Mal eine Frau küssen?

WIENERIN-Autorin Frauke Jahn steht auf Männer. Doch jetzt, mit Mitte 30, fragt sie sich, ob sie nicht sexuell etwas verpasst, wenn sie nicht auch mal eine Frau geküsst hat. To bi oder not to bi, das ist hier ihre Frage.

Ich habe noch nie eine Frau geküsst, geschweige denn mit einer geschlafen. Früher hat mich das nicht gestört, es ist halt einfach nicht passiert. Mittlerweile aber keimt in mir der dringende Verdacht, dass ich etwas verpassen könnte, wenn ich den Kreis jener Menschen, mit denen ich intim werden möchte, auf Träger des Y-Chromosoms beschränke.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, es geht nicht darum, sagen zu können: „Ich hab’s getan.“ Okay, das Bungee-Jumping bin ich vielleicht so angegangen. Aber mit dieser Sache hier ist es etwas anderes. Ich finde Frauen – zumindest manche – wirklich attraktiv. Und wüsste nur zu gern, wieweit diese Anziehung geht. Könnte ja sein, dass da gut eine Hälfte meines sexuellen Potenzials brachliegt.

Letzte Chance – vorbei?

Vor ein paar Jahren war ich mal in Rom auf einer ziemlich wilden Party. Mittendrin: eine schwedische Blondine, die erst mit einem Typen und dann wieder mit einer Frau rumschmuste. Irgendwann bin ich zu ihr rüber, um sie zu fragen, ob sie denn nun hetero, lesbisch oder bi sei. Ihre Antwort: „Ich bin sexuell.“ Ich fand die Ansage damals bescheuert. Heute halte ich sie für großartig. Die Schwedenbombe hat nämlich das getan, was ich mir höchstens in meinen Träumen zugestehe: Sie hat nicht nur schwarz oder weiß gel(i)ebt, sondern auch alle Grautöne dazwischen.

Bei der nächsten Gelegenheit würde ich also gern in das graue Loch eintauchen (okay, das war jetzt sehr bildlich, aber was soll’s?) Von meinen Freundinnen haben’s ein paar schon getan. „Du wirst kreativer im Bett“, schwärmen sie. „Du lernst neue Techniken“ oder „Du fühlst eine ganz neue Art von Nähe, Lust und Erregung“. Wenn ich es nicht selbst mache, werde ich es den Rest meines Lebens bereuen – zumindest klingt es für mich so.

Fantastische Ideen

Wobei, dann denke ich wieder: Vielleicht hat’s ja einen Grund, dass ich bis dato nix mit einer Frau hatte. Und vielleicht ist dieser Grund ein besserer als „Es hat sich nicht ergeben“. Trotz meiner Faszination für schöne Frauen, finde ich Sex mit Männern großartig. So großartig, dass ich befürchte, es könne nur schlechter werden. Und warum sollte ich das erleben wollen? Um mir zu zeigen, dass meine Sexualität weniger fließend ist, als ich sie mir vielleicht wünschen würde?

Ich schätze, ich kann die Sache so sehen: Was ich im Bett tue oder lasse, sagt nichts über meine wahre sexuelle Orientierung aus. Ich kann ausschließlich mit Männern schlafen, und trotzdem mehr sein als straight – auch wenn ich keine Frauen küsse. Meinem Hirn gefällt es nämlich, ab und zu genau darüber zu fantasieren. Und ich finde, dass mein sexuelles Potenzial so befriedigend ausgeschöpft ist. Ich werde die Sache mit der Küsserei also nicht aktiv forcieren. Aber sollte es eines Tages doch passieren, werd ich nicht nein sagen. Vielleicht juchze ich dann ja wie Katy Perry "I liked it". Vielleicht auch nicht.

 

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