"Mädchen werden mit 13 oder 14 Jahren versprochen"

Die Vorarlbergerin Doris Burtscher arbeitet für Ärzte ohne Grenzen als Ethnomedizinerin. In Afghanistan hat sie schwangere Frauen betreut und den strengen Moralcodex der Paschtunen kennengelernt. Warum Scham und Ehre dort so viel bedeutet.

Schwangere Frauen in Afghanistan waren ihr Fokus. Wie unterscheidet sich denn eine schwangere Frau dort von einer bei uns?

Doris Burtscher: Bei uns wird Schwangerschaft gezeigt, in Afghanistan nicht. Die Frauen dort kündigen das nicht an, die Kleider lassen es lange verborgen. Ich war bei den Paschtunen, sie gelten als ganz besonders streng – sie leben nach dem Paschtunwali, einem Verhaltenscodex, der auf Ehre, Scham und Blutrache aufgebaut ist.

Und wie gilt dieser Codex für schwangere Frauen?

Eine schwangere Frau teilt sich ja nicht mit. Auch nicht der Schwiegermutter, obwohl die Schwiegermutter das zentrale Entscheidungsorgan in der Familie ist, was alle weiblichen Dinge betrifft. Eine schwangere Frau darf aber nicht mehr beten und natürlich wird von der Frau nach der Hochzeit erwartet, dass sie schnell schwanger wird und sie steigt auch in der Bedeutung innerhalb der Familie, wenn sie viele Kinder hat. Aber wie hier kommuniziert wird, ist sehr speziell.

Scham ist riesengroß


Der Ehemann weiß aber schon, wenn seine Frau schwanger wird, oder?

Ja, natürlich. Aber es gibt bei den Paschtunen eben gerade für Frauen ganz strikte Regeln und sie muss sich immer sehr respektvoll und höflich ihrem Mann gegenüber verhalten. Wenn sie das nicht macht, dann beschämt sie damit die ganze Familie.

So sieht das Krankenhaus aus, in dem Doris Burtscher in Afghanistan arbeitet.

Sie haben heuer in einem Krankenhaus gearbeitet, das für schwierige Geburten ausgerichtet war. Wie war dort Ihre Arbeit?

Man muss dafür wissen, dass in diesem Land einfach schon sehr lange Krieg herrscht. Und die Situation für die Menschen dort ist so, dass jeder Schritt außer Haus einfach die eigene Sicherheit gefährdet, mit dem Auto zu fahren, ist gefährlich. Daher kommen Babies zu Hause zur Welt. Wenn es kompliziert wird, kann vielen Frauen und Babies nicht geholfen werden. Die zentrale Aussage meiner Recherchen vor Ort war, dass unser Krankenhaus für die Menschen dort als Ort der Sicherheit empfunden wurde. Frühgeburten, Zwillinge oder einfach komplizierte Geburten, die einen Kaiserschnitt erfordern, können dort gemacht werden. Und zwar unter den Bedingungen, die der strenge Codex verlangt.

Was heißt das?

Es gibt eine ganz strikte Mann/Frau Trennung, im Krankenhaus gibt es keine Männer. Mit den Frauen kommen auch nur Frauen mit, die Männer warten in einem Bereich außerhalb der Geburtenabteilung[DB1]. Im Gegensatz zu den örtlichen Gesundheitszentren haben wir Nachtdienste dort, haben Operationsmöglichkeiten und können die Frauen einfach besser versorgen. Wir haben enorm viele Geburten pro Monat, eigentlich viel zu viele – aber von den wirklich schwierigen Fällen kommen trotzdem zu wenige.

Warum kommen die nicht?

Abseits von Sicherheitsgründen – man muss sich vorstellen, dass die Menschen ja teilweise 5 Stunden und länger über irgendwelche Rumpelpisten aus den Bergen kommen müssen. Und wenn die Geburt losgeht, ist diese Fahrt neben dem Sicherheitsrisiko auch ein Gesundheitsrisiko. Der andere Aspekt ist aber hier wieder die Scham. Ein Mann sagte einmal zu mir: „Es ist das schlimmste, wenn eine Frau auf dem weg das Baby bekommt und andere sehen das.“ Diese Vorstellung ist oft beschämender als die Hilfe, die die Frau bekommen könnte.

Doris Burtscher Ärzte ohne Grenzen Afghanistan
Wir trafen Doris Burtscher bei einem ihrer Österreich-Aufenthalte zum Gespräch.

Sie sagen, dass die Schwiegermütter das Sagen in der Familie haben – wie drückt sich das aus?

Die Mädchen dort werden mit 13 oder 14 Jahren versprochen, geheiratet wird bald danach und dann ist die Ehefrau in der Schwiegerfamilie. Bei meinen Recherchen ging es ja darum, wie man in dieser Region zum Beispiel Familienplanung kommunizieren kann, wie man das Thema Verhütung unterbringt. Und im Gegensatz zu anderen Ländern gehen die Frauen hier überhaupt nicht aus dem Haus. Und auch in den Häusern kann man nicht mehrere Frauen versammeln, weil das nur innerhalb der Familie geht. Deshalb ist der Zugang die Schwiegermutter. Viele gebärende Mütter antworteten auf alles, was ihnen über Schwangerschaft, Geburt und Familienplanung gesagt wurde: „Sag es meiner Schwiegermutter.“

Sie haben aber nicht nur mit Schwiegermüttern gesprochen, sondern auch mit den Männern. Wie war das in diesem so strengen Umfeld als Frau, die über Sex spricht?

Das geht ja überhaupt nicht. Ich habe einen Übersetzer, der fragt – wenn die Frage passt. Ich habe einmal in einem Gruppeninterview gefragt, wohin die Frauen der Männer denn für die Geburt hingehen. Der Übersetzer sagte zu mir: „Das ist keine gute Frage.“ Erst später hab ich verstanden, dass man im Paschtunwali einen Mann nicht nach seiner Frau fragt. Und schon gar nicht in der Gruppe. Das wäre zu viel Interesse an der Frau des Mannes. Im Einzelgespräch geht das leichter. Aber man muss sehr vorsichtig sein in den Fragestellungen.

Ihre Dankbarkeit ist berührend


Trotzdem ist es Ihnen gelungen, über Verhütung, sogar über Kondome zu sprechen. Wie ist das geglückt?

Wir lassen Männer aus verschiedenen Verhütungsmitteln aussuchen, so geht der Weg einfacher. Außerdem werde ich als Frau dort ganz anders wahrgenommen. Ich bin eine Europäerin und die Bevölkerung dort ist so froh, dass es uns als Ärzte ohne Grenzen dort gibt, sie sind so dankbar und diese Dankbarkeit in Verbindung mit diesem Verhaltenscodex ist wirklich manchmal berührend. Trotzdem habe auch ich versucht, mich an deren Gesetze zu halten, also auch im Gespräch versucht, die Männer nicht zu sehr anzusehen, denn auch das gilt als unhöflich.

Afghanistan gilt als einer der unsichersten Plätze der Welt, auch für Hilfsorganisationen. Im Oktober 2015 gab es einen Luftangriff auf ein Krankenhaus – 42 Menschen starben. Hatten Sie keine Angst?

Es war dies mein zweiter Einsatz in Afghanistan, beim ersten habe ich die Hubschrauber in der Nacht schon noch anders wahrgenommen. Aber im Rahmen meiner Organisation fühle ich mich sicher. Wir sind mit einer NGO in Kontakt, die die Security im Land überwacht, wir haben ein 24-Stunden SMS-Service, das uns informiert, wenn es ganz gefährlich wird. Aber wir haben hier einfach eine sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, die sind froh, dass es uns gibt.

Ein Restrisiko bleibt trotzdem…

Natürlich, aber solange wir hier mit allen Konfliktparteien halbwegs in gutem Kontakt sind, sind wir auch sicher. Und wir sind ja nie so lange vor Ort, die Menschen dort leben jeden Tag mit den Gedanken, dass ihre Kinder nicht mehr lebend heim kommen, dass sie bei einer der vielen Explosionen auf den Straßen einfach sterben. Das ist viel schlimmer, wir hier können in unserem abgeschlossenen Krankenhaus-System bleiben.

Hohe psychische Belastung


Sie sind Ethnomedizinerin, untersuchen also die kulturellen Unterschiede im Umgang mit Medizin. In sehr kurzer Zeit mussten Sie sich aber auch an ein neues Team gewöhnen, mit dem Sie 24 Stunden arbeiten können. Wie schwer ist denn das?

Es ist wie eine kleine Familie, an die man sich sehr schnell gewöhnen muss, das stimmt. Ich musste sehr schnell mit der Arbeit beginnen, da herrscht schon hoher Druck und eine große psychische Belastung. Die andere Seite wiegt aber auch sehr schwer. Wie direkt und unmittelbar man hier helfen kann und wie sehr wir akzeptiert sind.

Bin dankbar, hier leben zu dürfen


Das war bereist Ihr 18. Auslandseinsatz für Ärzte ohne Grenzen - wie ändert sich dabei Ihr Blick auf Österreich?

Manchmal wenn ich wieder da bin, mag ich mich gar nicht mit vielen Leuten treffen, weil ich nicht immer gleich alles erzählen mag. Ich brauche da auch selbst eine Zeit, um mich wieder einzufinden. Aber was ich mir immer denke: Es geht uns doch so gut und wir haben doch wirklich ein Glück, so leben zu dürfen. Dass wir uns trotzdem mit kleinem Blödsinn herumschlagen, ist logisch – ich tu das auch wenn ich länger hier bin. Aber der Gedanke, froh und dankbar zu sein, hier das Leben erleben zu dürfen, der hat sich tief verankert. Ich kann das Leben hier einfach mehr schätzen.

 

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