Ja, schön wär’s, aber so ist es nicht.

 

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