"Man merkt es sofort, wenn es nur um Ego und Karriere geht"

Frauennetzwerke gibt es nicht erst seit gestern, und doch hat sich die Gleichstellung im Beruf in den letzten Jahren kaum verbessert. Was können die Seilschaften also wirklich?

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Print-Ausgabe 10/2015.

Ich hatte noch nie so viele coole Frauen auf einem Haufen getroffen", erzählt Lana Lauren mit leuchtenden Augen von ihrem ersten Mitgliedertreffen des Frauennetzwerks The Sorority. Der erste Eindruck war prägend. Von da an ging Lana regelmäßig zu den Versammlungen, besuchte zwei Workshops und überlegt nun sogar, sich organisatorisch einzubringen.

Was bringen Frauennetzwerke überhaupt?

The Sorority ist eines der jüngsten in einer Reihe österreichischer Frauennetzwerke. Der Dachverband Bund Österreichischer Frauenvereine wurde hingegen schon 1902 gegründet. Seither haben sich zahlreiche Netzwerke formiert - es gibt eigene für Aufsichtsrätinnen, Naturwissenschaftlerinnen oder Frauen in den Medien.

An Zusammenschlüssen erfolgreicher Business-Ladys oder gesellschaftspolitisch engagierter Akteurinnen scheint es also nicht zu mangeln. Dennoch stockt die Gleichberechtigung, vor allem im Wirtschaftsbereich ist sogar ein rückläufiger Trend erkennbar. Waren 2012 noch 10 Prozent von Österreichs 250 Top-Managern weiblich, zählte man 2014 nur noch 5,6 Prozent. (Hier zum Gleichstellungsvergleich 2016) Trotz der geschlossenen Bildungslücke verdienen Frauen auch durchschnittlich 19 Prozent weniger als Männer und schaffen es kaum in Führungspositionen. Wie relevant ist also die Rolle von Frauennetzwerken auf dem Weg zur Gleichberechtigung? Schaffen es die Netzwerke, nicht nur Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken, sondern auch wirklich Vorteile für die einzelnen Mitglieder zu schaffen?

Ohne Vielfalt jammern alle und es entsteht Konkurrenz

Laut Netzwerkanalystin Ruth Pfosser von FAS Research gibt es drei Faktoren, die ein Netzwerk erfolgreich machen. Es muss ein gemeinsames Anliegen geben, eine gewisse Regelmäßigkeit oder ein Ritual und Komplementarität. Soll heißen: Die Mitglieder müssen vielfältig sein. Ansonsten haben alle dieselben Probleme und keiner hat Lösungsansätze. Man jammert gemeinsam und es entsteht Konkurrenz. Für die Solidarität ist es eben nicht förderlich, wenn unter 200 Journalistinnen ein Redaktionsjob ausgeschrieben wird.

Auch Jammern hat manchmal Sinn.
von Ruth Pfosser

"Das hat manchmal seine Legitimation", meint die Netzwerkanalystin im Gespräch mit der WIENERIN. "Jede Berufsgruppe hat ihre eigene Sprache und eigenen Probleme. Manchmal möchte man sich unter Gleichen austauschen und verstanden fühlen. Aber in vielfältigen Teams entstehen eher Lösungen und Innovation." Als Beispiel für ein erfolgreiches Netzwerk nennt sie den Rotary Club, in dem die Mitgliederanzahl für jede Berufssparte limitiert ist.

Bei The Sorority gibt es zwar keine strukturelle Limitierung, dennoch schätzen die Mitglieder die Vielfalt des Netzwerkes. Camilla Kaiser war von Anfang an dabei: "Man knüpft Kontakte mit Menschen, die man sonst nie kennen gelernt hätte." In Camillas Fall verhalf ihr das zu einem Praktikum bei einer Softwarefirma. Auch für Lana ist es wichtig, dass das Netzwerk nicht branchenspezifisch ist, sie ist selbstständig und hat schon mehrere Aufträge über The Sorority bekommen. "Es gibt mehr Austausch und man trifft Menschen, denen man im beruflichen Alltag nicht begegnet. Daraus entwickeln sich auch viele persönliche Kontakte."

Aber sind Netzwerke nicht systematisierte Freunderlwirtschaft?

Ist das nicht Freunderlwirtschaft? "Nein. Die besteht unabhängig von offiziellen Vereinen", meint Barbara Hölzl, Steuerberaterin bei Ecovis Austria und frisches Mitglied bei The Sorority. Die Netzwerkanalystin Ruth Pfosser sieht das Nutzen von Kontakten positiv: "Netzwerke sind Referenzsysteme und darauf basierende Empfehlungen Gold wert. Mein Netzwerk versteht besser, was ich genau brauche. Und um die eigene Vertrauensbeziehung nicht zu belasten, würde nie jemand empfohlen werden, hinter dem man nicht steht." Neben der Qualifikation sei aber auch die Persönlichkeit entscheidend, wenn es um einen neuen Job geht: "Es geht auch wesentlich darum, wie gut man in ein Team passt."

Karrieregeile Netzwerke funktionieren nicht

Netzwerke, in denen das "Karrieremachen" oberste Priorität hat, spricht Pfosser aber sowieso keine erfolgreiche Zukunft zu: "Die werden langfristig nicht überleben, da die Mitglieder kein Vertrauen zueinander fassen. Es ist wichtig, dass es ein gemeinsames Ziel gibt, über das persönliche Beziehungen geknüpft werden. So entsteht auch Vertrauen jenseits von Alter, Hierarchiestufe und Branche, weil man sich in einem gemeinsamen Projekt auf Augenhöhe begegnet."

Da haben alle ein Leuchten in den Augen und möchten was bewegen.
von Lana Lauren

Bei The Sorority könnte man weibliche Solidarität als gemeinsames Ziel bezeichnen. "Das ist so ein gewisser Spirit, da haben alle ein Leuchten in den Augen und möchten was bewegen", beschreibt das Lana Lauren.

Darf ein Frauennetzwerk Männer ausschließen?

Was Ruth Pfosser von Netzwerken hält, die Männer ausschließen? "Dasselbe wie von Netzwerken, die Frauen ausschließen." Die Analystin rät, immer offen zu bleiben. Ähnlich sehen das auch die Gründerinnen von The Sorority - mit dem Vorbehalt, dass es manchmal Sinn hat, geschlossene Räume zu schaffen, weil manche Problemstellungen unter Frauen besser zu bearbeiten sind. "Viele Männer in unserem Umfeld sympathisieren aber mit unseren Anliegen und unterstützen uns, indem sie uns inhaltliche Inputs liefern", erzählt Sandra Nigischer, Vorstandsmitglied bei The Sorority gegenüber der WIENERIN.

"Nicht Karriere, sondern Leidenschaft sollte im Vordergrund stehen"

Wie sollen es ambitionierte Frauen also angehen? "Man sollte nicht einer aufgesetzten Idee, sondern seiner Leidenschaft folgen", so Pfosser. "Wir sind soziale Wesen und man merkt es Menschen an, denen es nur um ihr Ego und die Karriere geht." Die befreiende Botschaft: Ob man nun Politik, Stricken, Fußball oder Frauenrechte mag, es findet sich für jede das passende Netzwerk. Und ganz nebenbei üben wir uns in Solidarität, ziehen uns gegenseitig hoch und arbeiten an der Sache mit der Gleichstellung.

Das sagen die Mitglieder über die Sorority:

Frauennetzwerke - The Sorority Lana Lauren

Lana Lauren: "Durch das Netzwerk war ich viel sichtbarer"

Lana ist selbstständig und macht Visualisierungen für Unternehmen - Graphic Recording bzw. Video Scribbeling nennt man die. Sie hat schon mehrere Aufträge über das Netzwerk The Sorority bekommen. "Das war nicht so, dass ich darum gebeten habe, weil ich unbedingt Aufträge gebraucht hätte. Aber durch das Netzwerk war meine Sichtbarkeit viel größer, und man hat dann an mich gedacht."

Frauennetzwerke - The Sororty Barbara Hölzl

Barbara Hölzl: "Weibliche Solidarität ist in diesem Ausmaß nicht selbstverständlich"

"So eine starke Solidarität ist nicht selbstverständlich", erzählt Barbara Hölzl, Steuerberaterin bei Ecovis Austria und Mitglied bei The Sorority. "Dabei ist es egal, ob man nun auf Wohnungssuche ist, etwas für den Job braucht oder einfach ein paar Tipps benötigt, weil man gerade das erste Mal einen Verein gründet. Bevor man viel Geld für einen Experten ausgibt, fragt man mal im Netzwerk nach, ob da schon jemand Erfahrung hat."

Frauennetzwerke - The Sorority Camilla Kaiser

Camilla Kaiser: "Ich fühle mich als Teil einer größeren Bewegung"

"Wir sind zwar alle der Meinung, dass es gewisse Ungleichheiten gibt, aber wir sehen uns deswegen nicht in der Opferrolle. Wir lassen uns nicht unterkriegen, es geht um gegenseitiges Empowerment." Camilla Kaiser ist seit der ersten Stunde Mitglied von The Sorority und fühlt sich dadurch als Teil einer größeren Bewegung.

 

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