Meine erste Sex-Party (und dann genau in Zeiten von Corona!)

Ich lebe ja eigentlich monogam. Aber jetzt sitze ich hier bei einer dieser hippen Sex-positive-Partys und warte, bis die Orgie endlich los geht.

Meine erste Sex-Party (und das in Zeiten von Corona)

Orange. Ich habe Orange genommen. Das bedeutet maybe, also vielleicht. Und jetzt sitze ich mit diesem orangen Band am Handgelenk in einem Zelt und werde herausgefordert. Playfight heißt das Spiel auf der Sex-positive-Party, auf der ich gerade bin. Es ist Sommer (und es ist Coronazeit), und wenn ich an Sexpartys denke, dann tauchen in meinem Kopf Bilder von wilden Orgien auf. Nächster Gedanke: Das ist doch nur ein Swingerklub mit neuem, hippem Namen! Aber zurück zum Playfight: Vor mir kniet eine Person und will was von mir, will etwas mit mir machen. Ich kann natürlich Nein sagen, das signalisiert mein Band; Grün wäre "Immer gerne!", Rot hieße "Bitte sprich mich nicht an". Aber ich wollte ja was riskieren, also Orange.

Sex-Positive? Was ist das?

Sex-positive bedeutet, sich auszuleben - aber mit Consent. Seit ein paar Jahren gibt es die Bewegung bei uns. Bei Sex-positive-Partys geht es nicht primär um Sex, sondern um Respekt und darum, Nein sagen zu können. "Consent Angels" sorgen dafür, dass Grenzen nicht verletzt werden. Die Party, die hier beschrieben wird, heißt The Parallel Universe und wurde vom Verein Loslassen veranstaltet.

Okay, dann mal los. Aller Schmuck muss runter, auch mein Ehering. Ist das jetzt ein Zeichen? Gebe ich gerade mein monogames Leben auf? Ich überlege lieber nicht weiter und krabble in den Ring. Rund um uns sitzen etwa 20 Menschen in einem Kreis, drinnen sind dicke Matten aufgebreitet -es soll ja nix passieren. Also passieren soll schon was, aber man soll sich nicht verletzen. Mein Maybe ist jetzt ein Yes. Die Person vor mir lächelt mich an, ihr Oberkörper ist fast nackt und sie trägt nur eine kurze schwarze Panty. Ich bemerke: Meine Aufregung geht Richtung Anregung. Sinn eines Playfights ist es, Grenzen auszuloten -sich und die andere Person zu spüren, zu kämpfen, zu spielen oder auch erotisch zu stimulieren. Die Leute ringsum sind ein Regulativ, aber auch Teil der Inszenierung. Und was fühle ich? Fremde, weiche Haut, Haare, deren Geruch ich nicht kenne, ein körperliches Gewicht auf mir, das neu ist. Was noch? Ein Kribbeln - und Neugier auf diesen Menschen, der mit mir kämpfen möchte.

Eine Sex-Party während Corona

Sex-positive Partys: Consent und Loslassen

Später wird Ilvy zu mir sagen, dass sie unseren Kampf genossen hat, weil er "spielerisch" war. Ich bin eine Stunde später immer noch leicht von der Rolle.

Ilvy ist eine junge Frau, 30 Jahre alt, hat lockige blonde Haare und ist seit drei Jahren in der Sex-positive-Szene unterwegs. "Was ich hier gelernt habe, ist Nein zu sagen. Und erst seit ich in dieser Community bin, kann ich meine Wünsche formulieren. Ich habe viele neue Wünsche an mir entdeckt und kann sie ausleben. Was auch cool ist: Ich kann hier mit einem großen Selbstbewusstsein alleine als Frau herkommen und weiß, dass mir nichts passiert." Ilvy ist eine von 80 handverlesenen Menschen heute, für die es ums Loslassen, aber vor allem um Consent, um Zustimmung, geht. Denn ja, Sex soll passieren, hier ist viel möglich, viel erlaubt -aber eben nur, wenn alles einvernehmlich ist. Deshalb gibt es hier auch keinen Alkohol, keine Drogen; nichts, was das Bewusstsein verzerren oder Emotionen überdecken könnte. Umso erstaunlicher ist für mich, wie sehr sich Menschen hier trotzdem gehen lassen können. Amany und Julian etwa: Sie ist 25, er 32 Jahre alt. Ihr Playfight ist wirklich ein Kampf, ein Ringen um Dominanz, um Begehren. Und ganz ehrlich: Es ist ein sehr erotisches Vorspiel, halt nur ohne tatsächlichen Sex vor uns allen.

Schmerz kann auch gut sein

Amany liebt es, körperlichen Schmerz zu spüren. Dabei ist sie eigentlich ein Typ, der überhaupt nicht angefasst werden will. "Die ersten paar Male habe ich niemandem erlaubt, mich zu berühren, und heute rede ich sehr klar über meine Bedürfnisse. Ich habe hier so viele Sachen herausgefunden, die ich mag; Playfights zum Beispiel." Tja, denke ich, merkt man! Mit Julian, ihrem Freund, ist für diese Party vereinbart, dass er keinen Sex mit einer anderen Frau und sie keinen mit einem anderen Mann haben wird. "Was sein kann, ist, dass wir beide eine Frau schön finden und sie einladen. Aber dann bin ich eher der Beobachter", weiht mich Julian ein. Was insgesamt ein bisschen nach Hippie-Flower-Power klingt, ist Konzept. Das Ganze heißt The Parallel Universe und Janina, die hier alle Fäden zieht, sagt: "Es ist ein Erwachsenenspielplatz, ein Ort, an dem Menschen an die Grenzen ihrer Wünsche und ihrer Sexualität gehen können." Aber eben bei vollem Bewusstsein.

Die Party lebt auch nicht vom Dunkel, es ist taghell. Ein bisschen DJ-Beats hier, eine hausgemachte Holzofenpizza da, viel Haut und haufenweise Tattoos auf relaxten und, wie ich finde, sehr schönen Körpern. Immer wieder sehe ich Leute nackt in den großen Pool springen oder sich an dessen Rand von der Sonne trocknen lassen. Und dass gerade hinter mir in der Hängematte ein kleines sexuelles Experiment gestartet wird, irritiert mich lustigerweise gar nicht mehr Aber was ist jetzt eigentlich mit Corona?

Wie geht das eigentlich? Sex Party und Corona?

Die Regeln sind streng: Sex darf nur mit Leuten stattfinden, die auch sonst zusammengehören oder die zusammen wohnen. Dieses "Covid-Law" hat die Community empört: "Ich habe viel Kritik bekommen, aber ich muss auch das Risiko tragen", erklärt mir Janina. Ob sich heute alle daran halten werden? Pavel (35) aus Oberösterreich ist drei Stunden hierhergefahren, um seine Wünsche auszuleben. Covid stresst ihn nicht. "Ich halte es für kein hohes Risiko, denn 80 Prozent der Leute -gerade wir Jungen! - haben ja gar keine Symptome. Aber ich hätte trotzdem nur dann gern Sex, wenn ich auch eine Verbindung spüre. Ich lege es nicht darauf an, und genau das macht ja den Unterschied hier aus. Nichts muss, alles kann passieren." Gerade als ich mit Pavel plaudere, kommen Amany und Julian noch einmal auf mich zu und machen mir ein - na ja, ein Angebot. Ob ich vielleicht mal Lust hätte, zu ihnen auf ein "Dinner plus" zu kommen? Puh, jetzt bin ich wieder aufgeregt wie zu Beginn. Und fühle mich schon geschmeichelt, aber auch sehr überfordert. Ich schaue auf mein Handgelenk, und da ist es ja noch, das orange Band. Maybe, denke ich. "Gern", sage ich spontan. Und mache ich es jetzt auch? Na ja - vielleicht

 

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