"Mein Vater, der Feind"

Eine junge Frau schildert, wie der Verlust ihres Vaters zur Traumatisierung wurde.

Jahrelang hat Sandra F. darunter gelitten, dass ihre Mutter ihr den Vater vorenthalten hat. Diagnose: Parental Alienation Syndrome, in der Psychologie eine schwere Traumatisierung. Hier erzählt sie, wie der Vater zum Feind wurde – und die Trennung von ihm ihr Leben aus der Bahn geworfen hat.

Protokoll Natalie Weber

Ich habe meinen Vater heiß und innig geliebt. Meine Mutter nicht. Als ich neun Jahre alt war, ließ sie sich von „meinem nichtsnutzigen Erzeuger“ scheiden, zog mit mir in eine andere Stadt, unterband jeden seiner Kontaktversuche. Wenn ich dennoch nach ihm verlangte, wurde ich dafür von meiner Mutter mit Missachtung gestraft. Ihre Kälte war an manchen Tagen kaum zu ertragen.

Der einzige Weg, die Distanz zwischen uns zu verringern, war, jene zwischen mir und meinem Vater zu vergrößern. Ich fragte nicht mehr nach ihm. Lehnte jedes Zeichen seiner Zuneigung ab. Und begann, meine Gefühle für ihn durch „passendere“ zu ersetzen. Ich redete mir ein, ihn zu hassen. Und irgendwann war er für mich der Versager, für den ihn meine Mutter hielt. Als ich 19 war, wurde mein Vater krank. Es war nicht sicher, dass er überlebt. Seine Bitte an sein Krankenbett zu kommen - ich habe sie ignoriert. Und ihm stattdessen zurückgeschrieben, er könne meinetwegen verrecken. Er hat sich nicht wieder gemeldet.

Schuldgefühle? Hatte ich nicht. Und doch bahnten sie sich ihren Weg: Ich wurde magersüchtig, trank zu viel Alkohol, bekam starke Depressionen. Ein Mann, bei dem ich Halt hätte finden können, ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Meine sexuelle Zurückhaltung, meine Beziehungsängste erschreckten ihn. Er glaubte, dass mich mein Vater, von dem ich selten und wenn, dann nur schlecht sprach, mich als Kind misshandelt und missbraucht habe. Fast hätte er mich davon auch überzeugt.

Mit 30 griff ich zu Tabletten, kam wiederholt mit einer Überdosis ins Krankenhaus und habe den letzten Versuch nur knapp überlebt. Ich kam in die Psychiatrie, wo man eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostizierte. Die Psychiatrie war grausam, aber hier erwachte mein Überlebenswille.

Heute bin ich 32. Und hasse meine Mutter dafür, dass sie mir nicht nur meinen Vater weggenommen hat, sondern auch meine Kindheit. Die Zukunft kann sie mir aber nicht mehr stehlen. Denn ich habe den Kontakt zu ihr abgebrochen. Stattdessen telefoniere ich jetzt wieder regelmäßig mit meinem Vater. Es ist eine langsame Annäherung. 23 Jahre lassen sich nicht in ein paar Stunden, Tagen oder Wochen nachholen. Es wird dauern, bis ich wieder fühle: „Mein Papa!“

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