Maggie Gyllenhaal: "Es würde mich wundern, wenn es Mütter gibt, die nie alles hinter sich lassen wollen"

Mit der ausgezeichneten Literaturverfilmung Frau im Dunkeln hat Maggie Gyllenhaal, facettenreiche Schauspielerin mit Charme und Hirn, ihr fulminantes Regiedebüt vorgelegt. Der Film ist ein Glücksfall – und die Welt um eine feministische Regisseurin reicher.

"Es würde mich wundern, wenn es Mütter gibt, die nie alles hinter sich lassen wollen"

Am Anfang stand für Maggie Gyllenhaal beim Roman Frau im Dunkeln ein erschrockenes Wiedererkennen. "Ich dachte mir: 'Oh mein Gott, diese Frau ist so kaputt!' – und im nächsten Moment: 'Ich finde mich in ihr so sehr wieder!' Ist dieses Kaputtsein vielleicht etwas, das ganz viele von uns verbindet – aber niemand wagt es, darüber zu sprechen?"

Der schmale Roman der italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante (Meine geniale Freundin), 2019 auf Deutsch erschienen, handelt von der Literaturprofessorin Leda, die sich im Urlaub angesichts einer unglücklichen jungen Mutter an die ersten Jahre ihrer eigenen Mutterschaft erinnert. Für Gyllenhaal, selbst Mutter von zwei Kindern, war die Schilderung dessen, wie Leda unter der Doppelbelastung von Fürsorgepflicht und Arbeit litt, eine Offenbarung: "Das Buch hat mich getröstet, weil es von einer geheimen Wahrheit weiblicher Erfahrungen erzählt, die unbedingt laut ausgesprochen werden muss." Jedenfalls lauter, als dies bei der Lektüre im stillen Kämmerlein der Fall ist, fand Gyllenhaal: "Wäre es nicht gefährlich und aufregend, wenn wir mit diesen Wahrheiten konfrontiert werden, während wir neben der eigenen Mutter, dem Ehemann oder der Tochter im Kino sitzen? Deswegen wollte ich daraus einen Film machen."

Souverän

Für die Schauspielerin, die 2002 für ihre Rolle in der klugen BDSM-Romcom Secretary Manchmal muss Liebe wehtun berühmt wurde und sich in den zwei Jahrzehnten danach in Hollywoods Oberliga gespielt hat, veränderte diese Idee alles. Gyllenhaal stammt zwar aus einer Filmfamilie (sie ist Tochter der Filmproduzentin Naomi Foner und des Regisseurs Stephen Gyllen­haal, Schwester von Jake Gyllenhaal und verheiratet mit Peter Sarsgaard); das Regieführen lag für sie trotzdem nicht auf der Hand. "Lustigerweise war es erst die Rolle der Pornoregisseurin Candy in der Fernsehserie The Deuce, bei der ich auf einmal erkannt habe, dass mir Regie viel mehr liegt als Schauspiel", sagt Maggie Gyllen­haal. Mit Frau im Dunkeln ist sie nun dort ­angekommen, wo sie vielleicht immer hinsollte. Nicht nur ist das Skript ihr erstes verfilmtes Filmdrehbuch, Gyllenhaal inszenierte zum ersten Mal auch selbst.

Eine Wahl hatte sie freilich nicht: Literatur-Superstar Elena Ferrante hatte die Rechte an ihrem Roman ausschließlich unter der Bedingung freigegeben, dass Gyllen­haal selbst Regie führen würde. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie es Frauen weiterhilft, wenn andere Frauen an sie glauben. Der Lohn für das Wagnis: Gyllenhaals Film wurde in den prestigeträchtigen Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig eingeladen, sie wurde mit einem Silbernen Löwen für Bestes Drehbuch ausgezeichnet, und die internationale Filmkritik überschlug sich in Begeisterung für die souveräne Regiedebütantin.

Freiheitsdrang

Dabei ist das Sujet der widerwilligen Mutterschaft im Zentrum von Frau im Dunkeln nicht angenehm. Gesellschaftlicher Konsens ist nach wie vor, dass sich das Frausein erst im Kinderkriegen ­wirklich ­erfüllt, und dieses Glück ist gefälligst nicht infrage zu stellen.

Der Film erzählt es anders: Die ­Literaturprofessorin Leda (gespielt von der fantastischen Olivia Colman) ­beobachtet am Strand eine laute Großfamilie, deren ­Mitglieder nur auf den ersten Blick glücklich wirken. Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, wie einsam da eine attraktive junge Mutter (Dakota Johnson) mit ihrer kleinen Tochter ist, überfordert von der Erwartung ihrer Umgebung, ihr Kind ununterbrochen ohne Wenn und Aber zu lieben.

Leda erinnert sich daran, wie sie selbst überwältigt war, ihre beruflichen Ambi­tionen mit der Dauerbelastung durch Kinderkrankheiten, Vor­kochen-Müssen und Versorgen-Müssen unter einen Hut zu bringen – und wie sie dann durch eine ­Affäre mit ­einem Berufskollegen aus dieser Enge ausbrach. Eine Schlüssel­szene des Films spielt in Ledas Erinnerung und schildert das Dilemma als schuldbeladenen Freiheitsdrang.

Frau im Dunkeln

Rotz und Jammer

Es ist ein Moment aus ihrer Zeit als junge Wissenschaftlerin; Leda (als junge Frau: Jessie Buckley) ist da Mitte 20. Ihre kleinen Töchter sind seit Wochen verrotzt und unleidlich, der Wäsche­berg wird immer höher. Der Gedanke, auch nur einen weiteren Tag von zerkochten Nudeln zu leben, weil immer eine von beiden exakt im falschen Moment schreit, ist unerträglich. Die kurzfristige Einladung an Leda zu einer wissenschaftlichen Tagung kommt da wie ein Wink des Himmels.

Die Kinder haben schließlich auch einen Vater, und wer weiß, ob so eine Gelegenheit zur Profilierung für die junge Literaturwissenschaftlerin je wiederkommt. Leda tut also, was die meisten ­Väter selbstverständlich und ohne schlechtes Gewissen tun würden: Sie lässt die Mädchen in der Obhut des anderen Elternteils und fährt los, um sich von Kolleginnen und Kollegen für ihre beruf­liche Brillanz feiern zu lassen – eine Befreiung von geradezu erotischen Dimensionen, die für Menschen ohne Mutterpflichten womöglich gar nicht nachvollziehbar ist.

Tröstlich

"Wenn ich ehrlich bin, würde es mich ­wundern, wenn es Mütter gibt, die nicht an irgendeinem Punkt in ihrem Leben das Bedürfnis verspüren, zur Tür rauszugehen und alles hinter sich zu lassen", so Gyllenhaal über die Dringlichkeit ihres Films. "Das heißt nicht, dass man es tut – in diesem Film fühlt man mit einer Frau, die das tatsächlich getan hat. Das kann zwar unangenehm sein, aber auch tröstlich, weil man nicht die Einzige ist mit diesen Gedanken, die man lieber nicht ­hätte." Dass Leda auf dieser Tagung dann auch jenen Mann kennenlernt, für den sie ihre Mutterschaft eine Zeit lang hinter sich zu lassen versucht, macht die Sache komplizierter, jedoch nicht weniger nachvollziehbar.

Weibliches Begehren

Schöne Randnotiz dabei: ­Gyllenhaal hat ihren Ehemann Peter Sarsgaard als jenen Mann besetzt, dem die junge Wissenschaftlerin nicht widerstehen kann. "Ich habe ein paar Wochen daran ­gezweifelt, ob es eine gute Idee ist, Peter als das Objekt der Begierde für eine so unglaublich intelligente, schöne junge Schauspielerin wie Jessie Buckley zu ­besetzen. Aber dann habe ich mir gedacht: 'Was für ein bourgeoiser Gedanke!'", lachte sie sich bei der fulminanten Presse­konferenz anlässlich der Filmpremiere in Venedig selbst aus.

Die Besetzung mit Saarsgaard ist ein genialer Schachzug, der weibliche begehrende Blick ist wohl genau deswegen hier so wirkungsvoll, weil er eben der Blick der Regisseurin auf ihren attraktiven Ehemann ist. Sars­gaard wiederum ist vor allem stolz auf Gyllenhaal: "Sie hat so ein gutes Auge für unkonventionelle, schwierige Wahrheiten. Jetzt weiß alle Welt, dass sie nicht nur eine fantastische Schauspielerin, sondern auch eine große Regisseurin ist. Das ist alles, was ich zu ­sagen habe, sonst fange ich an zu weinen!"

Filmtipp: Frau im Dunkeln

Die Literaturverfilmung startet im Kino vo­raussichtlich am 17. 12., auf Netflix ab 31. 12.

Literaturprofessorin Leda (Olivia Colman) macht einen erholsamen Solourlaub auf einer griechischen Insel. Am Strand ist sie angesichts einer chaotischen Familie vor allem erleichtert, keine junge Mutter mehr zu sein: Nina (Dakota Johnson), eine aus dieser Familie, muss ununterbrochen für ihre anhängliche Tochter da sein, und Leda erinnert sich schaudernd an den Zwiespalt ihrer eigenen jungen Mutterschaft zwischen überwältigender Liebe und Fluchtgedanken.

 

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