Masikas Mission

Im Ostkongo werden in jeder Stunde 48 Frauen vergewaltigt. Eine Frau gibt mit ihrem Zentrum Opfern ihre Würde zurück – und ist Chronistin des Kriegsverbrechens.

Masika Katsuva, blickt die steile Böschung herunter, die ein Dutzend Frauen gerade von Unkraut befreit. Einige haben Babys auf ihren Rücken gebunden, anderen folgt eine Schar Kinder. Es ist brütend heiß. Der Boden verändert schnell seine Farbe von Grün zu Braun, wenn sie die Rasenpflaster wie einen Teppich aufrollen und bündelweise Unkraut ausreißen, um die Bepflanzung vorzubereiten. Sie arbeiten in hohem Tempo und nähern sich der Hügelspitze, von der aus sie Masika dirigiert. Die zierliche Endvierzigerin weiß, wie schwer es für die Frauen ist, diesen Weg der Heilung zu gehen, weil sie eine von ihnen ist. Auch sie ist eine Überlebende. Auch sie hat Vergewaltigungen und Missbrauch erlebt – verübt von den Milizen und Soldaten der nationalen Armee.

Der gefährlichste Platz der Welt – für Frauen

Die Demokratische Republik Kongo im Herzen Afrikas ist ein rohstoffreiches Land, so groß wie Westeuropa. Obwohl der Krieg 2003 offiziell für beendet erklärt wurde, haben Gewalt und Kämpfe den Kongo noch immer fest im Griff. Vor allem im Osten des Landes geriet die Zivilbevölkerung in einen Strudel der Gewalt, von Vergewaltigungen und sexueller Ausbeutung. In jeder Stunde werden im Kongo 48 Frauen vergewaltigt, so schätzt man. Viele nennen die Region den gefährlichsten Platz der Welt – für Frauen.

Masika hat diese Gefahr bei vielen Gelegenheiten selbst zu spüren bekommen. Als sie das erste Mal von einer Gruppe Soldaten heimgesucht wurde, hielten sie ihr eine Waffe an den Kopf, während sie ihren Ehemann vor ihren Augen töteten. Dann vergewaltigten sie sie. Masika zählte 12 Männer. Das Geschrei ihrer Töchter, die ebenfalls vergewaltigt wurden, löschte alles andere aus ihrem Bewusstsein. Sie waren erst 12 und 15 Jahre alt und wurden schwanger.

Die Verwandten ihres Mannes warfen Masika und ihre Töchter aus dem Haus. Sie schleppten sich auf einer staubigen Straße davon, mit nicht mehr als einem Sackerl voll Kleidung. Nicht viel, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen ...

Phönix aus der Asche

Es war die Großzügigkeit von Frauen, die Masika dazu inspirierte, ein Zentrum für andere Überlebende aufzubauen. Heute, fast 15 Jahre später, hat sie tausenden Frauen geholfen und viele Babys und Kinder adoptiert. Der Strom von Hilfesuchenden reißt nicht ab. Und alle haben sie Schockierendes zu erzählen.

Das Zentrum hat einen eigenen Pulsschlag, erzeugt von Masika. Manchmal wirkt Masika ermattet angesichts des nie endenden Kampfes ums Überleben. Sie muss Nahrung auftreiben, um die zu füttern, die im Zentrum bleiben. Sie muss Gelder sichern, damit sie die Kinder zur Schule schicken kann, wenn die Mütter am Feld arbeiten. Und sie muss Ackerland beschaffen. Doch bislang ist sie immer wieder auferstanden, wie ein Phönix aus der Asche.

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In der Vergangenheit zog Masika selbst los, um Zivilisten zu retten. Wenn ihr Netzwerk an Freiwilligen von einem Angriff auf ein Dorf ­berichtete, wanderte sie manchmal tagelang die Hügel und Berge hoch und herunter. Einmal hörte sie dabei ein Baby weinen. Die Hütten eines zerstörten Dorfes brannten noch, angesteckt beim Angriff durch die Milizen. Die Frauen, die mit ihr gekommen waren, meinten, Masika höre die Stimmen der Toten, die aus dem Grab heraus weinten. Doch schließlich fand Masika das neugeborene Mädchen unter Leichen. Sie nahm das Baby, nannte es Rita und zog es wie ein eigenes Kind groß.

Verfluchte Generation

Die Kinder geben ihr einen Grund zu leben. Mama Masika nennt man sie auch. „Es gibt Zeiten, da fühle ich mich am Ende. Dann habe ich das Gefühl, ich arbeite umsonst. Aber wenn ich ein Kind an der Schwelle des Todes sehe oder wenn ich ein Baby inmitten von Leichen finde ohne Mutter, werde ich dieses Kind retten.“

Eines dieser Kinder ist ihr Enkel Stevie. Seine Mutter – Masikas leibliche Tochter Rachel – hat eine schwierige Beziehung zu ihrem Sohn. Sie liebt und hasst ihn zugleich. Doch zu oft überwiegt der Hass. Er ist das Ergebnis einer Vergewaltigung, als sie 15 Jahre alt war.

Die Tragödie wurde noch schlimmer, als der Mann, den Rachel „Vater“ genannt hatte, ermordet wurde – und sie die schreckliche Wahrheit erfuhr. Dass sie, Rachel, gezeugt wurde, als Masika von einem Lehrer vergewaltigt wurde. „Ich habe das Gefühl, dass meine Generation verflucht ist. Meine Mutter wurde vergewaltigt und bekam mich, dann wurde ich vergewaltigt und ich habe Stevie bekommen. Ich fühle eine große Leere in mir.“

Rachel schaut auf ihre kaputten Flip-Flops und lacht, es ist ein bitteres Lachen. „Ich habe nicht einmal Schuhe“, sie zuckt die Schultern vor Verzweiflung. Die junge Frau ist traumatisiert und so voller Selbsthass, der sich immer wieder in Brutalität ihrem Kind gegenüber ausdrückt. Einmal brach sie Stevie sogar einen Arm.

Für den 13-Jährigen sind die Kinder, die nach einer Vergewaltigung geboren werden, ein Rätsel, das noch zu lösen ist. Wann soll Stevie aufgeklärt werden? Masika träumt davon, eine Party für ihn zu veranstalten, um seine Herkunft zu lüften, zu der er neue Kleidung bekommt. Die Feier soll ihm helfen, ihm eine Art neue Identität verpassen, an der er aber nicht schwer tragen soll. Doch das ist noch nicht passiert, und Stevie zieht sich weiter in seine Welt des Schweigens zurück.

Hoffnungsschimmer

Es gibt aber auch gute Phasen. Die derzeitige Gefechtspause schafft vorübergehende Stabilität, vielleicht sogar ein Gefühl von Sicherheit. Masikas Zentrum ist erfüllt vom Gelächter spielender Kinder und von Gesängen.

Und dann treffen doch wieder neue Überlebende ein. Sie müssen ausführlich erzählen, was ihnen passiert ist. Masika befragt sie oft persönlich, gibt ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie hat Berge von Aufzeichnungen über Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung.

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Die Betroffenen kommen und gehen. Manche bleiben auch und steigen dann die Berge hinab, um auf den Feldern zu arbeiten. So wie Mongera, eine Mutter von drei Kindern, die ihr Dorf verließ, nachdem ihr Mann getötet worden war: „Wir unterstützen einander als Gruppe, es hilft uns, auf dem Feld zusammen zu sein. Dann vergessen wir für einen Moment, was wir hinter uns haben.“

Masika versucht, die Frauen und Mädchen wieder mit ihren Familien oder Ehemännern zusammenzubringen. Manchmal mit Erfolg. Doch Babys, die aus Vergewaltigungen entstanden sind, sind geächtet, also bleiben sie im Zentrum. Für jene Frauen, die ihre Kinder nicht zurücklassen wollen – so wie Mongera –, treibt Masika Geld auf, um Häuser bauen zu ­lassen, damit sie in der Gemeinschaft leben und arbeiten können.

Wegweisendes Signal

Andere Überlebende in Masikas Zen­trum sind so gut in der Schule, dass sie ihre Ausbildung fortsetzen können. Desange, die mit 14 Jahren ankam, schwanger nach einer Vergewaltigung, geht zur Uni. Ein US-Sponsor hatte ihr die ersten Semester bezahlt, nun hat Masika eine neue Geldquelle aufgetan. In der Anfangszeit im Zentrum empfand Desange den Schatten ihrer Vergewaltigung als sehr belastend: „Ich wusste nicht, ob ich mich umbringen, mein Kind verlassen oder es töten soll.“ Jetzt ist sie Anfang 20. Sie sagt, sie möchte Rechtsanwältin werden – um Masika dabei zu helfen, die Rechte der Frauen zu verteidigen.

Nach einem Jahrzehnt, in dem die Milizen straffrei davon kamen, ist der Traum von Gerechtigkeit nicht so unrealistisch. Ein Verfahren gegen 39 Soldaten und Offiziere der Kongolesischen Armee, das im Mai 2014 endete, könnte ein Signal für die Zukunft sein: Die Soldaten waren angeklagt, im November 2012 an der Vergewaltigung von mehr als 79 Frauen und Kindern in Minova – das nahe von Masikas Zentrum liegt – beteiligt gewesen zu sein. Es gab viele Verfahrensfehler, am Ende wurden von den 39 Angeklagten nur zwei der Vergewaltigung als Kriegsverbrechen schuldig gesprochen. Doch allein die Tatsache, dass es ein Verfahren gab, ist ein kleiner Sieg in einer Region, in der so viele Ermittlungen ins Leere gelaufen sind. Und seit dem Minova-Urteil wird auch einem anderen Offizier der Prozess gemacht: Auch er ist der Massenvergewaltigung angeklagt.

Bis zu dem fernen Tag, an dem das Land für die Mädchen und Frauen sicher genug sein wird, dass sie sich ohne Gefahr auf dem Feld und den Straßen bewegen können, wird Masika Katsuva ihre Arbeit fortsetzen. Sie sagt: „Viele glauben, dein Leben sei zerstört, wenn du vergewaltigt wurdest. Wir aber möchten zeigen, dass es auch nach einer Vergewaltigung positiv weitergehen kann.

 

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