Maria Hofer: "Am Land muss man sich als Frau viel mehr beweisen"

Wir gehen saufen mit Frauen: in unserer fortlaufenden Serie „Ein Spritzer mit...“treffen wir uns mit Künstlerinnen in ihren Lieblingslokalen auf einen guten Hauswein mit Mineralwasser. Heute: Maria Hofer.

Die gebürtige Steirerin hat eine große Klappe. Gut, dass wir das auch mitbekommen - vermittelt durch geduldiges Papier. Denn die 28-Jährige ist Schriftstellerin. Ihr Debutroman Jauche, der vor einem Jahr erschien, ist eine witzige und bissige Story über das Landleben. Oder das, was wir dafür halten. Via Duckfaceziehende Bauern, Duftkerzen zündende Frauenrunden, Touristen, die ihr Idyll nicht gestört wissen wollen und repräsentierende Bürgermeistergattinnen entwirrt sich eine Geschichte, deren Spannung wie ein Netz im Hintergrund immer dichter wird. En groß geht es um Intrigen und Freundschaften zwischen den Bewohnern eines österreichischen Dorfes. En Detail auch um die richtigen Strumpfhosen und Liebes-Versprechungen. Und allein ihrem eigenwilligen Stil, der zwischen lakonischem Erzählton, psychologischem Monolog, Alltagssprache und Parodie mäandert. Auch in ihren Kurzgeschichten und Artikeln für Zeitschriften merkt man: Hier ist eine, die ziemlich genau beobachtet.

Geschrieben hat Maria Hofer, die selbst am Land aufwuchs, schon als Kind. Da führte sie absurde Interviews mit Urlaubern und textete Schlagerlieder.

Die Erfahrungen, die man macht, wenn man in in einem Ski-Gebiet aufwächst, kamen später dann in der Kurzgeschichte Joanna durch, in der die Gedanken und Sätze der Figuren mit Schlagertexten durchsetzt sind. Eine Art "Apres-Ski-Kurzgeschichte“ wie die Autorin sagt.

Über Landleben, Trachtentrend und den Prozess des Schreibens sprach sie mit uns in der Wunderbar.

Du hast mal gesagt, dass du lieber schreibst als sprichst. Ist das so?

Maria Hofer: Ja, indirekt durch die Figuren. Manchmal denke ich mir Dinge aus, die ich gut oder schlecht finden kann, aber auf jeden Fall aufschreibwürdig. Man merkt ja, dass die Personen in meinen Geschichten oft ziemlich crazy sind.

Du bist am Land aufgewachsen. Dort spielt auch dein Roman Jauche….

Mich interessiert, wie in Wien Leute über das Land denken. Wie „das Land“ verwendet wird. Man sieht in Wien Dinge wie die Bettelalm (Anmerkung: eine Art Hüttengaudi-Etablissement), und auch immer mehr Menschen in Tracht. Da wird viel Bedeutung hineingelegt. Das Land ist ein Mythos.

Was hältst du von diesem städtischen Trachtentrend?

Davor graust mir. Tracht wird als Identitätsstiftende Kleidung verwendet, noch dazu oft von den selben Leuten, die auf Hipster schimpfen. Dabei machen sie das gleiche mit dem Dirndl, sind dazu vielleicht auch noch patriotisch und hinten drin steht aber Made in China. Dagegen habe ich ja nichts, aber es zeigt einfach: Die Tracht ist im Grunde Nichts, es ist nur ein Kleidungsstück. Und dann gibt es auch noch den elitären Aspekt. Diejenigen aus gutem Hause, die gern zeigen wollen, dass sie einen Bezug zum Land haben, vielleicht ein Ferienhaus besitzen. Aber Bauer als Schimpfwort benutzen.

Deine Figuren schreibst du zwar schon in, sagen wir mal, kritischem Ton, aber auch liebevoll und lustig.

Man kann alles viel besser rüberbringen, wenn man so schreibt, dass die Figuren auch sympatisch sind. Sonst könnte man sich als LeserIn durch Distanz entziehen. Es gibt viele Leute die glauben, sie machen das Richtige. Sie halten sich für sehr moralisch, sind gebildet und zeigen das auch, aber im Prinzip ist jeder irgendwo ein Arschloch und bemerkt es nicht einmal. Und mir kommt vor, die Leute die von sich anscheindend glauben, moralisch immer richtig zu handeln, übersehen oft viele Sachen. Das ist etwas, das ich nicht machen möchte. Ich probiere zumindest, es beim Schreiben nicht zu tun, vielleicht passiert es mir ja auch. Ich denke da zum Beispiel daran, dass ja vielleicht Leute von daheim mein Buch lesen und die denken sich dann, „die Maria, das studierte Arschloch“.

Ich finde offene Zyniker eigentlich immer harmlos. Gefärlich ist der Zynismus im Schafspelz.
von Maria Hofer

Hast du schon Reaktionen aus deinem Dorf bekommen?

Ich frage nicht so nach. Ich glaube die Leute finden es eigenartig. Jemand, der allerdings nicht aus meiner Umgebung stammt, fragte mich mal: „Schreibst du eigentlich immer so komisch?“ Er hat das aber nett gemeint.

In einer Rezension stand, dein Buch sei auch feministisch. Siehst du das auch so?

Es ist nicht direkt feministisch. Aber was ich am Land erlebt habe: Es gibt total starke Frauen. Helge Schneider hat mal gesagt, man kann am Land viel besser individuell sein. Das stimmt, es ist schwieriger, die Leute zu kategorisieren. Was mir jedoch auffällt ist, dass man als Frau tendenziell nicht so viel zu sagen hat. Man muss sich viel mehr beweisen, wenn man etwas sagen will. In Jauche gibt es eine Figur, die nie etwas sagt, aber über die alles gesagt wird. Das ist vielleicht das, was man feministisch nennen kann. Als Auslassungspunkt. Das ist nicht explizit feministisch, aber ich habe mir schon etwas gedacht dabei. Und die „Duftnoten“, die über die Geschichte gelegt werden, also die Jauche und die Duftkerzen, die sagen ja auch etwas aus.

Du gilts ja als jemand, der schon mal recht schnippisch sein kann…

Das hat damit zu tun, dass ich es gewohnt bin, Sachen zu artikulieren und zu sagen, was ich mir denke. Wenn Leute beleidigt sind, naja. Ich rede die Sachen aber auch gerne aus, die Zeit nehme ich mir schon. Und ich kann auch einstecken.

Hast du das Gefühl, dass man gerade als Frau damit besonders aneckt, oder ist dir das noch nicht so untergekommen?

Das kann ich nicht sagen, ich habe es noch nie anders probiert. Aber vielleicht wird es weniger akzeptiert. Ich kann mir vorstellen, dass es mehr als Schwäche gesehen wird, wenn eine Frau aneckt. Wenn ein Mann das tut, dann ist er der Bad Boy. Das wird eher als etwas gutes gesehen, auch wenn er dabei ein Arschloch ist. Wenn eine Frau so ist, gilt das schnell als zickig. Aber ich bin ja auch ur nice, auf der anderen Seite, darum kann ich das jetzt nicht so sagen.

Helge Schneider hat mal gesagt, man kann am Land viel besser individuell sein. Das stimmt, es ist schwieriger, die Leute zu kategorisieren.
von Maria Hofer

Worum wird es im nächsten Buch gehen, an dem du gerade arbeitest?

Das verändert sich gerade noch ständig. Aber es geht wieder um Alltagstyrannei. Der Alltag ist ja sehr politisch, also wie Leute miteinander umgehen. Und wie mit Ereignissen umgegangen wird, wie darüber gesprochen wird.

Wie sprichst du darüber als Autorin? Oder anders gefragt: Wie entwickelst du deinen Schreibstil?

Mich interessiert, mit Kontinuitäten und Brüchen zu spielen. Ich beschreibe oft Archetypen, breche die aber immer. Narration von Tradition zum Beispiel. Tradition ist im Prinzip nichts, das wird nur so konstruiert. Die Leute sagen: Das ist Tradition und das ist Tradition, dabei reden sie über irgendetwas X-Beliebiges, was ihnen gerade in den Kram passt. Und das widerspricht sich dann womöglich mit der Auffassung vom Nachbarn, mit dem man aber trotzdem anprostet und sagt: Ja die anderen, die sind alle Scheisse, aber wir leben die Tradition. Die sprechen dann eigentlich von ganz unterschiedlichen Sachen, aber haben halt so Gemeinplätze, die oft aus einem schrecklichen Zynismus kommen. Hauptsache man kann anstoßen und sich selber leiwand finden. So etwas mag ich nicht und so etwas ist in seiner Selbstgefälligkeit ja auch komisch und grotesk.

Ist das dein Antrieb zu schreiben?

Manchmal ist es Wut. Darüber, wie Menschen mit Menschen umgehen. Wie über Sachen geredet wird. Oder wie mit kleinen familiären Katastrophen umgegangen wird und wie zynisch das sein kann. Manche Leute haben viel Raum etwas zu sagen und sagen aber oft dumme und schlimme Sachen. Und die Leute, die betroffen sind, haben keinen Raum etwas zu sagen. Das ist gerade jetzt ja auch wieder evident. Ich finde offene Zyniker eigentlich immer harmlos. Gefärlich ist der Zynismus im Schafspelz. Das ist diese Form von Zynismus, wo Leute etwas zu dem ihren machen und so tun, als würde es sie betreffen. Dabei betrifft es sie garnicht. Sie wollen sich eh nur distanzieren von irgendwas, damit sie als sauber da stehen vor denen, die sie als ihresgleichen sehen. Und sind dabei nichts anderes als Arschlöcher. Und das ist schon auch mein Antrieb zu schreiben.

Maria Hofer lesen und hören:

Jauche ist in der Edition Redelsteiner Dahimène erschienen.

Maria Hofer liest aus ihrem Roman am 10. Dezember (von 13:45 bis 14:05) im Wiener Museumsquartier beim Buchquartier, der Buchmesse für unabhängige Verlage (Infos: www.buchquartier.com).

Das Hörbuch Lauter. Bücher versammelt literarischen Beiträgen von Maria Hofer, Stefanie Sargnagel, Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien und anderen. Die AutorInnen lesen natürlich selbst! (Edition Redelsteiner Dahimène, ab 4.11. im Handel)

Und so war der Spritzer: Der Spritzer ist fruchtig und hat wenig Kohlensäure. Angenehm!

 

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