Marina & The Kats über die Frage: Hat Musik einen Bildungsauftrag?

Wenn die Besucher*innen nach einem Konzert mit einem Lächeln rausgehen, war es für Marina & The Kats ein guter Abend. Noch besser sei es allerdings, wenn die Hörer*innen auch ein bisserl Nachdenken.

Marina And The Kats

In erster Linie wollen sie unterhalten. Eine schöne Zeit sollen die Gäste bei ihren Konzerten haben, den Alltag für einen Abend vergessen. Da ist sich die "kleinste Bigband der Welt" Marina & The Kats einig. Politisch wollen sie nicht sein. Für ein Event zum Internationalen Frauentag macht die Swing-Band eine Ausnahme: Unter der Schirmherrschaft von Ina Regen kommt die heimische Musikszene - darunter Marianne Mendt, Wiener Blond, Birgit Denk, Yasmo, Monika Ballwein oder 5/8erl in Ehr'n - im Wiener Konzerthaus zusammen, um den Frauentag im Rahmen eines Charityabends würdig zu begehen.

Wir haben mit Marina Zettl und Thomas Mauerhofer von Marina & The Kats über den Bildungsauftrag und die Vorbildwirkung von Musik gesprochen.

In einem Interview auf diesteirerin.atsagt ihr, dass eure Texte nicht politisch sind. Ein Event zum Internationalen Frauentag ist aber in Wahrheit schon sehr politisch.

Marina: Sollte es aber nicht sein! In dem Fall ist das einfach ein Thema, das uns viel zu wichtig ist, um nicht Teil dieses Abends zu sein, denn: Es gibt einfach noch so viel zu tun was Gleichstellung betrifft. Dieser Konzertabend am 8. März ist vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein, aber zumindest ein schöner, großer, lauter Tropfen.

Wobei: Ich habe schon den Eindruck, dass die nachkommenden Sängerinnen, die jetzt Anfang 20 sind, ein ganz anderes Selbstbewusstsein haben als ich es in dem Alter hatte. Ich musste mir das alles noch selbst aneignen. Jetzt gibt es in Sachen Feminismus und Selbstwertgefühl eine andere Ausgangssituation. Worauf ich also hinaus will: Es passiert was, es ist schon was passiert.

Trotzdem werden wir immer wieder in Situationen kommen, in denen man denkt: Moment, Stopp, das passt so nicht, da stimmt was nicht! Aber diese Situationen werden hoffentlich im Laufe der Zeit immer seltener.

Thomas: Wenn wir sagen, dass wir nicht politisch sein möchten, dann meinen wir das eher so, dass wir uns nicht zu einer Partei hinstellen würden. Wir kriegen auch Anfragen zu Auftritten bei Wahlkampfveranstaltungen, aber sowas machen wir prinzipiell nicht. Ein Statement in der Musik finde ich gut und wichtig, aber wir wollen mit unsere Musik nicht in der Landespolitik mitmischen.

Marina: Genau. Politisches Terrain haben wir immer abgelehnt, weil ich finde, das ist ein gefährliches Terrain. Das ist ganz dünnes Eis. Wenn man aber zu unseren Konzerten kommt und ein bisserl das Hirn einschaltet, weiß man aber genau, wo wir politisch stehen.

Sollen Musiker*innen mit einer großen Strahlkraft gesellschaftspolitische Themen aufgreifen? Haben Künstler*innen einen Bildungsauftrag?

Marina: Ich finde, Musik muss nicht immer einen Bildungsauftrag verfolgen, aber ich find's schön, wenn es so ist. Vor allem, wenn man eine so große Reichweite hat, dass man vielleicht auch was verändern kann.

Thomas: Wir wollen nur nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen.

Marina: Genau. Man merkt bei uns schon, wen wir nicht wählen würden. Das ist ziemlich simpel herauszuhören. Wenn man dadurch nur ein paar Leute zum Nachdenken anregen kann, hat man schon einen Bildungsauftrag geleistet. Aber man kann das eben auch auf subtile Art machen.

Bei dem Konzert am 8. März soll es auch um die Vorbildwirkung für junge Frauen und Mädchen gehen. Was wollt ihr vermitteln?

Marina: Ich habe kürzlich ein Posting gesehen mit einem Spruch, der mir einfach so gut gefallen hat: "Be the woman you needed as a girl". Das ist so simpel, trifft es für mich aber total auf den Punkt. Das ist mir in den letzten Jahren auch immer wichtiger geworden. Zugegeben: Ich war eine Spätzünderin, wenn es darum geht, zu mir zu stehen und meine Weiblichkeit zu entdecken. Das habe ich erst herausfinden müssen bzw. habe ich einfach gewissen Erfahrungen machen müssen - gerade was die Themen Gleichberechtigung oder Frau im Musikbusiness betrifft.

Thomas: Ich kann das nachvollziehen. Ich mache schon ganz lange Musik und mit der Zeit fällt einem auf: Da sind ganz, ganz wenige Frauen. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Technik, im Management, als Veranstalter. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wo sind denn die ganzen Frauen? Warum ist das alles so?

Marina: Ich beobachte aber heute sehr wohlwollend die Entwicklungen. Etwa, dass auch immer mehr Frauen Instrumentalistinnen sind. Früher war's oft so, dass wenn eine Frau in einer Band ist, sie die Sängerin und damit gleichzeitig der optische Aufputz einer Band ist. Das ist mir anfangs auch so passiert, aber ich habe das gar nicht wirklich bemerkt. Ich habe lange dieses Klischee erfüllt und erst später gemerkt: Hmm. Komisch. Denkmuster aufzubrechen braucht Zeit.

Marina, was meinst du damit, wenn du sagst, du musstest deine Weiblichkeit entdecken?

Marina: Weiblichkeit im Sinne von: Ich stehe zu mir. Heute weiß ich: Ich fühle mich attraktiv, weil ich zu meinem Körper stehe. Ich bin klein, ich bin burschikos, hab wenig Busen und trotzdem fühl ich mich super. Das habe ich erst lernen müssen.

Das bring auch mit sich, dass ich jetzt eher Grenzen aufzeigen kann, was ich früher nicht konnte. Es wird immer wieder Situationen geben, die mich herausfordern werden, aber ich kann es heute schon besser als früher. Damit meine ich Situationen wie: Nach dem Konzert kommt jemand auf mich zu und spricht mich mit "süße Marina", "sexy Sängerin" oder anderen blöden chauvinistischen Schmähs an. Wenn ich gut drauf bin, kann ich mittlerweile beinhart was sagen, sodass klar wird: Das ist das erste und letzte Mal, dass du so mit mir redest. Wenn du mir mir fein sein willst, entschuldigst du dich jetzt.

In einem Video-Interview (hier) erzählst du von Begegnungen, in denen dir Hörerinnen mangelnde Weiblichkeit vorwerfen.

Marina: Das passiert tatsächlich manchmal. Es kommt dann so ein Argument wie: Als Frau auf der Bühne sollte ich die Leute in mich verliebt machen, da gehöre auch das Optische dazu - warum also zeige ich meine Weiblichkeit nicht? Die Hosen und die Kappen würden so unweiblich aussehen. Ich sage dann: Ich zeig sie ja, meine Weiblichkeit! Mir gefällt das und das ist der Punkt.

Man muss sich als Frau fast rechtfertigen, warum man sich so präsentiert wie man das tut. Aber ich fühle mich genau so auf diese Art nunmal weiblich. Ich ziehe selten Kleider und Röcke an, ich fühle mich eben in anderen Kleidungsstücken wohl. Aber das kann genauso weiblich sein.

 

Aktuell