"Mehr Mitgefühl, bitte!"

Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, ist sowohl im Zuge seines Berufs als auch über die sozialen Medien mit vielen Menschen in Kontakt, die Mitgefühl brauchen und auch geben.

WIENERIN: Was bedeutet Mit­gefühl fürSie?

Klaus Schwertner: Mitgefühl bedeutet für mich, dass ich mich berühren lasse von den Begegnungen und Gesprächen mit Menschen, dass ich versuche, sie zu verstehen, und ihre Menschenwürde respektiere – unabhängig davon, ob ich sie gut kenne oder gerade kennenlerne.

Wann begegnet Ihnen Mitgefühl?

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Während in den sozialen Medien ein Shitstorm dem nächsten folgt und Hass und verbale Gewalt oft rasend schnell wie ein Krebsgeschwür um sich greifen, erlebe ich bei der Caritas-Arbeit an so vielen Orten in ganz Österreich, wie sich Zehntausende Menschen für andere einsetzen oder einfach für sie da sind – in der Obdachloseneinrichtung Gruft, in den Lerncafés, im Tageshospiz, in Wohngemeinschaften für Kinder mit Behinderung. Ich glaube, dieser Einsatz der Menschen hat viel mit Mitgefühl und konkreter Nächstenliebe zu tun. Besonders beeindruckend finde ich, wie viel Mitgefühl Kinder mit anderen haben, die in Not oder traurig sind – egal, ob es sich um einen Bettler am Straßenrand oder eine Schulfreundin handelt. Dieses Mitgefühl von Kindern hat etwas Bedingungsloses – etwas, das wir als Erwachsene offenbar manchmal verlernen oder vergessen.

War diese Kraft im Herbst 2015 in Ihren Augen Mitgefühl?

Vielen Tausenden Menschen wurde damals bewusst, dass es auf jede und jeden Einzelnen ankommt. Während wir auf europäischer Ebene eine Solidaritätskrise erleben mussten und bis heute erleben, gab es in Österreich so etwas wie eine Renaissance der Zivil­gesellschaft. Da ging es um Mitgefühl, es ging um Anstand und um die Gewissheit, dass wir als Menschen aufeinander angewiesen sind. Ohne ein Du wird keiner zum Ich.

Distanzieren Sie sich auch von Ihrem Mitgefühl – zum Selbstschutz?

Keine Sorge: Ich bin kein Masochist. Wenn wir von Mitgefühl sprechen, geht es ja nie nur um Not und um Leid. Es geht auch um die schönen Dinge. Es geht um Freude oder Liebe; Dinge, die ich mit anderen Menschen im wortwörtlichen Sinn mitfühlen kann. Es geht um das Leben in allen Dimensionen. Mitgefühl ist also nichts, vor dem ich mich selbst schützen wollte. Im Gegenteil: Es ist die vielleicht universellste Sprache der Menschheit. Wer nicht mitfühlt, fühlt letztlich gar nichts mehr. Insofern: Mehr Mitgefühl bitte!

 

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