Mein kleiner Bub, das Sensibelchen - Erfahrungsbericht einer Mutter.

Zarte Seelen. Kinder spüren einfach mehr – so denkt fast jede Mutter. Kein Wunder also, dass Eltern ihre Kinder als sensibel beschreiben. Doch hochsensibel ist auch bei Kindern anders. Als Nadja bemerkt, was mit ihrem Sohn los ist, wird die Belastbarkeit im Familiensystem auf die Probe gestellt. Der Bub ist nicht nur hochsensibel, er ist auch noch hochbegabt.

Leon* ist siebeneinhalb Jahre alt, gesund, wissbegierig
und die meiste Zeit lustig drauf. Ein ganz normaler Bub, könnte man sagen. Doch sieht man sich sein Leben genauer an, ist da einiges irgendwie komisch. Seine Geburtstage etwa werden nie eine echte Party. Nur zwei bis maximal fünf Kinder dürfen zu Leon nach Hause kommen, länger als drei bis vier Stunden hält er auch seine besten Freunde nicht aus. Zu laut. Wenn er in der Schule einen Fehler macht, ist er tagelang in sich gekehrt, kann auch gar nicht darüber reden, kritisiert sich ständig selbst. Und wird ein Mitschüler gehänselt, nimmt er sich das so zu Herzen, als wäre er selbst gerade Opfer des Mobbings geworden. Leon ist hochsensibel.


Seine Mutter weiß davon, seit er drei Jahre alt ist. „Eigentlich war er schon als Baby so, dass er nie aus dem
Tragetuch wollte, hat also ständig diesen ganz engen Körperkontakt gesucht. Doch da haben wir uns noch nichts gedacht“, erinnert sich Nadja* (38).

Nicht grüßen können

Die ersten Anzeichen hat Nadja beim Start in den Kindergarten bemerkt. „Er konnte einfach nicht in diesen Raum gehen. Es war nicht möglich.“ Nadja sieht schnell, dass nicht nur die neue Gruppe und die fremde Atmosphäre, sondern auch schon der Blickkontakt zu anderen Menschen für Leon schwer zu verarbeiten sind und dass er selbst in der eigenen, vertrauten Familie Schwierigkeiten hat, sich den allgemeinen „Benimmregeln“ zu fügen. „Ein großes Thema war das Grüßen. Er konnte oder wollte das nicht. Vor allem mit den männlichen Verwandten hatten wir so immer wieder Konflikte, denn es galt natürlich nicht als sensibel, sondern schlicht als unhöflich“, erinnert sich Nadja. Die verärgerten Onkel bleiben dennoch ein Nebenschauplatz. Denn die Kernfamilie muss in dieser Zeit plötzlich mit vielen neuen und sehr komplexe Konstellationen umgehen – Leons Hochsensibilität ist noch längst nicht alles. Mutter Nadja ist ebenfalls hochsensibel, der Vater hingegen nicht. Ebenso wenig wie das zweite Kind der Familie, das wieder ein Bub wird, aber eben ganz „normal sensibel“ ist. Und dann schickt das Universum der Familie noch eine Extra-Herausforderung: Leon ist hochbegabt. Dieses Talent haben seine Eltern mittlerweile auch schwarz auf weiß, der Test hat das Gefühl in Zahlen gegossen. Und mit der Auseinandersetzung sorgte man auch für die Möglichkeit, „normal“ damit umzugehen. „Mittlerweile habe ich gelernt, dass hier der Geist eines Elfjährigen im Körper eines Siebenjährigen steckt.“ Aktuell heißt das, dass Leon zwar erst die zweite Klasse Volksschule besucht, zu Hause allerdings an einer Solaranlage für das Haus arbeitet. In Theorie und Praxis.
In der Schule weiß niemand von den besonderen Fähigkeiten des kleinen Leon. Weder von den hochsensiblen noch den hochbegabten. „Wir haben es der Lehrerin nicht gesagt, denn wir sahen keinen Grund dafür. Er fühlt sich gut aufgehoben, also lassen wir das außen vor. Leon kann in seinen Freistunden die Dinge lernen, auf die er Lust hat und die im normalen Unterricht noch keine Rolle spielen. Und auch seine Hochsensibilität ist derzeit noch kein Thema“, vertraut Nadja auf die Institution Schule – in dem Fall eine Reformschule mit Montessori-Elementen. Sollte Leon eines Tages selbst Fragen zu seinem Gefühlsleben haben, wollen ihm seine Eltern freilich antworten. Bis dahin tut man aber alles, um das gemeinsame Leben so simpel wie möglich zu gestalten.

"Wer flippt zuerst aus, er oder ich?"

Und das ist Aufgabe genug, denn gerade zu Hause wird die komplexe Situation zum heißen Eisen. „Ich spüre manchmal, wenn es Leon nicht gut geht und lasse ihn in Ruhe, weil ich eh weiß, was los ist. Mein Mann hingegen sieht auch, dass etwas ist, macht dann aber aus Leons Sicht das Falsche, und das führt zu Frustrationen. Auf beiden Seiten natürlich“, schildert Nadja. Daher ist sie froh, dass es auch noch den zweiten, „normal“ sensiblen Buben gibt. „Der ist ganz anders, er betritt einen Raum und ist einfach da. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden sind und sich trotzdem als enges Team sehen.“ Auch zu ihrer eigenen Hochsensibilität hat Nadja mittlerweile einen guten Zugang gefunden – und einen zweiten, der auch von ihrem Mann verstanden werden kann. „Natürlich hatten wir Konflikte, die aus meiner und aus der Hochsensibilität unseres Sohnes entstanden. So unter dem Motto: Wer flippt zuerst aus, er oder ich?“, seufzt die Frau mit der kräftigen Stimme. Doch das Modell, mit dem auch Nadjas Ehemann mittlerweile gut leben lernte, wurde gefunden. „Wir arbeiten mit Losungssätzen oder -wörtern. Wenn ich etwas möchte – und bei mir dauert es eben sehr lange, bis ich es überhaupt artikuliere –, ist für meinen Mann klar, dass das jetzt wirklich sofort sein muss.“

Eine Lernerfahrung, die sie sogar kurz und laut auflachen
lässt. Und nebenbei eindrucksvoll zeigt, dass selbst komplexe Gefühlssysteme mit dem richtigen Quäntchen Empathie geknackt werden können.


Die Mimose und die Lösung

Situationen, wie sie Nadja im Kindergarten, in der Schule oder in der Familie beschreibt, haben alle Eltern von Hochsensiblen. Und lange Zeit waren sie auch alle mit ihren Kindern, ihren „Sensibelchen“ alleine. Erst seit einiger Zeit wird vermehrt über das Thema geschrieben, durch die
wissenschaftliche Aufarbeitung wird der Begriff langsam gebräuchlicher, und seit September 2014 gibt es in Wien (und Linz) auch eine Initiative, die sich ganz explizit der
Kombination „Hochsensibilität und Familie“ widmet
(Informationen unter hochsensiblefamilie.com).

Eine der beiden Initiatorinnen ist Karolin Gahleitner.
Die studierte Betriebswirtin hat selbst drei Kinder, ist mittlerweile Lebens- und Sozialberaterin und hat im ersten Jahr dieser Initiative bereits die unterschiedlichsten Familienkonstellationen erlebt. Eine ihrer Hauptaufgaben
ist es, zu normalisieren. Viele Familien sind regelrecht in Panik, wenn sie entdecken, dass ihr Kind hochsensibel ist. Sie suchen nach einer Lösung, nach Rezepten und nach Hilfe. Ihr Fazit nach einem Jahr: „Es gibt kein Rezept, es ist einfach oft eine Frage der Perspektive“, so die Pädagogin. In offenen Gesprächsrunden, die von Gahleitner moderiert werden, haben Eltern die Möglichkeit, sich auszutauschen – und bekommen einen Blick auf die Vielfalt. „Das Tolle ist, dass wir Eltern von Babys ebenso bei uns haben wie von 14-Jährigen und daher auch eine Palette von möglichen Themen aufarbeiten können. Eltern kommen hierher, lernen ganz andere Situationen in Familien kennen und erkennen darüber auch, dass man Kinder nicht schubladisieren kann.“ Zu den Themen gehören der Alltag, die Freizeit und Freiheiten der Kinder, aber auch Grenzen, Erziehung und
Erziehungsmodelle werden hier diskutiert. Gahleitner
selbst hat sich intensiv mit der Pädagogik von Jesper
Juul beschäftigt und versucht, seine Thesen auf Hochsensible umzulegen. „Wenn die Mutter eines 14-Jährigen schnauft ‚Ich weiß es nicht, ist es die Pubertät oder die Hochsensibilität?‘, dann sage ich drauf: Ist es denn so wichtig? Ist es nicht wichtiger, mit dem Kind in Beziehung zu bleiben?“ Nicht immer ist dieser hehre Vorsatz
jedoch umsetzbar, denn auch „normal“ sensible Eltern
haben manchmal den Hals voll, Stress oder einfach einen
schlechten Tag. In diesem Fall geht es laut Gahleitner darum, Dinge locker – oder im besten Fall mit Humor – zu
sehen.


Nicht in Watte packen

Das Feld der Hochsensibilität wird mittlerweile sehr intensiv beackert und erforscht, manches zum Umgang mit Kindern wohl erst in Zukunft herausgefunden werden. Doch einen Experten-Zugang könnte man vielleicht schon jetzt als eine Art „Leitsatz“ sehen. Rolf Sellin, selbst hochsensibel und Gründer des Stuttgarter HSP-Instituts (hsp-institut.de), ist der festen Meinung, Eltern sollten ihr hochsensibles Kind besser nicht in Watte packen. „Denn auch dann kommt das Kind mit der Welt nicht klar. Stattdessen sollte man die Wahrnehmung des Kindes respektieren, sich aber nicht davon beherrschen lassen. Ein Beispiel: Ich respektiere, dass der Pullover dich kratzt, ich möchte aber trotzdem, dass du ihn anziehst, damit du nicht frierst.“

*Namen von der Redaktion geändert.

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