Marga Swoboda

Die erste Chefredakteurin der WIENERIN starb im Alter von 58 Jahren.

Marga, du warst eine Unbequeme, Nachfragende, eine Emotionale und immer Wache. Du warst eine brilliante Schreiberin und die erste Chefredakteurin der WIENERIN.

Um dich zu erspüren, muss man dich lesen. Und deshalb bringen wir hier anstelle eines Nachrufs deinen Kommentar in der ersten WIENERIN vom Mai 1986, in dem du zur damaligen (und inzwischen ebenfalls verstorbenen) Frauenstaatssekretärin Johanna Dohnal sagst: „Mein Gott, Schwester Johanna".

Deine Worte haben auch nach über 25 Jahren Gewicht. Denn was du in deinem Kommentar zum Ausdruck bringst, hat für die WIENERIN bis heute Gültigkeit. Danke, Marga.

Von Herzen, deine WIENERIN

Marga Swobodas ersten Kommentar in der WIENERIN finden Sie auf Seite 2...

Mein Gott, Schwester Johanna

Die Frage ging fast unter den Gürtel: „Angenommen, ich wäre eine Frau - warum müsste ich dann die WIENERIN lesen?" Gerd Leitgeb, vormals Chefredakteur und jetzt Sonntags-Kolumnist beim KURIER, saß vollbärtig vor seinem G'spritzten, aus den Augen blitzte ihm die reine Häme. Aus der Ferne klang der Chor aller feministischen Schwestern, die „Gib ihm Saures!" sangen. Und dass man sich als Frau so kindischen Fragen nicht gefallen lassen dürfe.

Die Frage ist aber gar nicht so saublöd. Nur heimtückisch. Aber bitte, warum nicht. Also: Leitgeb ohne Bart ist unter Umständen noch vorstellbar. Auch hätte er als Gerda geboren werden können. Doch warum, beim schwarzen Straps von Alice, müsste sie dann die WIENERIN lesen? Vielleicht sollte sie gar nicht.

Johanna Dohnal zum Beispiel ist sehr dagegen. Was heißt dagegen. Sie zeigt uns richtig die Hörner. Oder nicht einmal das. Das ist schade. Und auch symptomatisch. Für die Verwirrung, die Frauen untereinander stiften, auch wenn sie das gleiche wollen. Das beginnt beim Bassena-Streit und ist in der Politik genauso, wo Frauen nicht einmal in ihrer eigenen Partei, geschweige denn darüber hinaus ohne Hickhack kommunizieren. Wo die schwesterliche Solidarität schon zehn Zentimeter über dem Knie, beim Rockschlitz einer VP-Funktionärin, zu Ende ist. Nur so ist zu erklären, dass Dohnal eine neue Frauenzeitschrift verteufelt, noch bevor diese die ersten Schritte gemacht hat. Uns fällt jetzt auch nichts Besseres ein, als zurückzupfauchen. Wobei wir lieber Dampf ablassen, statt Frau Dohnal von hinten, durch die kalte Küche, zu attackieren.

Es fing schon so ungeschickt an mit ihr. Dergestalt, dass wir einen Mann schickten, Johanna zu interviewen. Einen gar, der gelegentlich die Feder für den PLAYBOY zückt. Strategisch gesehen nicht gerade ein Kunstwerk. Aber daran lag´s gar nicht. Dohnal hätte ihm schon ein Interview gegeben. Nur nicht für die WIENERIN. Der Schlag saß tief, und dann vergaßen wir ihn. Vielleicht wollte sie einfach nicht zu intim aus ihrem Leben plaudern. Wir sind da gar nicht so zickig, wenn eine nicht will. Oder einer.

Außerdem hatten wir bald andere Sorgen. Zum Beispiel die Geschichte von der schwangeren Küchenhilfe, die ohne Job und ohne Geld Hilfe bei Wiener Beratungsstellen suchte. Vergeblich, wie sich in unserer Reportage herausstellte. Es drückte uns schwer aufs Gemüt, dass fast zwanzig sogenannte Hilfsstellen unfähig sind, einer Schwangeren von heute auf morgen aus der Patsche zu helfen. Besonders versagt haben die öffentlichen Institutionen. Unter Schwestern ist es eigentlich logisch, dass in einem solchen Fall die Staatssekretärin für Frauenfragen konsultiert wird. Für eine Stellungnahme wenigstens, wenn ihr schon sonst nichts einfällt. Aber da kamen wir an die falsche Adresse. Der Herr Pressesprecher der gnädigen Frau teilte uns mit, die Chefin wolle mit uns nichts zu tun haben. Es handle sich bei der WIENERIN um ein frauenfeindliches Druckwerk, dem Frau Staatssekretärin sich aus ideologischen Gründen verweigern müsse. Natürlich hielten wir das für einen Scherz eines boshaften Dohnal-Sklaven. Deshalb riefen wir auch wieder an. Und wieder. Der Knabe war mit der Zeit schon ziemlich zerknirscht. Er bedauere, aber wenn die Chefin das so wolle, könne er auch nicht...

Was die Chefin da tat, darf sie eigentlich gar nicht. Pedantisch gesprochen, müsste sie nämlich Rede und Antwort stehen zu einem Thema, das in ihr Ressort gehört. Steht deutlich im Bundesministeriengesetz. Deutlich gesprochen, ist Dohnals Verweigerung unverschämt und tragisch zugleich. Unverschämt, weil sie sich eine Allüre gestattet, die einer Diva, nicht aber einer Politikerin zusteht. Tragisch, weil sie offenbar nicht Staatssekretärin für alle Frauen, sondern nur für den illustren Kreis ihrer langjährigen Kampfgenossinen ist. Das klingt verhärmt, ist aber wahr. Wobei wir nichts einzuwenden haben gegen Dohnals Geld- und Kopfeinsatz für die Kontrastinitiative „Anti-Wienerin". Solange das nur ein privates Hobby ist.

Die „Anti-Wienerin" ist übrigens ein erstaunliches Projekt. Was nun wirklich nicht zynisch gemeint ist. Jedenfalls formieren sich hier Frauen zu einem Blatt, das ein kämpferisches Gegengewicht zur WIENERIN bedeuten soll. Wozu wir nur anmerken möchten, dass die „Anti-Wienerin" jederzeit auch in der WIENERIN stattfinden kann. Weil wir weder Konflikten ausweichen noch einseitig denken wollen. Wie auch immer, als offizielle Erklärung für einen Boykott der WIENERIN kann Dohnals Liebe zur „Anti-Wienerin" nicht gelten. Das käme einem Korb von Loisl Mock an die Kronen-Zeitung gleich, den er austeilte, weil ihm dort beispielsweise Eva Deissen nicht nach dem Mund schreibt. Man würde sich totlachen über ihn.

Gespött ist auch Frau Dohnal sicher. Die grölenden Männer sind jetzt schon zu hören: Kaum haben die Weiber eine eigene Zeitung, liegen sie sich auch schon in den Haaren. In den Armen liegen wollten wir uns ja nie. Aber wir hätten gerne einen Draht gehabt zu jener Schwester, die angeblich die Interessen der Frauen politisch verwaltet. Schade drum. Aufhängen werden wir uns deshalb nicht. Auch wenn uns Dohnals Vorwurf von der Frauenfeindlichkeit noch mehr im Magen liegt. Um auf die Gerda-Frage von Bruder Leitgeb zurückzukommen: Wenn er eine Frau wäre, dann sollte er die WIENERIN zum Beispiel deshalb lesen, weil wir nicht mit Scheuklappen denken. Wir schreiben für die Frau mit dem modischen Horizont genauso gerne wie für die kritische, grüne, blonde, konservative, avantgardistische, geschiedene oder gescheite Frau. Wir haben keine sture Linie, sondern Kurven. Und die passen uns recht gut. Sogar für Männer schreiben wir. (Ehrlich, Herr Leitgeb!). Für Johanna Dohnal hätten wir auch gern geschrieben.


Mein Gott, Schwester, warum begreifst Du das nicht.

 

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