Mein Chef fragte mich, ob ich mit ihm schlafen möchte

Mit Anfang 20 fragte mich mein Chef, ob ich mit ihm schlafen möchte. Damals habe ich mich geschämt. Heute weiß ich es besser.

Mein Chef fragte mich, ob ich mit ihm schlafen möchte

Ich saß im Taxi neben meinem Chef und einem weiteren Kollegen als ich plötzlich die Hand meines Vorgesetzten auf meinem Oberschenkel fühlte. Ich war Anfang 20 und es war die Weihnachtsfeier in dem Unternehmen, in dem ich als Praktikantin arbeitete. "Ich würde gerne mit dir schlafen", sagte er.

Ich erstarrte. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte. Also lehnte ich so höflich ab, als würde er mir einen Kaugummi anbieten. Ich bedankte mich für das Angebot, erklärte ich sei in einer glücklichen Beziehung. Was ich nicht sagte, war, dass er mein Chef war, ich eine Praktikantin und diese Situation nicht in Ordnung war.

Der Kollege, der mit im Auto saß, lachte. Das Ganze amüsierte ihn. Daraufhin erklärte mir mein Chef, ich hätte bestimmt bereits mit so vielen Männern geschlafen, dass er auch keinen Unterschied machen würde. "Nein, habe ich nicht", erklärte ich. Ich wollte raus aus dem Taxi, weg von dieser Situation, doch ich fügte nichts weiter hinzu. Ich zeigte keine Grenze auf.

Er nahm das als Einladung das Gespräch fort zu führen, ermutigte mich, dass es dann doch erst recht gut für mich wäre mit ihm zu schlafen. Er könne mir noch etwas lernen. Ich sagte dazu nichts weiter, hielt meine eigene Hand fest umklammert, rückte ein Stück von ihm weg. "Ich merke, das Gespräch ist dir unangenehm", beendete er das Thema schließlich amüsiert und wieder lachte der andere Kollege im Auto.

Ich fühlte mich schmutzig

Als wir bei unserem Ziel ausstiegen, ließen sie mich einfach stehen. Mir kamen die Tränen und kurz darauf ging ich nach Hause. Den gesamten Heimweg dachte ich darüber nach, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte ein Kleid und roten Lippenstift getragen. Ich hatte mich hübsch gefühlt. Jetzt fühlte ich mich schmutzig. Irgendetwas musste ich falsch gemacht haben. Ich schrieb meinen Freundinnen, weckte zu Hause meinen Freund auf und schämte mich gleichzeitig fast zu sehr, um ihnen die Geschichte zu erzählen. Zwei Tage später kündigte ich und sprach mit niemandem über das, was passiert war. War überhaupt etwas passiert, fragte ich mich? War überhaupt eine Grenze überschritten worden? Hatte ich die falschen Signale gesendet? War ich nur empfindlich? Plötzlich klang jedes Kompliment, das mir mein Chef über die letzten Wochen und Monate gemacht hatte, anders. In der Situation, in der ich damals war, wusste ich nicht, was ich hätte tun sollen. Wo waren die Grenzen? Und mit wem hätte ich sprechen können?

Belästigung hat viele Gesichter

Häufig wird im Alltagsverständnis sexuelle Belästigung mit physischer Gewalt gleichgesetzt. Doch belästigendes Verhalten beginnt schon viel früher. Und es hat nicht nur ein Gesicht. Das weiß ich heute. Meinem 20-jährigen Ich war das nicht bewusst. Denn vor allem verbale und non-verbale Formen der sexuellen Belästigung werden häufig verharmlost. Sie sind doch nur ein Witz, der falsch verstanden wurde, ein Kompliment, das man nicht ernst nehmen sollte. In unserer Gesellschaft passiert es leider noch häufig, dass Opfern unterstellt wird, überempfindlich zu sein. Die Grenze wird runter gespielt, sie wird zu einem Graubereich, obwohl es eigentlich eine klare rote Linie ist.

Nonverbale und Verbale Belästigung

Belästigung hat viele Formen. Sie kann zum Beispiel verbal sein, dazu zählen sexuell anzügliche Bemerkungen und Witze, aufdringliche und beleidigende Kommentare über die Kleidung, das Aussehen oder das Privatleben, sexuell zweideutige Kommentare, Fragen mit sexuellem Inhalt (z.B. zum Privatleben oder zur Intimsphäre), Aufforderungen zu intimen oder sexuellen Handlungen (z.B. Setz dich auf meinen Schoß) oder sexualisierte oder unangemessene Einladungen zu einer Verabredung.

Manchmal muss aber auch gar nichts gesagt werden, damit es als sexuelle Belästigung zählt. Non-Verbale Situationen wären zum Beispiel: Aufdringliches oder eindringliches Starren oder anzügliche Blicke, Hinterherpfeifen, unterwünschte E-Mails, SMS, Fotos oder Videos mit sexuellem Bezug, unangemessene und aufdringliche Annäherungsversuche in sozialen Netzwerken, Verbreiten pornografischen Materials oder selbstverständlich unsittliches Entblößen. Physisch zählen natürlich jegliche unterwünschte Berührungen dazu, auch wenn diese scheinbar zufällig passieren, wiederholte körperliche Annäherungen oder körperliche Gewalt jeder Form bis hin zur Vergewaltigung.

Damals hat sich der Abend angefühlt wie eine Grauzone, heute weiß ich, dass eine Linie überschritten wurde.

Wie fühlt es sich an?

Im Großen und Ganzen ist es aber wichtig sich zu fragen: Wie fühlt es sich an? Unangenehm? Falsch? So, dass ich mich eigentlich der Situation entziehen möchtet? Dann ist es nicht in Ordnung, was gerade passiert. Ganz egal in welchem Machtverhältnis ihr euch befindet. Und ihr seid nicht daran schuld, habt es nicht herausgefordert, habt es nicht provoziert. Das ist euer Körper, eure Entscheidung und ihr solltet euch nicht schmutzig fühlen, wegen etwas das jemand anders gemacht hat. Heute weiß ich, dass ich mit anderen Vorgesetzten oder Kollegen darüber sprechen hätte sollen. Ich hätte mich bei der Antidiskriminierungsstelle in Wien melden können, bei der Arbeiterkammer oder beim Frauenservice. All das habe ich nicht gemacht, weil ich mich geschämt hatte. Und weil ich nicht wusste, wie viel davon meine Schuld war. Damals hat sich der Abend angefühlt wie eine Grauzone, heute weiß ich, dass eine Linie überschritten wurde.

Grauzonen sind nie grau

Sara Hassan hat gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Juliette Sanchez-Lambert einen Guide mit dem Namen "Grauzonen gibt es nicht" geschrieben. Dieser soll dabei helfen, zu erkennen und zu formulieren, wann Grenzen überschritten werden. Sie entwickelten dafür ein "Red Flag-System", bei dem eingeordnet wird, was gerade passiert und somit Grauzonen nicht mehr grau bleiben sollen. In ihrem Guide geben sie Beispiele an und bitten Leser*innen, Red Flags zu markieren. So betrachtet man Situationen von außen, erkennt diese als Belästigung und kann dann auch leichter verstehen, was gerade passiert, wenn man sich selbst in so einer Machtdynamik befindet. Den Guide könnt ihr hier kostenlos downloaden.

Dir ist auch etwas Ähnliches passiert und du möchtest deine Geschichte teilen? Schreib uns anonym!

Auch in deinem Arbeitsumfeld wurden mal Grenzen übertreten? Du möchtest nicht länger stumm bleiben? Dann erzähl uns deine Geschichte!

Wir verwenden die WebApp Tellonym: Dabei schickst du uns über einen Link eine anonymisierte Nachricht, das heißt, dass du deinen Namen nicht angeben musst (aber natürlich in der Nachricht kannst) und wir technisch auch keine Rückschlüsse auf deine Identität ziehen können. Deine Nachricht kommt völlig anonym bei uns an.

Erzähl uns deine Geschichte!

 

Aktuell