"Männerwelten" von Joko und Klaas: Meine persönliche Dauerausstellung ohne Ausgang

So ziemlich jede Frau in meinem Freundeskreis hat das Video von Joko und Klaas geteilt, nachdem sie mit Kloß im Hals und Tränen in den Augen die Ausstellung Männerwelten"besucht" hat. Warum wohl?

Contentwarnung: sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt.

Ich muss sagen: Joko und Klaas sind eigentlich so gar nicht mein Fall. Bei ihren Sendungen schalte ich um. Nicht mein Humor, nicht meine Art von Unterhaltung. Aber das ist gerade nicht das Thema. Denn die beiden können auch anders, das haben sie bewiesen, indem sie die Bühne anderen überlassen haben.

Die Sendezeit, die sie sich erspielt haben, so zu nutzen, wie sie es mit der einmaligen, in einem Video von Sophie Passmann präsentierten Ausstellung Männerweltengetan haben, ist schon besonders. Ich hab das Video an meine Familie, meine Freunde und alle möglichen Menschen weitergeleitet. Ich hör sie nämlich schon, die vielen aufgeklärten Männer in meiner Umgebung und in den Kommentarspalten diverser sozialer Netzwerke, die sagen: "Na geh bitte, das ist mir zu krass. Das kann ich mir gar nicht anschauen. Außerdem sind das doch nur ein paar Trotteln, die sowas machen. Ich kenn' keinen, der wirklich ernsthaft ein Dickpic schicken würde oder eine Frau verbal per Social Media oder Whatsapp bedroht." Was das betrifft, muss ich sie leider enttäuschen.

So ziemlich jede Frau in meinem Freundeskreis hat das Video von Joko und Klaas geteilt, nachdem sie mit Kloß im Hals und Tränen in den Augen die Ausstellung Männerwelten "besucht" hat. Denn, wie Sophie Passmann so treffend gesagt hat: Es ist eine Dauerausstellung. Und Frauen müssen oft ein Leben lang durch die Räume gehen. Einen Ausgang gibt es (vorerst) nicht.

Man gewöhnt sich als Frau früh daran, dass man auf den Körper reduziert, beleidigt, blöd angemacht, beschimpft oder abgewertet wird. Und ist irgendwann dann nicht mehr überrascht. Es wird sogar so normal, dass man die meiste Zeit des Erwachsenwerdens einfach gar nichts dagegen tut. So wie ich.

In der Schule war es ein Religionslehrer, der vor versammelter Mädchenklasse dreckige Witze gerissen hat wie: "Und am letzten Schultag machen wir Abschlussschlecken." (Er hatte Eis gekauft, die Botschaft war aber eindeutig.) Während er das sagte, stand er breitbeinig und mit den Fäusten in seiner Hose ganz nah vor unseren Sitzreihen. Später bekam ich von ihm Nachrichten, dass er mich fotografieren will, weil ich "so schön" sei. Die Schulzeit war vorbei, ich hab mich nicht getraut, dagegen vorzugehen. Weil wen hätte es schon interessiert? War doch eh nur Spaß, oder? (Viel später hab ich erfahren, dass ich – Überraschung – nicht die einzige Schülerin war, die belästigt wurde. Die folgenden Jahrgänge waren mutiger als ich und haben ihn gemeldet; er wurde suspendiert – zumindest von unserer Schule ...)

Oder der Chef eines Gastronomiebetriebes, in dem ich zu meiner Schulzeit ein Praktikum machen musste. Er war cholerisch und schrie – wenn das Lokal leer war – vor allem die Mitarbeiterinnen an. Meinen Körper kommentierte er immer wieder mit Aussagen wie "Nur weilst große Tutteln hast, brauchst nicht glauben, dass du erwachsen bist!". Die Folge war, dass ich mich nicht mehr getraut habe, gerade zu stehen und zu gehen, weil ich meinen Busen "einziehen" wollte. Kündigen? Darüber reden? Unmöglich. Ich brauchte ja ein Zeugnis.

Während des Studiums habe ich mit einer Freundin in einem Cateringunternehmen gekellnert. Es war anstrengend, aber meistens ganz lustig. Bis der Chef des Eventcaterings immer komischer wurde und sich eines Tages breitbeinig vor uns gestellt hat, wenn wir etwas aufheben oder Verschüttetes aufwischen mussten, und gemeint hat: "Es gefällt mir, wenn du vor mir kniest." Wir haben die Schürze hingeworfen und sind gegangen. Ganz viele Kellner*innen und Köch*innen, die illegal bei ihm beschäftigt waren, weil sie in Österreich gar keine Arbeitserlaubnis hatten, hatten diese Wahl nicht. Wer weiß, was sie noch ertragen mussten.

Ich könnte die Liste an Erlebnissen mit mehr oder weniger fremden Männern noch ziemlich lange fortsetzen. Und da sind die vielen ungewollten Berührungen in der U-Bahn, ausgepackte Penisse in der Straßenbahn oder der Taxifahrer, der es lustig fand, mir einen Porno zu zeigen, noch gar nicht dabei. Genauso wenig wie die Männer, die mich beschimpft haben, weil ich ihnen meine Telefonnummer nicht geben wollte. Oder die mich auf einer Sitzreihe in der Straßenbahn eingekeilt haben, damit ich länger neben ihnen sitzen bleiben oder beim Aufstehen quasi über sie drüberklettern musste. Nicht selten wurde man dabei begrapscht.

Ja, auch ich kenne die vielen Wege nach Hause, wo man mit dem Schlüssel in der Faust von wildfremden Männern verfolgt wird. Wo man erleichtert die Stiegenhaustür hinter sich zudrückt und das Herzrasen erst in der Wohnung nachlässt. Und ja, ich bin froh, dass nie etwas "Schlimmeres" passiert ist.

In der Schule dachte ich noch, das ist so, das wird immer so sein und das sind ja nur ein paar wenige ekelhafte Männer, die sich nicht im Griff haben. Ich hab es weggeschoben, wollte es verdrängen, mich davon nicht beeinflussen lassen. Gestern, beim Anblick des Videos, sind viele Erlebnisse wieder an die Oberfläche geschwappt. Sie aufzuschreiben hat geholfen.

Deshalb, liebe Männer und Kommentator*innen, denen das Video viel "zu krass" anzuschauen und viel zu "gruselig" inszeniert war: Fast jede Frau hat sowas schon erlebt. Das bedeutet, so ziemlich jede*r von uns kennt mit Sicherheit zumindest einen Mann, der schon einmal eine Frau (verbal) sexuell belästigt hat oder sogar Schlimmeres. Lassen wir das doch kurz gemeinsam sacken.

 

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