"Mama, was heißt sterben?“: Wie man mit Kindern über Trauer und Tod spricht

Früher oder später müssen Eltern mit ihren Kindern über den Tod sprechen. Ein allgemeines Rezept dafür gibt es nicht, aber ein paar hilfreiche Grundregeln.

Trauriger Bub

Was heißt eigentlich tot sein? Und wohin gehen wir, wenn wir sterben? Fragen, die sich selbst Erwachsene nur schwer beantworten können. Wenn es dann darum geht, Kindern zu erklären, was denn eigentlich der Tod ist und warum wir traurig sind, wenn jemand stirbt, sind viele Eltern überfordert. Der Verein RAINBOWS unterstützt Kinder und Jugendliche in Verlustsituationen. Wir haben uns bei der Organisation darüber informiert, wie man mit Kindern über den Tod und die Trauer spricht.

1. Kindern die Wahrheit sagen

Steht man vor der schwierigen Aufgabe, einem Kind den Tod eines Menschen (oder Tieres) zu erklären, ist es besonders wichtig, keine Informationen vorzuenthalten, erklärt Mag.a Romi Leonhardt, Psychologin und Landesleitung Wien beim Verein RAINBOWS: "Es kommt auf den Entwicklungsstand an, wie Kinder den Tod begreifen. Ein fünfjähriges Kind wird die Endgültigkeit des Todes noch nicht verstehen können. Wichtig ist aber, wie man mit dem Kind darüber spricht, weil das beeinflusst, wie das Kind in Folge mit der Trauer umgeht. Unser Ansatz ist immer, dem Kind kindgerecht so viele Informationen wie möglich zu geben, denn erst wenn ich das Wissen habe, was passiert ist, kann ich beginnen zu trauern“. Gerade in akuten Todesfällen gilt: So schmerzlich es für die Erziehungsberechtigten ist, dem Kind den Tod eines Menschen mitzuteilen, so wichtig ist es für das Kind, dass es die Nachricht direkt und klar erhält. Werden Kinder erst später oder falsch benachrichtigt, fühlen sie sich oft allein gelassen und isoliert.

Der Verein RAINBOWS wurde vor 28 Jahren von der US-Amerikanerin Suzy Yehl Marta gegründet. Ziel war es, Kindern in Verlustsituationen zur Seite zu stehen. Gemeinsam mit der Amerikanerin Elisabeth Kübler-Ross erarbeitete Marta ein Konzept für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen bei Trennung, Scheidung oder Tod der Eltern. Die Kinder lernen, ihre Trauer mitzuteilen und zu verarbeiten, damit das Leben in der veränderten Familiensituation positiv gestaltet werden kann. Im Jahr 1991 kam die Organisation über Jesuitenpater Rui Kutschera nach Österreich.

RAINBOWS finanziert sich in erster Linie aus Spenden. Wer den Verein unterstützen möchte, findet alle betreffenden Informationen hier.

2. Für Fragen bereitstehen

Mag.a Marion Wallner, Landesleitung Niederösterreich empfiehlt: "Auf die Fragen der Kinder warten. Was kommt dann, was interessiert sie, was können sie verkraften. Wenn sie aufhören, zu fragen und lieber spielen wollen - dafür sind Kinder ja auch bekannt, dass sie in ihre Trauerpfützen rein- und raushüpfen können - dann kann man das Gespräch auch stoppen, wenn man das Gefühl hat, jetzt braucht das Kind wieder Ablenkung." Sollte das Kind dann doch wieder nachfragen, rät Wallner, möglichst klare, ehrliche Antworten zu geben - auch, wenn es um schwere Krankheiten oder Unfälle geht, denn nur dann merke das Kind:'Aha mit mir wird wirklich wie mit einem auf Augenhöhe befindlichen Menschen kommuniziert‘.

3. Gefühle des Kindes nachvollziehen

Wichtig ist, sich vor Augen zu führen, dass mit dem Verlust einer Person auch alle Rollen, die sie in den Leben anderer eingenommen hat, auf einmal nicht mehr da sind. "Was Kinder in der Zeit brauchen, ist trotzdem zu spüren: Das Leben geht weiter. Ich kann nach wie vor Geborgenheit empfinden", empfiehlt Wallner. "Also wenn zum Beispiel jemand wie die Mama stirbt, der mir immer sehr viel Geborgenheit gespendet hat, dann wäre es fatal, wenn der Papa sagt, 'jetzt musst stark sein, komm reiß‘ di zam‘, denn dann fehlt mir ja nicht nur der Mensch, sondern generell dieses Gefühl.“ Das heißt, die Hinterbliebenen sollten sich dann besonders bemühen, diese Gefühle nachzuvollziehen, nicht schnell wegzutrösten, sondern darauf einzugehen. Laut Wallner kann ein einfacher Satz wie "Das versteh‘ ich, komm, weinen wir gemeinsam, ich bin auch so traurig" schon viel bewirken. "Dann ist zumindest diese Lücke ein bisschen geschlossen, die sich da sonst komplett auftun würde, wenn der Mensch fehlt, der mir das garantiert hatte."

4. Den Tod beim Namen nennen

Spricht man mit Kindern über das Sterben, sollte darauf geachtet werden, den Tod wortwörtlich zu nehmen, also auf beschönigende Umschreibungen zu verzichten, da sie Ängste schüren und Kinder verwirren können, schildert Leonhart. "Kindern helfen diese ganzen Umschreibungen wie 'ist von uns gegangen‘ nicht - alles, was von uns geht, kann wiederkommen. 'Ist eingeschlafen‘ macht einfach irrsinnig Angst vorm schlafen gehen, je nachdem wie alt das Kind ist oder 'wir haben sie für immer verloren‘ - alles, was man verliert, kann man ja vielleicht doch wiederfinden. Kinder nehmen diese Dinge wortwörtlich, es ist wichtig, den Tod also tatsächlich beim Namen zu nennen, also 'ist gestorben‘ “. Es sei ebenfalls wichtig, den Kindern die Wahrheit zuzumuten, da sonst entwicklungshemmende Symptome eintreten können, beispielsweise weil ein Kind nicht mehr schlafen gehen möchte. "Viele haben Angst so etwas mit Kindern klar anzusprechen - natürlich, weil man sie beschützen will, aber alles, was Kinder an ehrlicher und klarer Information kriegen hilft ihnen beim Trauern und beugt dieser Angst und diesen Fantasiebildern vor, die sie sich sonst zwangsläufig machen“, so Leonhart.

5. Ruhig vor Kindern trauern

Viele Erwachsene stellen sich die Frage, ob sie ihre eigene Trauer vor den Kindern offen zeigen dürfen. Die Antwort: Ja! Wallner erklärt: "Kinder brauchen Vorbilder und sie brauchen auch Trauervorbilder. Wenn der Papa nicht weint und den Alltag so fortsetzt, als wäre nichts gewesen, dann hat das Kind auch nichts, wo es sich festhalten kann und fühlt sich mit der eigenen Trauer ganz verkehrt. Kinder orientieren sich daran, wie Erwachsenen damit umgehen (…). Wenn die erwachsenen Vorbilder nicht trauern können, wie sollen es die Kinder lernen?“ Während es also grundlegend ist, dass Erwachsene ihre Trauer offen zeigen, sollten sie aufpassen, dass Kinder nicht (zumindest nicht dauerhaft) in die Tröster-Rolle rutschen. Sinnvoll sei es, laut Wallner, sich möglichst rasch eine andere erwachsene Person zu suchen, die einem zur Seite steht, damit Kinder nicht zu stark belastet werden und lernen, dass es wichtig und in Ordnung ist, sich Hilfe bei anderen zu holen.

6. Kindern erklären: Der Tod gehört zum Leben dazu

In unserer Gesellschaft wird der Tod nach wie vor als Tabuthema behandelt. Woran liegt das? "Man kann ja in einer Wohlstandsgesellschaft so tun, als gäbe es den Tod nicht. Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, wenn man nicht irgendwelche Erbkrankheiten hat oder einen Unfall, passiert vielleicht im eigenen Umfeld lange nichts, was einen daran erinnert, dass das Leben endlich ist“, erklärt Wallner. "Wir bei RAINBOWS sind der Ansicht, es ist gut, seinen Kindern zu sagen, dass man alles tut, um gesund und fit zu bleiben, aber gleichzeitig zu betonen, wie wertvoll jeder Tag ist, da es immer der letzte sein kann. Denn das macht das Leben auch so besonders lebenswert. Wenn wir in Unendlichkeit leben würden, hätte der Tag nicht den gleichen Wert (…)". Entscheidend sei es, laut Wallner, immer auch auf die verborgene Schönheit hinzuweisen, wenn Verlust eintritt: "Das ist sicher am Anfang nicht zu sehen, aber nach einer Weile sagen uns Leute, es kamen plötzlich Begegnungen oder Hilfestellungen von Bekannten und Freunden, wo sie gar nicht gedacht hätten, dass sie sich so nahe stehen - das ist auch etwas Schönes in dieser Zeit“.

7. Kindern die Chance geben, sich zu verabschieden

Eine Methode bei RAINBOWS, Trauer zu bewältigen, ist das Nachstellen von Abschiedsritualen, wo beispielsweise ein Begräbnis nachgespielt wird, damit das Kind die Chance hat, sich richtig von der verstorbenen Person zu verabschieden. Oftmals werden Kinder von Begräbnissen ausgeschlossen, weil Eltern Angst haben, ihnen zu viel zuzumuten. In Wahrheit wäre das aber gerade wichtig. "Wir empfehlen immer die Teilnahme an Begräbnissen“, erklärt Leonhardt. "Kinder sollte man nicht von den Ritualen ausschließen, die auch die Erwachsenen haben“. Ein kindgerechtes Abschiedsritual wäre zum Beispiel dem verstorbenen Elternteil ein Bild zu malen oder einen Brief zu schreiben, den man mit in den Sarg legt. RAINBOWS empfiehlt auch, Kinder zu Begräbnissen mitzunehmen, wo das Kind nicht direkt betroffen ist, da sich so eine optimale Chance bietet, schon einmal mit der Thematik in Berührung zu kommen und Fragen des Kindes ohne die heftigen Emotionen beantworten zu können. "Je mehr man über ein Thema weiß, desto weniger macht es einem Angst“, so Leonhart.

Büchertipps

Um Kindern die Themen Trauer und Tod näherzubringen, eignen sich Kinderbücher besonders gut. Mit ihren für Kinder gut verständlichen Geschichten und bunten Illustrationen helfen sie Kindern, diese komplexen Themen leicht zu verstehen. Die Auswahl an Kinderliteratur zu dem Thema ist mittlerweile sehr groß: So findet man für jede Altersstufe sowie verschiedene Trauer-Situationen und Todesarten (Krankheit, Unfall, Suizid,…) die passende Lektüre. Der Verein RAINBOWS empfiehlt unter anderem diese Bücher:

 

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