Mama und Papa im Ausnahmezustand: Weniger schimpfen trotz Corona-Quarantäne

Alle Familienmitglieder auf engem Raum, die Mehrfachbelastung von Home Office, Home Schooling und Kinderbetreuung: Wenn bei Eltern auf Grund der aktuellen Corona-Situation die Nerven blank liegen, kann das Schimpfen schnell überhand nehmen. Die Autorinnen von "Die Schimpfdiät" wissen Rat.

Vater am Laptop, schimpft mit Sohn

Von Alltag kann aktuell keine Rede sein - oder besser: Österreichs Familien versuchen gerade, mit ihren Kindern einen neuen Alltag zu schaffen. Die Corona-Krise ist eine Herausforderung, viele Eltern arbeiten zuhause, die Kinder sind nicht in Kindergarten oder Schule, die Möglichkeiten, rauszugehen, sind limitiert. Kein Wunder also, wenn bei den Erwachsenen schnell Überforderung einsetzt - und die entlädt sich dann leider oft lautem Schreien und Schimpfen. Wie man in einer solchen Ausnahmesituation Ruhe bewahren und im Sinne aller auf eine gute Familienkommunikation achten kann, erklären die Autorinnen des Buches "Die Schimpfdiät": Daniela Gaigg bloggt als Die kleine Botin über die Themen Familie, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit, Linda Syllaba ist Beziehungscoach (www.beziehungshaus.at).

"Die eigenen Erwartungen erstmal runter schrauben"

WIENERIN: Daniela und Linda, ihr habt gemeinsam das Buch „Die Schimpfdiät“ geschrieben. Was war eure Motivation dazu?

Daniela Gaigg: Vor zwei Jahren war es als „Fasten“-Projekt vor Ostern unsere Idee: wir wollten statt auf Süßigkeiten aufs Schimpfen verzichten und haben das im Rahmen unseres Projektes „Mama-Coaching“ mit Podcasts begleitet. Das stieß auf riesiges Interesse und so ist nach dem gleichnamigen E-Book auch das Buch „DIE SCHIMPF DIÄT“ daraus geworden. Ein Buch füllt es deshalb, weil der reine Verzicht im Sinne von Handlungsalternativen „Was kann ich tun, statt schimpfen?“ noch nicht ausreicht, um Gewohnheiten und alte Muster, die uns bereits in der eigenen Kindheit geprägt haben, abzulegen.

Linda Syllaba: Wir haben die Podcast-Klicks beobachtet und zu bestimmten Themen besonders hohe Klickraten erkannt, das war für uns der Hinweis, dass das Thema heiß ist. Als wir begonnen haben, sowohl Kinder als auch Erwachsene zu befragen, was sie unter Schimpfen verstehen und was die möglichen Ursachen dafür sein könnten, erhielten wir derart berührende Antworten, dass wir dachten, dieses Buch muss unbedingt geschrieben werden – den Kindern zuliebe!!

Geht es denn ganz ohne Schimpfen?

Linda Syllaba:Wenn man die Antworten der Kinder ernst nimmt, was sie als Schimpfen wahrnehmen, wohl nicht. Unser Zugang ist, persönliche Grenzen zu setzen, ohne jemand anders dabei zu verletzen, herabzuwürdigen oder abzuwerten. Das darf durchaus auch mal mit Nachdruck erfolgen, also auch laut sein. Wenn es allerdings oft vorkommt, sollte man sich die Ursachen dafür genau ansehen. Die Verantwortung für schlechte Stimmung in der Familie tragen immer die Erwachsenen. Wenn es also dauerhaft Stressoren gibt, die das eigene Ausrasten daheim bei den Liebsten und Schwächsten bewirken, dann ist es die Aufgabe der Eltern, diesen Stress zu reduzieren!

Daniela Gaigg: Es geht ohne andere Menschen abzuwerten, zu maßregeln und zu BEschimpfen. Das ist die Haltung der von Jesper Juul geprägten Gleichwürdigkeit, die dem zugrunde liegt. Ich für meinen Teil kommuniziere mitunter schon wortgewaltig und manchmal auch laut, wenn MICH etwas stört oder ICH etwas nicht will.

schimpfdiaet-daniela-gaigg-linda-syllaba_(c)Bianca-Kuebler-Photography

Aktuell erleben die Menschen in Österreich eine Ausnahmesituation, viele Eltern müssen Home Office und Kinderbetreuung und Home Schooling unter einen Hut bringen. Da liegen die Nerven schon mal blank. Welche Tipps könnt ihr geben, damit das Schimpfen in den kommenden Wochen nicht überhandnimmt?

Daniela Gaigg: Ich persönlich versuche es mit guter Struktur: Wir haben zusammen mit den Kindern einen (nicht sehr straffen) Zeitplan erstellt, der rund drei Stunden ruhiges Arbeiten am Tag ermöglichen soll. Schulaufgaben oder kreatives Arbeiten mit Konzentration werden so leichter möglich gemacht. Dazwischen ist gemeinsames Kochen, der Haushalt und Essen, sowie viel freie Zeit für kreative Ideen und Bastel-Projekte oder kuscheln auf der Couch.
Neben den strukturellen Plänen ist (vor allem auch) in Homeschooling-Zeiten die eigene Ausgeglichenheit ein massgeblicher Faktor, der hilft, die Nerven zu bewahren. „Was brauche ich?“ „Was tut mir gerade gut?“ sind beispielsweise Fragen, die wir uns täglich mehrmals stellen dürfen und auch danach handeln müssen. „Selbstfürsorge“ ist oberstes Gebot! Die Tasse Kaffee in Ruhe zu trinken und dabei mit der Freundin einen Video-Chat zu führen oder in Ruhe 1 Stunde im Bad mit anschliessendem frischen Nagellack kann es ebenso sein, wie eine Stunde Mittagsschlaf….

Linda Syllaba:Wir alle sind es nicht gewohnt, so viel Zeit auf so eingeschränktem Raum zu verbringen. Ich empfehle, die eigenen Erwartungen erst mal runterzuschrauben, auch was das effiziente Arbeiten im Homeoffice betrifft. Je jünger die Kinder, umso kürzer ist die Zeitspanne, in der sie sich selbst und still beschäftigen können. Auch das Homeschooling würde ich nicht überbewerten und die Kirche im Dorf lassen. Alle bekommen ihre Aufgaben übertragen, jeder macht sie so gut es eben geht und es gibt keine Polizeikontrollen für sauber geschriebene Schulaufgaben! Machen sie jetzt keinen extra Stress wegen Leistungsansprüchen. Wir sitzen diesbezüglich alle im selben Boot. Die Geschichte wird es langfristig als „die Zeit, in der die Kinder nicht zur Schule gingen“, aufnehmen, aber nicht als „die Zeit, in der die Kinder ihre Karrierechancen verloren“. Haben Sie Vertrauen, die Kinder schaffen es auch so. Was den Aggressionspegel in der Familie angeht, will ich die Erwachsenen ermutigen, ihre eigenen Ängste zu reflektieren und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen (online-Coaching z.B. beziehungshaus.at/online-buchen). Und ansonsten lieber positiv zu denken und Humor zu bewahren, umso manche skurille Situation jetzt locker zu nehmen, statt auszuflippen.

Ihr seid beide selbst Mamas. Verratet ihr uns, was ihr macht, wenn ihr kurz davor seid, lauter zu werden?

Linda Syllaba:Ich atme kräftig, bewege mich heftig (auf und ab gehen, hüpfen, schütteln) und versuche mich im Raum „festzuhalten“ indem ich fünf Dinge benenne, die ich gerade wahrnehme. So halte ich mich im „Hier und Jetzt“, wo ich ja eine erwachsene Frau bin, selbstbestimmt und eigenverantwortlich. So kann ich besser sehen, wer in diesem Moment die Verantwortung hat. Manchmal ist es auch ein Stoßgebet zum Himmel, damit ich die Nerven bewahre ?

Daniela Gaigg: Im besten Fall merke ich es schon noch früher, worauf es hinauslaufen wird, wenn ich mich nicht unter Kontrolle bekomme….. wenn ich es erst kurz vor „Ausbruch“ bemerke, hilft mir atmen. Ruhig und tief - gern in einem anderen Raum. Wenn die Wut schon so von mir Besitz ergriffen hat, dass die Energie definitiv entweichen MUSS, dann „hüpfe ich gern im Quadrat“ - im wahrsten Sinne des Wortes! Und das hilft, denn dann kann die körperliche und aufgestaute Kraft einen Kanal finden. Meist hüpfen die Kinder sogar mit und am Ende lachen wir darüber. (Auch lachen hilft…..!)

Was meinst du/meint ihr, können Eltern im Umgang mit ihren Kindern aus der jetzigen Situation langfristig mitnehmen?

Daniela Gaigg: Wir verbringen gerade ungewohnt viel Zeit auf ungewohnt engem Raum - das birgt natürlich Konfliktpotential. Aber ich sehe es auch als Chance, denn hier wird soziales Verhalten, Rücksichtnahme und freies Spiel genauso trainiert wie Geduld und Zusammenhalt. Wir lernen anzuerkennen, was wir haben und sind eindeutig mehr im Hier und Jetzt, statt die Zeit damit zu verbringen, den nächsten Tag, das nächste Meeting oder den nächsten Aufenthalt oder Urlaub zu planen, weil wir schlicht nicht wissen, wann es die alte Freiheit wieder geben wird.

Linda Syllaba: Beziehungen brauchen Zeit, die man miteinander verbringt, um wachsen zu können. Davon haben wir jetzt reichlich! Meine Kinder lernen außerdem im Moment sehr viel an praktischem Weltwissen, wie z.B. Bettwäsche wechseln, Druckerpapier nachfüllen, Vorräte einteilen, etc. Alles Dinge, die bei uns unter „normalen“ Bedingungen etwas zu kurz kommen bzw. sie nicht brauchen. Die schulischen Aufgaben machen sie, aber ich habe den Eindruck, dass das, was untereinander stattfindet ist viel wertvoller. Da wird bestimmt das eine oder andere davon hängenbleiben. Auch das Kommunizieren mit den Großeltern und ihren Freunden online/telefonisch bekommt mehr Bedeutung. Und dass so manche „Luxusgüter“ und auch Unternehmungen keineswegs selbstverständlich sind – weder finanziell noch in anderer Hinsicht - das sind doch eindrucksvolle Erfahrungen.

Mehr von der Schimpfdiät und Autorin Daniela Gaigg alias @diekleinebotin ist am heutigen Donnerstag, 19.3.2020, im Instagram-Live-Talk "We are all in this together" zum Thema "Alle zuhause! Hält die Schimpfdiät noch an?" mit Mama-Bloggerin Isabelle Flandorfer zu sehen und zu hören.

Um 16 Uhr live in den Instagram Storys von Mama-Bloggerin Isabelle Flandorfer alias @mothersfinest (HIER geht's direkt zum Account).

Unter dem Motto "We are all in this together" haben Isabelle Flandorfer und Isabel Zinnagl (@salonmama) mit dem Start der Ausgangsbeschränkungen auf Grund des Corona-Virus eine tägliche Instagram-Live-Serie (jeweils um 16 Uhr auf einem der beiden Accounts) initiiert. Gemeinsam mit anderen Müttern und Expert*innen sprechen die beiden über Themen, die Eltern in der aktuellen Situation beschäftigen, und wollen damit Zusammenhalt und Austausch stärken.

 

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