"Mein Kind wollte sterben"

Abwertung, Diskriminierung und ein Gefühl des Unver­standenseins können Kinder in tiefe Krisen stürzen. Wir haben mit einer Mutter geredet, deren Tochter versucht hat, sich das Leben zu nehmen.

Meine 13-jährige Tochter Anna* hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Mit „versucht“ meine ich keinen „Hilferuf“ oder eine an die Eltern gerichtete erpresserische Drohung ohne wirkliche Todesabsicht, sondern eine gut vorbereitete Aktion**, die fast dazu geführt hat, dass wir unser Kind für immer verloren hätten. Die Polizei hat Anna buchstäblich in allerletzter Sekunde gerettet. Meinem Mann, Annas Vater Markus*, und mir sitzt der Schock bis heute in den Knochen. Was haben wir falsch gemacht? An Nestwärme hat es unserem Kind nie gemangelt.

Trotzdem fühle ich mich schuldig. Schuldig, weil ich die Anzeichen übersehen habe, und weil Anna nicht mehr daran geglaubt hat, dass meine und Markus’ ­Liebe sie durch ihre Krisen tragen können. Dabei bin ich doch eine gute Mutter! Anna ist das älteste meiner vier Kinder, die relativ knapp hintereinander geboren wurden. Meine ganze Aufmerksamkeit gehört ihnen: Ich bin da, wenn sie aus der Schule kommen, ich koche für sie und begleite sie zu all ihren Aktivitäten. Markus arbeitet für einen internationalen Konzern, daher muss die ­Familie alle vier Jahre in eine andere Stadt umziehen. Bisher war das kein Problem, aber diesmal gab es beim Umzug nach Zürich* „Krieg“ mit Anna. Sie wollte nicht weg aus Wien*, ihre Freundinnen, die Schule und ihr Umfeld nicht hinter sich lassen.

Es gab Streit. In Zürich angekommen, habe ich Annas Nörgeleien über die neue Schule als Anfangsschwierigkeiten abgetan. Ich war mit den anderen Kindern so beschäftigt, dass mir gar nicht aufgefallen ist, wie unwohl sie sich fühlt und wie sehr sie diese neuerliche Entwurzelung belastet. Ich konnte nicht ahnen, dass Anna an der Schule gemobbt wurde und sich falsche Freundinnen gesucht hatte. Sie hat sich mir nicht anvertraut, obwohl ich immer da war. Anna war plötzlich launisch, ihre schulischen Leistungen haben rapide nachgelassen und sie hat mit dem Nägelbeißen begonnen. Das habe ich alles der Pubertät zugeschrieben. Erst nach dem Selbstmordversuch habe ich erfahren, dass Anna heimlich in ihrem Zimmer monatelang Tötungsmethoden recherchiert hat.

Ihr Schweigen habe ich akzeptiert - ihren Mangel an Respekt nicht!

Über die Zeit nach dem Selbstmordversuch kann ich kaum sprechen. Mein Schmerz ist unbeschreiblich groß – noch größer als die Vorwürfe, die ich mir mache. Anna hat sich für eine Therapie in einer Klinik entschieden – und dafür, monate­lang nicht mit uns zu sprechen. Ihr Schweigen habe ich nach Rücksprache mit der Therapeutin akzeptiert, nicht aber ihren Mangel an Respekt. Ihre schmutzige Wäsche hat Anna mir wortlos vor die Füße geworfen. Das war zu viel für meine Selbstachtung. Ich habe mich so lange geweigert, mich darum zu kümmern, bis sie sich dazu durchgerungen hat, mich darum zu bitten. Der Weg zurück zueinander hat fast sechs ­Monate gedauert. Was mir am meisten geholfen hat, mich zu orientieren, waren die fünf Sitzungen mit einer eigenen Therapeutin, die mir Annas Verhalten erklärt hat und mir Tipps für den Umgang mit ihr gegeben hat. Unser gemeinsamer Schmerz hat Markus und mich noch stärker zusammengeschweißt. Ich war seine Stütze und er meine. Das hat mir Kraft gegeben. Heute, 18 Monate nach dem schrecklichen Vorfall, schauen wir alle wieder nach vorne, auch Anna: Eine besondere Art von Musiktherapie hat ihr geholfen, sich selbst wieder zu spüren und sich auf der Bühne als das hübsche, begabte Mädchen wahrzunehmen, das sie ist.

* von der Redaktion geändert
** Tötungsmethode der Redaktion bekannt

 

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