Medien und Garrett stilisieren Ex-Freundin als berechnende Täterin

Bei Fall von Vorwürfen sexueller Gewalt, ist es dasselbe Spiel: Die Medien schlagen sich auf die Seite des mutmaßlichen Täters.

Innerhalb einer Woche sind die Fälle von Amber Heard und Johnny Depp, Gina-Lisa Lohfink und nun auch David Garrett bekannt geworden. Die zeitliche Nähe dieser Fälle von Gewalt in der Partnerschaft und sexuellen Missbrauchs wirkt zufällig, tatsächlich ist es wohl repräsentativ dafür, womit Frauen auf der ganzen Welt täglich konfrontiert sind. Nämlich, dass Männer glauben ein Anrecht auf ihren Körper zu haben, und dass unsere Justizsysteme ihnen Recht geben.

Medien machen sich täglich der Täter-Opfer-Umkehr schuldig

Man könnte auch glauben, wir würden müde werden, zu betonen, dass Täter-Opfer-Umkehr ein Problem ist und jedes potentielle Opfer von Gewalt einen respektvollen Umgang verdient hat. Der Umgang der Medien mit diesen Fällen lässt uns aber keine andere Wahl. Deswegen müssen wir heute dasselbe wie gestern schreiben. Und wie eine Woche davor. Und wie im Februar, als Kesha beschuldigt wurde, nur zu ihrem eigenen Vorteil ihren Produzenten Dr. Luke der Vergewaltigung zu beschuldigen. Wir wünschten wirklich, wir müssten nicht jeden Tag Victim-Blaming thematisieren, aber es braucht dringend einen Gegenpol in dieser frauenfeindlichen Berichterstattung.


Gefühle des Täters werden thematisiert

Wie wir bereits berichtet haben, erhebt David Garretts Exfreundin schwere Vorwürfe: Er soll sie geschlagen haben und beim Sex gegen ihren Willen so gewalttätig vorgegangen sein, dass sie einen Rippenbruch erlitt. Das Interview, in dem "Die Welt" mit Garrett über die Vorwürfe sprach, betitelte die Zeitung mit "Star-Geiger sieht sich von Pornostar erpresst". Die Schlagzeile wurde von mehreren Medien übernommen, und teilt uns in einem Satz mit, was an dieser Geschichte relevant ist: Die Tatsache, dass Garrett ein reicher, berühmter Mann ist, nämlich ein "Star-Geiger", dass seine Ex-Freundin früher Pornostar war, und daher nicht ernst zu nehmen ist, und wie sich Garrett fühlt. Die Tatsache, dass hier einer Frau möglicherweise bleibender psychischer und körperlicher Schade zugefügt wurde, wird außen vor gelassen.

Dank der Einleitung wissen wir vorab schon, wie wir über die Geschichte denken sollen: Weiter wird von den beruflichen Erfolgen des "Wunderkinds" Garrett gesprochen, und er stilisiert sich im Interview als Opfer, das von einer berechnenden Täterin beschattet wurde. Er habe sie aus der Pornoindustrie befreit und weil er ein Gentleman ist, auch angeboten ihr finanziell zu helfen, bis sie ihre Ausbildung zur Immobilienmaklerin beendet habe.

Garrett beschuldigt Ex wegen Beweismaterial

Nur kurz angenommen, an den Vorwürfen ist etwas dran: Dann macht es keinen Unterschied, wie viel Geld Garrett für seine Ex-Freundin ausgeben wollte und ob er wie ein netter Kerl wirkt. Auch angeblich "nette" Kerle können gewalttätig sein. Ihr das vorhandene Beweismaterial anlasten zu wollen, ist die unterste Schublade von Täter-Opfer-Umkehr: Ohne Aufnahmen hätte sie wahrscheinlich gar keine Chance auf eine Verurteilung, denn nur jede zehnte Vergewaltigung wird überhaupt angezeigt und nur jede 5. Anklage führt zu einer Verurteilung. Nicht einmal in Fällen, wie jenem von Gina-Lisa Lohfink, bei dem es ein Video gibt, in dem man das Opfer deutlich "Hör auf" sagen hört, kommt es zu einer Verurteilung. Im Gegenteil, das Opfer wurde sogar noch zu 24.000 Euro Strafe wegen Falschaussage verurteilt.

Verwandte melden sich zu Wort

Ähnlich wie im Falle Johnny Depps meldeten sich kurzerhand Verwandte zu Wort, um das saubere Image der mutmaßlichen Täter ins rechte Licht zu rücken: So gibt es mittlerweile ein Interview mit David Garretts Vater im Boulevard-Magazin "Bunte", in dem er über Davids gutes Verhältnis zu Frauen spricht: "Er hat niemals einen Fan mit aufs Zimmer genommen, niemals Frauen ausgenutzt und verletzt." Aus Naivität wäre er auf diese Frau reingefallen, die alles von langer Hand geplant hat.

Und diese Paralleln sollten uns bewusst werden: Es werden sich immer Verwandte finden, die nur Gutes über den mutmaßlichen Täter zu berichten haben. Manchmal haben die Opfer kurze Röcke an, manchmal waren sie vorher Pornodarstellerinnen, haben operierte Brüste oder sind Escort-Damen. Tagtäglich werden Frauen Opfer von Gewalt, ohne, dass die Öffentlichkeit davon spricht. Und wir müssen ihnen glauben.

 

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