Mein Papa, der (zweit-)beste

Sind Väter nur das Beiwagerl der Mütter? Kann ihre Bindung zum Kind je so eng wie die der Mutter sein? Kann sie! Wir haben ExpertInnen auf dem Gebiet der Väterforschung dazu befragt.

vater-kind-beziehung

Väter sind maximal die zweitbesten Mütter. Denn: Kinder im Bauch tragen, sie gebären, die Brust geben - das können sie alles nicht. Und wenn man sich mit William Sears' Theorie des Attachment Parenting befasst, wo der enge (Körper-)Kontakt zur Mutter gepredigt wird, drängt sich die Frage auf: Braucht es den Vater überhaupt?

Als wichtiger "Support", um den müden Müttern das Baby abzunehmen, sind die Väter durchaus wichtig, schreibt Sears. Papas sollen dann einspringen, wenn die Mamas eine Pause brauchen. "Wenn sich beide Elternteile ihre Pflichten teilen, vermeidet man, dass Mütter ausbrennen", sagt er. Beiwagerl eben. Oder? Nun, die Wissenschaft sieht das mittlerweile anders. Während die Rolle der Mutter in der Psychologie gut erforscht ist, sieht es mit der des Vaters ganz anders aus. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts, als sich das Väterbild verändert hat - vom Versorgerpapa hin zu einer emotionalen Beziehung in Form von herzlichen, hauptsächlich durch Spiele und gemeinsame Unternehmungen geprägten Kontakten -, hat sich was getan. "Der direkte Vater-Kind-Kontakt wurde aufgewertet, und damit wuchs in der Entwicklungspsychologie das Interesse an Vater-Kind-Beobachtungsstudien", schreibt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert in Frühe Bindung (Ernst Reinhardt Verlag, € 41,10). Gemeinsam mit KollegInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz hat sie 2013 das Central European Network on Fatherhood (kurz CENOF) gegründet und vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien ausgehend erstmals eine große internationale Väterstudie gestartet. "Uns interessierte dabei besonders die Perspektive der Väter", erzählt eine der ForscherInnen, Ulrike Ehlert, Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Zürich.

Schon in der frühen Väterforschung ging es um die Frage, ob Papas überhaupt über Kompetenzen und Fähigkeiten für den frühen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern verfügen. Als Referenz dafür wurde das mütterliche Verhalten herangezogen. Doch kann man in so einem Vergleich überhaupt anders, als immer nur den Kürzeren zu ziehen? Ist es fair, Väter in ihrem Tun ständig mit Müttern zu vergleichen? "Nein", sagt Ulrike Ehlert. Denn eines zeigen die Untersuchungen deutlich: "Väter gehen einfach anders mit Kindern um."

Väter tun anders

Belege dafür, dass Frauen der befähigtere Elternteil für Kinder wären, gibt es - bis auf das Stillen - kaum. Das Schreien eines Babys lässt sowohl bei Frauen als auch bei Männern Herzschlag, Blutdruck und Hauttemperatur steigen. Beide Elternteile verfügen über annähernd gleiches intuitives Handlungswissen für den Umgang mit Säuglingen. Der wesentliche Unterschied dabei ist: Väter interagieren einfach anders als Mütter. Sie regen ihre Kinder beim gemeinsamen Tun viel stärker physisch an und fordern ihre Fähigkeiten und ihr Selbstvertrauen stärker heraus. Die deutsche Väterforscherin Katja Nowacki von der Fachhochschule Dortmund hat in ihren Untersuchungen gezeigt, dass durchaus auch andere Personen als die leibliche Mutter die primäre Bezugsperson des Kindes werden können. Das habe besonders die Erforschung von fremd untergebrachten Kindern bewiesen. Kinder bauen eher zu der Person eine sichere Bindung auf, die mehr in ihre tägliche Versorgung involviert ist. Demzufolge können Väter genauso die primäre Bezugsperson werden, wenn sie viel und qualitativ gute Zeit mit ihrem Kind verbringen.

Papa-Baby-Körperkontakt

Es geht also um das Engagement und die Präsenz der Väter. Und dazu können sie durchaus selbst viel beitragen. William Sears schreibt, dass Vaterschaft schon vor der Geburt beginne. Er rät Männern, bereits mit Babys im Mutterleib zu sprechen. Besonders gefragt seien Papas dann, wenn Mütter aus medizinischen Gründen nach der Entbindung von ihren Säuglingen getrennt sind. Bonding können auch Väter: Körperkontakt auf der nackten Haut, sodass das Baby den Herzschlag des Vaters hören kann, stärkt die Bindung. Auch das Herumtragen der Kleinen ist für Väter wichtig, denn nur durch diese enge Nähe lernen sie -anhand feiner Laute und kleiner Bewegungen, Grimassen und des An-und Entspannens des Körpers -, die Sprache des Säuglings zu verstehen. Bindungsaufbau mit dem Baby braucht jedoch Zeit. Daher tritt Sears stark für den Vaterschaftsurlaub ein. Er rät, so viel Zeit wie möglich nach der Geburt beim Kind zu verbringen. Das bedeutet: Zurückschrauben im Job und weniger Dienstreisen.

Nun kann man die Lehre des Attachment Parenting in viele Richtungen interpretieren. Eines stellt Sears jedoch gleich zu Beginn seines The Attachment Parenting Book klar: Es geht nicht um Debatten wie "Brust oder Flasche?" oder "Schreien lassen oder nicht?"- sondern darum, sich für die Bedürfnisse der Kinder zu öffnen. Da vielen Vätern ein praktisches Rollenvorbild abseits der traditionellen Versorgerrolle fehlt, sind sie allerdings stärker gefordert, eigene Strategien zu entwickeln. Dazu braucht es Unterstützung - von der Gesellschaft, der Politik, vom Arbeitgeber und einer Partnerin, die das väterliche Engagement begrüßt. Denn das Wichtigste für eine gute Vater-Kind-Beziehung ist es, da zu sein. Und damit ist "körperlich und emotional präsent" gemeint.

 

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