Manuela Zinsberger im Interview: "Ich wusste, dass in meiner Karriere einmal so etwas passieren kann"

Manuela Zinsberger ist die Torfrau des österreichischen Fußball-Nationalteams. Im Viertelfinale der EM 2022 passierte ihr ein entscheidender Fehler. Wie geht sie damit um?

Manuela Zinsberger bei der Europameisterschaft in England

Die Fußballeuropameisterschaft 2022 ist zu Ende. Doch für die österreichische Nationalmannschaft war der Traum einer zweiten Teilnahme am EM-Halbfinale bereits im Viertelfinale aus. Das Spiel gegen die deutschen Favoritinnen endete mit einem 2:0 für unser Nachbarland. Auschlaggebend waren Fehler der österreichischen Mannschaft. Die österreichische Keeperin Manuela Zinsberger schoss der deutschen Kapitänin Alexandra Popp gegen die Beine und der Ball ging ins Tor. Österreichs Torfrau im Interview über Eigenfehler, mentale Gesundheit und Teamspirit.

WIENERIN: Liebe Manuela, gleich zur ersten und in meinen Augen wichtigsten Frage: Wie geht es dir?
Manuela Zinsberger:
Gut! Ich habe jetzt sehr viel Zeit gehabt Dinge zu reflektieren. Dementsprechend genieße ich gerade meine wohlverdiente Pause. Nach der EM lastet nämlich als Spielerinnen sehr viel auf unseren Schultern. Jetzt habe ich zwei Wochen Zeit: Die erste, um runterzufahren. Und in der zweiten werde ich wieder ins Training einsteigen, damit ich dann bei Arsenal ordentlich Gas geben kann.

Diese Last auf deinen Schultern hat vermutlich auch mit mentaler Gesundheit zu tun. Wie wichtig ist diese im Sport?
Ich glaube sehr viele unterschätzen, wie wichtig mentale Gesundheit ist. Bei einer Europameisterschaft prasseln so viele Gedanken auf dich ein. Sei es taktisch oder fußballerisches Wissen. Dein Privatleben oder medial. Deswegen sind mir die Tage nach einer Meisterschaft so wichtig. Das sind Tage, in denen ich einfach nichts mit Fußball zu tun habe. Ich verbringe Zeit mit meiner Verlobten, ihrer und meiner Familie. Und bin dann einfach das kleine Mädchen von nebenan. Und nicht die, die gerade bei der EM gespielt hat.

Welche Methoden gibt es im Sport, um mit Ereignissen umzugehen, die bei einer Meisterschaft passieren?
Wir haben eine Mentaltrainerin in der Nationalmannschaft. Mit dieser habe ich immer mindestens ein individuelles Gespräch. Da kann ich alles loswerden. Und allein das Gefühl, das ich nach diesen Gesprächen habe, gibt mir eine mentale Fitness.

Hast du mit der Sportpsychologin über das Viertelfinale bei der EM geredet?
Nein! Das war eine bewusste Entscheidung. Dieses Deutschland-Spiel ist für mich nicht so relevant. Das klingt jetzt bisschen krass. Viele denken vielleicht, dass mir das zweite Gegentor auf den Schultern lasten muss. Aber was mir am meisten weh getan hat, war, dass wir ausgeschieden sind. Klar, tut es mir weh. Ich bin Torhüterin. Mir ist aber bewusst, dass wenn ich einen Fehler mache, dann ist es ein Tor. Es ist kritisch, weil es direkt vor meinem Kasten passiert, aber es gehört im Sport dazu.

Ich wusste, dass in meiner Karriere einmal so etwas passieren kann. Natürlich hofft man, dass es nicht im Viertelfinale einer EM passiert, aber so war es leider. Schlimm war für mich, dass wir wirklich aus der EM draußen waren. Ich hätte es unserer Mannschaft gegönnt weiter zu kommen.

Kommen wir zum Spiel: Was sagst du zur taktischen Herangehensweise mit dem hinten Rausspielen, die im Spiel gegen Deutschland zum Verhängnis wurde, aber sonst eine Stärke eurer Mannschaft ist?
Ich finde gut, dass wir zu unserer Taktik stehen. Wir wollen uns selbst treu bleiben. Wir wollen aktiv Fußball spielen und Österreich gut repräsentieren. Und auch gegen große Nationen zeigen, dass wir es können. Vielleicht hätten wir vorne besser rochieren können, damit sich Räume besser öffnen. Vielleicht hätten wir einen besseren Abschlag finden können. Ja, wir hätten bessere Lösungen finden können.

Findest du also berechtigt, dass ihr und auch Irene Fuhrmann Kritik bekommen habt?
Ich stehe voll hinter Irene Fuhrmann. Doch zurecht bekommt sie Kritik wir sind ja schließlich ausgeschieden. Ich kritisiere den Spielaufbau selbst, weil ich mir denke, es hätte besser laufen können. Dementsprechend gehört Kritik dazu.

Damit müssen wir im Sport umgehen, aber ich habe unsere Spiele noch nicht angesehen, deswegen weiß ich nicht, was wir anders machen könnten. Nichtdestotrotz finde ich gut, dass wir mutig waren. Kritik gehört dazu und macht uns ja vielleicht auch besser.

Hast du viel negative Kritik erfahren – zum Beispiel in den Sozialen Medien?
Teilweise. Auf diese Meinungen lege ich aber keinen Wert. Sondern auf die meiner Torwartrainer*innen oder meines Teams. Wir halten zusammen, wie eine Familie. Das ist wichtiger als kritische Stimmen. Außerdem halte ich an den Dingen fest, die ich gut gemacht habe. Selbst im Deutschland-Spiel habe ich phasenweise gut gespielt und meine Leistung abrufen können.

 

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