Mein Leben mit chronischen Kopfschmerzen

Seit eineinhalb Jahren, 24 Stunden am Tag begleitet Melanie ein chronischer Kopfschmerz. Eine Möglichkeit der Heilung hat die junge Frau noch nicht gefunden, wohl aber Wege, mit ihrem unerwünschten Begleiter zu leben.

Im Herbst 2014 landete ich mit voller Wucht in der größten Krise meines bisherigen Daseins: Von heute auf morgen wurde mir mein Leben förmlich unter den Füßen weggezogen. Diagnose: chronischer Kopfschmerz. Seit eineinhalb Jahren, 24 Stunden, rund um die Uhr leide ich seither an einseitigen Kopfschmerzen. Die ersten zwölf Monate nach der Diagnose dominierten Schmerz, Depression und Arztbesuchen meinen Tag. Ich ließ nichts unversucht und investierte Tausende von Euro in Ärzte, Heil- und Alternativmediziner. Eine physische Ursache für meine Krankheit wurde aber dennoch nicht gefunden.

Fünf Schritte, mit dem Schmerz zu leben

Zur Einsicht, dass nur ich selbst mir in dieser schwierigen Situation helfen konnte, gelangte ich recht schnell – der Weg war aber trotzdem nicht einfach. Als ausgebildete Mentaltrainerin, lösungsorientierter Coach und bekennender Freund der Positiv-Psychologie verfüge ich zwar über einen großen Werkzeugkoffer an sinnvollen Methoden, die Anwendung gestaltete sich jedoch auf Grund meines dramatischen Gefühlszustandes extrem schwierig. Mit viel Geduld und in fünf behutsamen Schritten habe ich es dennoch geschafft, meine Lebensfreude wieder zu finden.

1. Der erste wesentliche Schritt bestand aus der kurzfristigen Akzeptanz meines Zustandes. Das bedeutet nicht, dass ich die Hoffnung an ein schmerzfreies Leben aufgegeben hätte. Ganz im Gegenteil. Ich akzeptierte den konstanten Schmerz in der Gegenwart zwar, versuchte aber gleichzeitig mein Vertrauen an ein schmerzfreies, gesundes und freies Leben zu stärken.

Ich trickste meinen Verstand quasi aus, indem ich mir im Stillen, aber auch laut vor dem Spiegel immer wieder sagte:

„So wie ich weiß, dass die Sonne morgen wieder aufgehen wird, so weiß ich auch, dass ich wieder gesund und frei sein werde.“

Diesen Glaubenssatz, dessen erster Satzteil aus unbestreitbaren Fakten besteht, wiederholte ich so oft, bis ich tatsächlich immer mehr an den Wahrheitsgehalt meiner eigenen Worte, des zweiten Satzteils, glaubte. Dadurch wurde auch das Aushalten des Ist-Zustandes erträglicher. Die Aussicht auf ein gesundes und glückliches Leben versorgt mich mit neuer Motivation und Kraft.

2. Bei meinem nächsten Schritt spielte der Glaube ebenso eine wichtige Rolle. Nachdem ich mich mit unzähligen Hilfeschreien an Dutzende Ärzte und Heiler aus verschiedenen Bereichen gewandt hatte und immer wieder enttäuscht wurde, verlor ich allmählich das Vertrauen in andere Menschen und ihre Fähigkeiten. Aber ich habe nicht aufgegeben. Mit viel Geduld suchte ich nach Medizinern und Therapeuten, die mich langfristig begleiten wollten und von sich und ihren Methoden (auch in meinem durchaus schwierigen Fall) überzeugt waren. Der Glaubenssatz „Die richtige Hilfe ist unterwegs zu mir“ hat mir dabei sehr geholfen. Mittlerweile fühle ich mich bei meiner Therapeutin sowie bei meinen Ärzten, die größtenteils mit fernöstlichen Methoden arbeiten, sehr wohl. Erste Anzeichen einer körperlichen Besserung haben sich eingestellt. Der große Erfolg ist bis dato zwar noch ausständig, das aber hindert mich nicht weiter, auf die wertvolle Arbeit meiner Therapeuten zu vertrauen.

Melanie Pignitter


3. Zeitgleich begann ich, mich intensiv mit dem Thema Selbstliebe auseinander zu setzen. Obwohl ich stetig davon ausgegangen war, dass ich mich selbst liebte, veränderte sich meine Perspektive, als ich begann, wirklich ehrlich zu mir selbst zu sein. In Wahrheit nämlich mochte ich mich nur dann, wenn ich gerade etwas geleistet hatte, besonders hübsch angezogen war oder diszipliniert an meinen Zukunftsplänen arbeitete. Das aber hat nicht viel mit wahrer Selbstliebe zu tun. Niemand muss etwas leisten, um geliebt zu werden. Liebe passiert auf freiwilliger Basis und unabhängig von Richtkriterien. Fortan verabredete ich mich täglich mit mir selbst. In einem 10-minütigen „Treffen“ schenkte ich mir Stille, Entspannung und umgab mich mit heilsamen Gedanken wie „Ich liebe mich selbst, egal was passiert – ich liebe mich genauso wie ich bin – ich liebe mich heute, morgen und bis in alle Ewigkeit.“

4. Im Frühsommer 2016 startete ich schließlich in mein neues Leben. Ich wurde wieder aktiv. Traf mich vermehrt mit Freunden, fuhr das erste Mal nach über zwei Jahren wieder in den Urlaub, betrieb Sport, spielte Fußball mit meinen Neffen, probierte mich im Surfen und vieles mehr. Der Schmerz begleitet mich auch bis heute noch bei all diesen Aktivitäten. Immer wieder gibt es Tage oder Stunden, in denen die Intensität zu stark für derartige Unternehmungen ist. Das aber ist für mich nur ein Anlass mehr dafür, dass ich mich in Stunden, in denen mein Schmerzgrad niedriger ist, aufrapple, um mich voller Tatendrang in das wunderbare, herrliche Abenteuer Leben zu stürzen. So oft ich kann unternehme ich Dinge, die mir Freude machen und mich zum Lachen bringen. Außerdem umgebe ich mich bevorzugt mit Menschen, die sich der Sonnenseiten des Lebens bewusst sind. Daraus entsteht dann meist ein wundervoller „Lebensfreude-Domino-Effekt“.

5. In der Annahme, dass meine Seele mir mit dem Schmerzsignal etwas aufzeigen möchte, begann ich, mich intensiver als jemals zuvor mit mir selbst zu beschäftigen. Ich führte Selbstgespräche, die ich meist schriftlich festhielt. Ich erfuhr viel über meine Träume, Ziele, Werte, Vorstellungen und Glaubenssätze. Diese Erkenntnisse wiederum halfen mir dabei, mein Leben langsam zu verändern. Anstatt weiterhin mit 200 Prozent Einsatz meinem Job, dem Sport, meinem Studium usw. nachzukommen, nahm ich mir eine Bildungsauszeit. Ich schaltete mehrere Gänge zurück und befreite mich von diversen Zielen, die ich mir selbst auferlegt hatte. Im Laufe der Zeit veränderte ich auch meine Prioritäten.

Der chronische Schmerz, mein treuer Begleiter

An erster Stelle steht heute bei mir das Thema Lebensfreude. Ich bin davon überzeugt, dass Freude kombiniert mit Lachen und Spaß haben die beste Medizin für fast jedes gesundheitliche Leiden ist. Aber auch die heilsame Wirkung der Liebe darf man nicht unterschätzen. Aus Liebe zu mir selbst und aus Liebe zu Menschen, die mein Leben bereichern, mir in guten und in schlechten Zeiten bestehen, mir Geborgenheit und einzigartige Momente schenken, achte ich auf meine Gefühle und mein Wohlbefinden.

Diese Schritte waren für mich und meinen Weg zurück zur Lebensfreude wesentlich. Mein Kopfschmerz, den ich ab und an liebevoll „meinen kleinen Schatz“ nenne, ist bis heute mein treuer Begleiter geblieben. Wie am Kosenamen erkennbar, habe ich mittlerweile jedoch meinen Frieden mit ihm geschlossen. Nichts desto trotz glaube ich an die Möglichkeit, eines Tages doch noch vollkommen gesund und frei zu sein.

Und ich glaube daran, dass der Weg zur Heilung einer physischen oder auch psychosomatischen Erkrankung genauso individuell ist, wie das Krankheitsbild selbst. Und so muss jeder für sich selbst langsam und behutsam die richtigen Methoden finden. Ich hoffe, dass ich euch mit dem einen oder anderen Gedanken dennoch inspirieren konnte.

Melanie Pignitter ist 32 Jahre und lebt in Wien. Sie war Verkaufs- und Kommunikationstrainerin, Personalcoaching und bietet Mentaltrainings an.

Auf ihrem Blog honigperlen.at schreibt Melanie über das Leben, Lieben und Frau Sein.


Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog honigperlen.at. Wir freuen uns, ihn auch auf wienerin.at veröffentlichen zu dürfen.

 

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