"Mein Kind ist keine Diagnose!": Mütter transsexueller Kinder teilen ihre Erfahrungen

"Mama, ich bin transgender!" Wenn Eltern so einen Satz hören, wissen sie oft nicht, wie sie reagieren sollen. Wir haben mit zwei Müttern über den Weg gesprochen, den sie mit ihren Kindern gegangen sind.

Teenager liest

Wir treffen Sabine und Andrea (alle Namen geändert) in einem Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt. Wir haben die beiden Frauen übers Internet gefunden. Sie haben Anfang des Jahres eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Transgender-Kindern gegründet (www.ichbintransgender.at). Heute wollen sie ihre Geschichten mit uns teilen.

Sabine, Mutter von Lena (17):

"Meine Tochter Lena wurde geboren als Sebastian, als jüngerer Bruder einer fünf Jahre älteren Schwester. Es hat sich schon im Kindergarten abgezeichnet, dass Sebastian lieber mit den Mädchen gespielt hat und sehr affin für alles Weibliche war. In der Volksschule hat sich Sebastian von der besten Freundin das Nachthemdchen ausgeborgt und wollte immer nur mit Puppen spielen; im Fasching immer Pippi Langstrumpf oder Indianermädchen sein - er durfte alles ausleben. Bei einem der ersten Elternsprechtage hat mich die Lehrerin gefragt, ob ich nicht glaube, dass sich mein Kind was nimmt, wenn es nur Kontakt mit Mädels hat.

Die erste wirklich schwierige Phase kam, als Mädchen und Buben im Turnunterricht getrennt wurden - quasi: ,Was mach ich im Turnsaal mit den Buben?' In der Zeit habe ich gemerkt: Irgendwas passt nicht - mein Kind kriegt Bauchweh am Sonntagabend, wenn es weiß, es muss am Montag zum Turnen. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er damals gehänselt und als 'Schwuli' beschimpft wurde.

Als er 14 war, sind wir dann zu zweit auf Urlaub gefahren. Wir waren auf Santorin, ich dachte mir: Das Traumziel, superschön - und dann sitzt dieses arme Kind den ganzen Tag im Zimmer und heult sich die Augen aus! Das war das erste Mal, dass mir klar wurde: Okay, dieses Kind fühlt sich überhaupt nicht wohl in seinem Körper.

Ein paar Monate danach hat Sebastian den Mut zusammengenommen und gesagt: 'Mama, ich sag dir jetzt was. Ich sag dir was, aber du sagst nichts dazu.' Und dann hat er gemeint: 'Mama, ich bin transgender.' Und das Kind hat am ganzen Körper gezittert. Ich habe es in den Arm genommen und nichts gesagt. Ich bin danach ins Wohnzimmer gegangen und habe mir gedacht: 'Was mach ich jetzt mit der Aussage?'

Ich war bei einer Beratungsstelle zum Erstgespräch und habe Lena - damals immer noch Sebastian - dann angeboten, dass wir gemeinsam hingehen. Sie hat gemeint: 'Na, sicher nicht, bin ja nicht krank!' Das ist nach wie vor ihr Standpunkt - eigentlich eh ein gesunder Standpunkt. Für sie ist eben ihr Empfinden richtig und keine Diagnose. Das haben andere zu einer Diagnose erklärt. Ich weiß, es geht auch darum: Ohne Diagnose übernimmt die Krankenkasse keine Kosten. Aber unsere Kinder fühlen sich nicht als Diagnose. Und es ist schlimm für sie, wenn Außenstehende ihnen erklären, was sie fühlen, was sie sind."

Andrea, Mutter von Olivia (17):

"Als Kind war der Martin einer, wo wir gesagt haben, das ist ein richtiger Bua, (...) der hat sich für Autos interessiert, Lego gespielt und so. Uns ist nichts aufgefallen in seiner Kindheit - außer, dass er irgendwann mit zehn im Fasching als Amanda Seyfried gehen wollte - da war gerade dieser Mamma Mia-Film im Fernsehen, und ich habe mir gedacht, die gefällt ihm halt.

Mit zwölf hat er dann begonnen, sich die Haare wachsen zu lassen - okay, auch nichts Dramatisches. Kurz darauf wurden die Fingernägel immer länger und länger. Dann ist relativ rasch der Rückzug gekommen - er war nur noch in seinem Zimmer, hat keine Freunde mehr getroffen, auch am Familienleben wenig teilgenommen.

"Wir haben uns natürlich wahnsinnig viele Gedanken gemacht und sind nächtelang vor dem Internet gesessen. Aber wir haben unserem Kind immer gezeigt: Wir stehen hinter dir."

Irgendwann haben wir einen Brief gefunden. Da stand drinnen: Er weiß jetzt sicher, er möchte so leben, wie er sich fühlt, er möchte als Mädchen leben und ist jetzt bereit, diesen ganzen Weg zu gehen. Sein Vater und ich, wir haben uns natürlich wahnsinnig viele Gedanken gemacht und sind nächtelang vor dem Internet gesessen. Aber wir haben unserem Kind immer gezeigt: Wir stehen hinter dir. Das war für ihn so ein richtiges Aufatmen. Wir haben dann auch bald die Familie informiert. Und wir haben versucht - was sehr, sehr schwierig war -, unser Kind zu Hause mit dem neuen Namen anzusprechen, den es sich ausgesucht hatte: Olivia.

Ich habe mir gar nicht gedacht, dass das so schwierig werden würde, aber mir ist dann erst bewusst geworden, was man mit dem Namen alles verbindet: alle Wünsche, alle Träume, alles, was du deinem Kind irgendwo mitgeben willst. Wir haben dann zum 14. Geburtstag die Geburtstagsfeier mit einem kleinen Ritual kombiniert, wo wir den Martin verabschiedet und die Olivia in der Familie begrüßt haben.

Wir haben in der Zeit all die Arzttermine absolviert, Termine beim Psychotherapeuten, beim Endokrinologen, medizinische Gutachten. Die Olivia hat dann die Hormonblocker bekommen. Mittlerweile bekommt sie auch die gegengeschlechtliche Hormontherapie. Ob sie mit 18 eine geschlechtsanpassende Operation machen wird, weiß sie noch nicht. Das sieht sie ganz gelassen und schaut, was auf sie zukommt.

Für mich war das alles ab dem Zeitpunkt okay, wo ich gemerkt habe, dass das Kind wieder am Leben teilnimmt, dass es wieder fröhlich ist, aus dem Zimmer rauskommt, wieder lacht. Da habe ich mich wieder ausgesöhnt gehabt mit den Sorgen und Ängsten. Meine Tochter ist mittlerweile 17 Jahre alt."

Keine Krankheit

Menschen, die mit einem biologisch eindeutigen Geschlecht zur Welt kommen, sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, nennt man transgender oder transsexuell. Identifiziert sich die Person selbst als Mann, spricht man von einem Transmann, fühlt sie sich als Frau, spricht man von einer Transfrau. Schätzungen zufolge liegt die Häufigkeit von Transfrauen bei 1:11.900 und bei Transmännern bei 1:30.400 (gesundheit.gv.at). Die WHO hat Geschlechtsinkongruenz 2019 von der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen und ins Kapitel über sexuelle Gesundheit ihres Diagnosekatalogs verlegt.

 

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