Mascha. Die Sängerin, die mit "Pop" das Patriarchat smasht

Gewalt gegen Frauen, Einschüchterung unabhängiger Medien, Hass im Netz – Themen, die Mascha in ihren Songs verarbeitet. wienerin.at-Redaktionsleiterin Arnika Zinke traf die Künstlerin zum Gespräch.

Mascha Sängerin Liebe siegt

"Hallo <3 Mein Name ist Mascha und ich mache Cunst und Musik. Das Patriarchat muss btw sterben lol sorry not sorry. Much love <3.“ So begrüßt die 26-jährige Sängerin, Performerin und Videokünstlerin ihre Website-BesucherInnen und räumt damit jeden Zweifel aus: Mascha ist radikal. Mascha hat Meinung.

Und diese Meinung zeigt die Künstlerin am liebsten in ihren Musikvideos. Mit dem Sigi Maurer-Protestsong wurde die Sängerin via YouTube bekannt, mit Liebe siegt wuchs ihre Bekanntheit schnell über die Szene heraus. Und plötzlich kannten sie mehr als nur Szene-Insider. In der aufwändig produzierten Schlagerparodie zu Liebe siegt spielt die Künstlerin anfangs mit Heimat-Klischees und bricht wenig später die Idylle, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Das Video, das als Reaktion auf die zahlreichen Frauenmorde Anfang 2019 entstanden ist, rüttelte viele auf. Ihre neu gewonnene Popularität nutzte Mascha, um Awareness zu schaffen und Spenden für die Frauenhäuser zu sammeln.

Nach Sigi Maurer und Liebe siegt, fragen wir uns natürlich - woran arbeitet Mascha wohl als nächstes? Wir haben die Sängerin zu einem Interview getroffen - und herausgefunden, warum Musikgenres tot sind, dass nicht alle Songs ernst sein müssen und warum ausgerechnet (eine) Ananas der beste Beweis dafür ist.

WIENERIN: Alpenidylle. Ein Mädchen im Dirndl, das von Liebe singt. Schlager at its best, könnte man meinen. Doch die Stimmung kippt – man erkennt die Protagonistin als Opfer häuslicher Gewalt. Wenn man dein Video zu Liebe siegt zum ersten Mal sieht, ist man sich nicht sicher: Meint sie das ernst, ist das Satire oder Aktivismus?

Mascha: Ich nehme das Thema sehr ernst, es ist mein eigener persönlicher Ausdruck, der mir im Kopf herumgeschwirrt ist und den ich so umsetzen wollte. Der erste Teil kann auch als Parodie auf den Schlager verstanden werden, auf das Genre und die Darstellung von Frauen in diesem Genre. Der Switch ist halt sehr arg, aber ich bin auch jemand, der zu Extremen in seiner Ausdrucksweise neigt und wie ich meinen künstlerischen Stuff verarbeite. Mir ist die Dynamik sehr wichtig. Ich glaube das Lied alleine würde so nicht funktionieren, da macht das Video schon sehr viel aus.

Manche haben dich nach dem Video als „neue feministische Schlagersängerin“ abgefeiert. Ist das ein Label, mit dem du dich wohlfühlst?

Es war definitiv ein Stilmittel, weil es dazu dient, eine Geschichte zu erzählen. Ich mag es, Geschichten auf Bild- und Tonebene zu erzählen, für mich gehört immer beides zusammen. Ich glaube, und da sind wahrscheinlich viele Leute anderer Meinung, dass man heutzutage Musik mit dem Video konsumiert. Ich verstehe meine Songs als eigene kleine Welten, die in sich geschlossen sind. Ich finde es lustig, wenn Leute dann sogar beleidigt sind, wenn ich sage, dass Genres nichts für mich sind. Die denken dann, ich stelle mich über alles drüber, das versuche ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, die sagen, das ist mein Genre. Ok, von mir aus. Aber für mich ist es unumgänglich diesen Prozess so frei wie möglich zu lassen. Mein Album mascha.exe, das im Herbst kommt, ist sehr DIY, also mal sehen, wie das wird. Ich mache das alles allein zu Hause am Laptop, kein Witz.

Egal, wie modern dieser Schlager ist, es herrschen immer noch patriarchale Strukturen. Die Frau ist die Untergeordnete und Unterwürfige, die sich nach der Liebe des Mannes sehnt. Eine schöne heile Welt, in der wichtige Themen nicht angesprochen werden.

von Mascha

Beim Schlager denkt man ja oft an Künstler wie Andreas Gabalier. Versuchst du mit dem Video auch ein bisschen das Genre Schlager von seiner Darstellungsform zu trennen?

Also ganz abgesehen davon, dass sich Schlager um einiges weiter entwickelt hat, als jene 90er-Trash-Schlagerform, die ich präsentiert habe, ist Schlager mittlerweile mit Helene Fischer sowieso überproduzierter Pop-Schlager. Das ist nicht mehr dieses Hin-und-Herschunkeln, wie wir es kennen. Das funktioniert natürlich auch, aber es hat sich weiterentwickelt. Und Andreas Gabalier... ja, der hat eben gewisse Welten und Ästhetiken, derer er sich bedient. Um jetzt mal diplomatisch zu bleiben. Natürlich wollte ich einen Finger in die Wunde halten. Egal, wie modern dieser Schlager ist, es herrschen immer noch patriarchale Strukturen. Die Frau ist die Untergeordnete und Unterwürfige, die sich nach der Liebe des Mannes sehnt. Eine schöne heile Welt, in der wichtige Themen nicht angesprochen werden.

Liebe siegt thematisiert die Missstände rund um Gewalt gegen Frauen, dein anderer Song, der Sigi Maurer Protestsong, prangert Hass im Netz gegen Frauen an. Ist das Zufall, dass es sich bei beiden Themen um frauenpolitisch aktuelle Themen handelt?

Na, Zufall ist es sicher keiner, weil ich ja eine Frau bin (lacht). Aber, vordergründig sehe ich mich als Mensch, dann als Frau und dann bin ich Mascha und Mascha macht manchmal kreativen Stuff. Ich arbeite viele Dinge auf, auch persönliche Dinge, die sich in mir angestaut haben. Aber es wird natürlich nicht dabei bleiben, ich bin viel zu lollig dafür und ich packe es auch nicht ständig ernste Themen anzugreifen. Das ist sehr anstrengend, vor allem durch Social Media.

Müssen deine Songs also nicht alle einen politisch-aktivistischen Anspruch haben?

Nein! Wobei... der nächste [Alle Farben, Anm. d. Red.] hat den schon… Es tut mir so leid! Es passiert einfach. Was soll ich tun? Im Ernst, ich hab einen Song, der heißt Ananas. Der Text ist Ananas, Baby ich bin deine Ananas. Also es ist alles dabei. Vielleicht ist es eine Ressourcenfrage. Ich frage mich natürlich vorher: "Was lohnt sich, was hat für alle mehr Wert?". Bei Themen wie Liebe siegt zahlt es sich natürlich aus, mehr Ressourcen reinzustecken. Wobei für Ananas haben wir auch ein Musikvideo gedreht. Aber das musste dann sein. Das, was aktuell und gerade relevant ist, macht halt eine größere Runde. Da kann man nichts machen. Und ich find's auch gut. Ich will ja, dass diese Themen besprochen und gefördert werden. Aber es ist nicht nur das.

Jetzt kann man aber nicht leugnen, dass sowohl Sigi Maurer als auch Liebe siegt mit den behandelten Themen eine größere Aufmerksamkeit mit sich bringen. Geht es dir letztlich auch darum, damit deine Bekanntheit zu pushen?

Ich habe mich das selbst sehr lange gefragt, ob ich da unbewusst irgendwelche Tendenzen habe. Ich muss ehrlich sagen, habe ich nicht, weil ich ein kritischer Mensch bin und ich mag es, diese Kritik durch die Blume mit komödiantischen Untertönen auszudrücken. Es ist meine Art diese Kritik zusammenzufassen. Den Sigi Maurer-Song fanden auch viele Leute sehr lustig. Ich persönlich fand ihn auch sehr lustig (lacht). Aber da steckt auch Wahrheit drinnen. Wenn mich etwas aufregt, dann schreibe ich halt Lieder drüber. Das war schon immer so.

Ich bin jetzt einfach die Verfechterin des Post-Genre.

von Mascha

Wenn du sagst, du hast kein Genre, was ist dann das verbindendes Element in deiner Musik?

Ich hab mir ein Wort ausgedacht, weil mich das alle fragen und ich bin jetzt einfach die Verfechterin des Post-Genre.

Muss es für dich also kein verbindendes Element geben?

Nein, das verbindende Element bin ich.

Glaubst, dass wir in Österreich noch zu konservativ für so verschwindende Genregrenzen sind? Oder haben KünstlerInnen eher Angst außerhalb von Genres zu denken?

Angst ist eine sehr schlechte Einstellung. Angst ist die falsche Herangehensweise und ich verstehe auch, wenn man verunsichert ist. Ich bin auch ständig verunsichert. Es schwankt die ganze Zeit zwischen Ich bin ein Genie und das ist alles scheiße. Ich glaube aber man muss experimentierfreudiger sein. Man könnte doch zumindest probieren, weniger Schiss zu haben.

Wenn du mit deiner Musik einen gewissen Aktivismus betreibst, hast du da jemals Angst, dass deine Musik wegen dem Aktivismus weniger ernst genommen wird?

Ich bin mir sehr sicher, dass meine Musik dadurch weniger ernst genommen wird.

Stört dich das?

Nein. Ich find das gut, weil es mir Druck nimmt und ich damit überraschen kann. Ich habe auch jetzt nicht vor, mich um den sonnigsten Platz bei irgendwelchen Trend-Genres zu bewerben, daher is' es mir vollkommen wurscht, wer mich wie ernst nimmt. Bis jetzt. Schauen wir mal, wie das wird. Ich glaube, die Leute, die mich länger verfolgen und die wissen, dass ich von A bis Z alles selbst mache, die schätzen das.

Maschas Album mascha.exe (von Hip-Hop bis Klavierballaden) erscheint im Herbst bei Problembär Records. Mit Liebe siegt wurde sie einem größeren Publikum bekannt, ihre aktuelle Single Mit allen Farben kam im Juni heraus.

 

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