Mein Kind, die Sexualität und ich: Der altersadäquate Umgang

"Mama, was ist Sex?" Kein Grund, bei dieser Frage des Nachwuchses zusammenzuzucken! Die Expertin erklärt, wie man Kindern von Anfang an einen positiven und selbstbewussten Umgang mit Sexualität beibringt.

wienerin.at hat Bettina Weidinger, Leiterin des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapien gefragt, wie man das Thema Sexualität gar nicht erst peinlich werden lässt und seinen Kindern wertvolles Selbstwertgefühl in Bezug auf den eigenen Körper mitgeben kann.

1. Sexualität ist von Anfang an präsent

Menschen kommen als sexuelle Wesen zur Welt. Dies bedeutet: Alle Menschen entwickeln sich bereits ab der Geburt auch auf sexueller Ebene. Und wie bei allen anderen Entwicklungsaspekten auch verläuft dies nicht in streng getrennten Bahnen, sondern ist mit allen anderen Ebenen verwoben: Beim Waschen, beim Wickeln werden Körperteile angesprochen - ob das Genital dabei ausgelassen wird oder nicht, vermittelt auf einer subtilen Ebene bereits, ob dieser Körperbereich wichtig ist oder nicht.

2. Scheide, Penis, Schamlippen: Den Dingen ihren richtigen Namen geben

So wie bei allen anderen Körperteilen auch, soll das Kind jene Begrifflichkeiten hören und als Normalität lernen, die in einer Gesellschaft üblich sind. In Österreich sind das meist die Wörter Penis und Scheide. Beide Begriffe sind aber zu wenig. Begriffe wie Vorhaut, Eichel, Schamlippen, Harnröhrenausgang können wie nebenbei in einer Pflegesituation oder beim Erklären des Waschens genannt werden. Die umgangssprachlichen Benennungen des Genitals sind deshalb oft verwirrend für Kinder, weil nicht klar ist, was wirklich gemeint ist. Einem Mädchen zu erklären, dass sie beim Waschen die Labien mit den Fingern auseinanderhalten kann, braucht diesen Begriff. Etwas benennen können, bedeutet, es wahr- und vor allem und ernst nehmen können. Kinder erfinden häufig selbst irgendwelche besonderen Begriffe für ihr Genital. Diese sollen sie auch verwenden dürfen - die Erwachsenen hingegen wären gefordert genauso wie bei der Nase und den Nasenflügeln eine deutliche und unmissverständliche Sprache zu benutzen.

3. Soziale Regeln statt moralisierendem Schimpfen

Entwicklung braucht Neugierde und Entdeckungsdrang. Dies gilt für den Garten, für die Wohnung, für den Weg zum Kindergarten und auch für den eigenen Körper. Kinder im Kindergartenalter beobachten zwar, dass die sozialen Regeln im Umgang mit dem Intimbereich im Vergleich zu anderen Regeln besonders sind, sie treffen aber keinen Unterschied zwischen verschiedenen lustvollen Möglichkeiten des Tuns. Sie leben im Hier und Jetzt und wollen das tun, was jetzt gerade lustvoll ist. Das kann Sandspielen sein, Schaukeln, Wettlaufen oder sich selbst bzw. jemand anderen am Geschlechtsorgan berühren. Die Anleitungen, die sie in allen Bereichen brauchen, ist erst einmal ein unaufgeregtes Vermitteln sozialer Regeln ohne moralisierendes Schimpfen. Geht es um den Kontakt von mehreren Kindern untereinander gilt dasselbe Prinzip wie beim Spielen: Es ist die pädagogische Verantwortung von Erwachsenen zu überlegen, welche Kinder einen tendenziell gleichwertigen Umgang miteinander haben und welche Kinder sich gerade in einer "Machtspielphase" befinden. Das hat nicht unbedingt nur etwas mit dem Altersunterschied zu tun. Es geht darum, dass Kinder, die sich dauernd gegenseitig erpressen, beschimpfen, "runter machen", weder alleine beim Spielen im Zimmer gelassen werden können, noch gemeinsam in die Badewanne gesetzt werden können. Gibt es unter den Kindern einen "Gleichstand" in der Fähigkeit miteinander den Kontakt zu gestalten, braucht es keine Einmischung. Es ist aber immer "erlaubt", dass Erwachsene ein intimes Spiel zwischen Kindern unterbrechen, wenn sie der Meinung sind, dass es nicht mehr passend ist. Das passiert ja in anderen Bereichen auch. Aber auch dann geht es nicht darum zu moralisieren, sondern für etwas Neues zu begeistern oder, wenn notwendig, deutlich zu machen "Das was ihr macht ist völlig in Ordnung, aber ICH hätte gerne, dass ihr jetzt aufhört. Warum? Weil mir das jetzt lieber ist". Begründungen, die über die Moral ( z.B „weil das nicht gut ist für euch“, „weil das unanständig ist“, „weil das nicht für euer Alter passend ist“) beschämen und machen unsicher. Die wichtigste Einmischung muss aber immer dann stattfinden, wenn Kinder aus ihrer Neugierde heraus das Geschlechtsorgan von Erwachsenen berühren möchten. Hier ist es wichtig, ruhig und klar Abgrenzung zu schaffen. Kinder und Erwachsene befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen in der Entwicklung. Es ist Sache der Erwachsenen, die Ebenen deutlich zu trennen.

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Pädagogische Leitung des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapien, www.sexualpaedagogik.at

Sozialarbeiterin, Sexualpädagogin, Autorin unterschiedlicher sexualpädagogischer Broschüren, u.a. "Das Aufklärungspaket" (2008), Mitautorin des Buches „Sexualität im Beratungsgespräch mit Jugendlichen“, (Springer, 2007).

Sexualpädagogische Arbeit mit Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, Elternabende, Fachfortbildungen für PädagogInnen im Bildungs- und Behindertenbereich, Fachsupervision und Fortbildungen.

DSA Bettina Weidinger

4. Es braucht kein großes Aufklärungsgespräch, sondern Erklärungen

Aufklärung ist Erklärung über den Körper, die Körperpflege, die Pflege auf der Toilette. Aufklärung bedeutet auch anlassbezogen Gespräche über Sexualität zu führen. All dies kann und soll integriert in das Alltagsgeschehen passieren. Damit wird deutlich: Das Thema Sexualität ist ein normales Thema, das besprechbar ist. Ähnliches wird signalisiert, wenn Bücher rund um das Thema Sexualität zu Hause vorhanden sind. Bücher über den menschlichen Körper, über die Geburt, über die Regelblutung. Mit elf, zwölf Jahren dann auch jugendgerechte Broschüren. Im Wesentlichen ist die sexuelle Entwicklung von Menschen in den ersten zehn Lebensjahren geprägt vom Erwerb wichtiger Fähigkeiten, wie u.a. die Fähigkeit, den eigenen Körper in seiner Gesamtheit zu mögen, die Etablierung einer positiven Körperwahrnehmung, die Voraussetzung für das Wahrnehmen von Körpergrenzen ist, die Fähigkeit Beziehungen zu gestalten, aber auch die Fähigkeit soziale Regeln im Kontext Sexualität zu kennen.

5. Ich hab genauso meine Privatsphäre wie du

Zwischen sechs und zehn Jahren beginnen Kinder sich für die erwachsene Sexualität konkret zu interessieren. Sie wollen wissen, was Erwachsene beim Sex tun und v.a. wollen sie wissen, was Sex ist. Diese Neugierde zeigen sie durch das Erzählen von Sexwitzen in Dauerschleife, durch endloses Kichern, sobald das Wort Sex fällt, aber auch durch direkt persönlich gestellte Fragen an die Erwachsenen in ihrem Umfeld. In all diesen Situationen braucht es Erwachsene, die bereit sind, das Thema aufzunehmen. Werden persönliche Fragen gestellt, kann deutlich gemacht werden: Über mich persönlich erzähle ich nichts, das ist Privatsache - so wie auch du deine Intimsphäre hast. Aber ich kann dir sagen, was ganz allgemein betrachtet manche Menschen tun, wenn sie ein sexuelles Gefühl haben.

6. Werte vorleben statt predigen

Kinder lernen durch das Vorbild. Dabei zählt weniger das Vorbild der Handlung als das subtil vermittelte Bild, das Meinungen und Haltungen wiederspiegelt. Einengende Sichtweisen haben immer auch einengende Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Erwachsene, die sich selbst gerne bewegen und bereit, sind mit Kindern im Freien zu spielen, zeigen jedenfalls, dass es Spaß machen kann, etwas miteinander zu tun und sich dabei zu bewegen.
Es ist daher jedenfalls empfehlenswert, wenn sich Eltern ihrer Werte bewusst sind und diese reflektieren. Reflexion ist Erweiterung - eine gute Möglichkeit eigene Einstellungen neu zu überdenken.

Für die Etablierung Gefühls für die eigene Körperlichkeit und jene der anderen braucht es viel Bewegung, ausreichend Möglichkeit zur Eigenberührung (am ganzen Körper - auch am Genital!) und erlaubte Autonomiebereiche bei Körper- und Toilettenpflege. Findet dies von Anfang an statt, weiß bereits das dreijährige Kind, dass es sich zwar noch nicht mit dem scharfen Messer selbst ein Brot abschneiden darf, dass es aber beim Abwischen auf der Toilette selbst zuständig ist. Dies einfach deshalb, weil die Eltern von Beginn an des Toilettentrainings klar gemacht haben, dass der Intimbereich nur dem Kind gehört, dass es sich selbst gut abwischen kann. Der Intimbereich ist Autonomiebereich des Kindes. Vermitteln die Eltern dem Dreijährigen allerdings, dass sie die Sauberkeit des Intimbereichs kontrollieren müssen, dass nur Erwachsene diesen Bereich "reinigen" (= berühren) dürfen, wird nicht nur ein wichtiger Autonomiebereich weggenommen. Die indirekte Wertevermittlung sagt dann, dass dieser Körperteil "besonders schmutzig" ist.

7. Kindliche Sexualität findet in jedem Alter statt und darf nie ignoriert werden

Kinder interessieren sich von Geburt an für sich selbst und für die Umwelt. Dies gilt auch für die sexuelle und genitale Ebene. Kognitives Verstehen von Vorgängen, die im eigenen Körper eher "gespürt" werden beginnt erst langsam im Volkschulalter. Sexualerziehung im Kindergarten- und Volksschulalter ist daher in erster Linie Bewegungsförderung, das Erleben lassen sozialer Beziehungen, das Zulassen und Aushalten, wenn sich Kinder mit dem eigenen Körper und dem eigenen Geschlechtsorgan beschäftigen.

Auf kognitiver Ebene geht es im Kindergartenalter um das Lernen von Begrifflichkeiten für das Geschlechtsorgan, in der Volksschule braucht es Erklärungen über körperliche Veränderungen und über die berühmte Frage Was ist Sex?

Sobald das Internet genutzt wird, brauchen Kinder auch eine Einschulung in die Verwendung des Internets. Sobald sie alleine surfen, ist es notwendig sowohl die Vorteile als auch mögliche Gefahren im Umgang mit sozialen Netzwerken, dem Verschicken von Fotos und dem Öffnen von Seiten aufzuzeigen. Ähnlich wie beim Erlernen eines kompetenten Umgangs im Straßenverkehr, benötigen Kinder und Jugendliche zuerst Anleitung und dann das entgegenbrachte Vertrauen, dass sie alleine zurechtkommen.

All dies wird langsam, integriert in den Alltag passieren. Auch Medienkompetenz wird nicht durch drei Gespräche erworben - es ist eine Fähigkeit, die im Laufe des Lebens wächst.

Je älter Kinder werden, desto persönlicher und intimer werden die Fragestellungen. Die Eltern sind dann nicht mehr unbedingt die ersten Ansprechpartner*innen - es braucht andere, möglichst anonyme Gesprächspartner*innen und Informationsquellen. Eltern können nicht nur Broschüren und Bücher zur Verfügung stellen. Sie können auch geeignete Beratungsseiten empfehlen. Was auch immer Eltern möglich ist - wichtig ist klare und unmissverständliche Angebote zu machen. Sind die Eltern der Meinung, dass es völlig okay ist, wenn das eigene Kind, das nun bald erwachsen ist, selbst zur Ärztin/zum Arzt geht, dann ist es wichtig dies auszusprechen und die e-card zu übergeben. Parallel dazu kann das fürsorgliche Eltern Angebot alles zu begleiten, wo Unterstützung benötigt wird, bleiben. Jugendliche sind sehr junge Erwachsene, die in unserer Gesellschaft keine positive Stellung innehaben. Leider beginnen auch viele Jugendbroschüren mit Negativthemen - so als wäre Jugendlichsein eine Art Krankheit. Jugendliche brauchen wie alle Menschen Bestätigungen von außen, sie brauchen Freiräume. Vor allem aber brauchen sie Bereiche, wo sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können, Bereiche, die ihnen nicht aufgezwungen werden. Puncto Sexualität benötigen sie Erwachsene, die als "Krisenunterstützung" zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden, die aber akzeptieren, dass alle Menschen auch Geheimnisse haben.

Bettina Weidinger: „Sexuelle Entwicklung ist integraler Bestandteil der gesamten menschlichen Entwicklung. Sexualerziehung ist daher ebenso integraler Bestandteil einer umfassenden pädagogischen Begleitung von Menschen. Sexualerziehung im Sinne der Sexualpädagogik ist also nichts Punktuelles sondern findet laufend statt und bezieht sich auf die emotionale, soziale, kognitive und körperliche Ebene genauso wie auf jene der Wahrnehmungsfähigkeit.

Sexualpädagogik ist das Beachten des sexuellen Entwicklungsaspektes in der Begleitung und Betreuung von Menschen. Beachtung bedeutet Achtung und Respekt. Nur dann, wenn Sexualität als Teil des Menschen von Geburt an bis zum Tod betrachtet werden kann, kann diese Ebene auch geachtet werden, unabhängig davon ob und wie eine Person ihre Sexualität wahrnehmen und leben kann oder will.

Das Ignorieren kindlicher Sexualität kann zu einer respektlosen Haltung führen, fördert jedenfalls die Tabuisierung der Sexualität und behindert die Kompetenzansammlung im Kontext Sexualität. Jugendliche, die keinen positiven Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität lernen, die kein Wissen über Körper und Sexualität ansammeln durften, die immer wieder vermittelt bekommen haben, dass dieses Thema "schmutzig" ist, sind Informationen von außen hilflos ausgeliefert. Sie müssen entweder alles oder nichts glauben - da das eigene Wissen als regulativ fehlt. Entgegen der Meinung mancher Erwachsener werden Kinder durch Sexualerziehung von Anfang an nicht "sexualisiert". Ganz im Gegenteil - sie erhalten die Möglichkeit, in kleinen Schritten Fähigkeiten zu erwerben, die Voraussetzung sind, um einen differenzierten Zugang zum Thema Sexualität zu etablieren.“


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