Mädchen in Indien: Mit Karate gegen sexuelle Übergriffe

Laut Statistik wird die achtjährige Beauty Kumari aus Indien mit einer Wahrscheinlichkeit von über 70 Prozent Opfer von sexualisierter Gewalt - bevor sie 18 Jahre alt ist. Ein besonderes Projekt will sie und andere Mädchen stärken.

Sonne International Karatekurs Mädchen Indien

Beauty Kumaris Tag beginnt um 6 Uhr früh. Bevor sie in die Schule geht, hilft die Achtjähriger ihrer Mutter im Haushalt – das ist als ältestes von vier Kindern und als Tochter ihre Aufgabe. Dass Beauty Kumari oder Nikki, wie sie von vielen genannt wird, überhaupt in die Schule gehen kann, ist nicht selbstverständlich. Denn sie gehört zu den Dalits, der untersten Kaste des indischen Sozialsystems an. Möglich wird der Schulbesuch durch Unterstützung der NGO Sonne International.

Beauty Kumari lebt in Bakraur, einem Dorf im indischen Bundesstaat Bihar. Ihr Geburtsland ist gefährlich: Zwei von drei indischen Mädchen werden Opfer von Gewalt, bevor sie 18 Jahre alt sind. Nach Angaben der Regierung wird alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. 97 Prozent der Inderinnen geben an, bereits mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein.

Karate-Kurse für indische Mädchen: "Wir zeigen ihnen, wie stark sie sind"

Neben dem Schulbesuch ist deshalb vor allem eines für Beauty Kamari beinahe lebenswichtig: Einmal pro Woche besucht sie einen Karatekurs, ebenfalls initiiert von Sonne International. Seit 2014 unterrichtet die professionelle indische Karatelehrerin Radha Kumari rund 100 Mädchen. Was bringt es den Kindern, die Kampfsportart zu lernen? Projektinitiator Armin Mösinger: „In Sensibilisierungsworkshops vermitteln wir den Mädchen, ab wann ein Eingriff in die sexuelle Integrität eines Menschen stattfindet. Die Selbstverteidigungskurse in Karate sind für uns die logische Ergänzung unserer Aufklärungsarbeit. Es ist eine Sache, Mädchen über ihre Rechte aufzuklären und eine andere, sie auch präventiv auf einen eventuellen Übergriff vorzubereiten.“ Die Kurse stärken nicht nur jedes einzelne Kind, sondern wirken in die Familien und in die Dorfgemeinschaften weiter, erzählt Mösinger: „Mädchen aus der untersten Kaste haben es in der männerdominierten Gesellschaft in Indien besonders schwer, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Daher versuchen wir von Sonne International Förderprojekte speziell für diese benachteiligten Mädchen zu entwickeln, um ihnen in ihrem eigenen Land eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Und man merkt am Interesse der Eltern, wie sich das nicht nur auf die Mädchen auswirkt: Manche Dorfbewohner sind zu uns in die Schule gekommen und haben gefragt, ob auch ihre Töchter am Karatekurs teilnehmen dürfen. Nach kurzer Zeit schon ist dieses Projekt zum Selbstläufer geworden.“

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Positiver Einfluss auf Familien und Dorfgemeinschaften

Nachdem die öffentliche Unterstützung für das Projekt ausläuft, ist Armin Mösinger für Sonne International auf der Suche nach Patenschaften, um die Kurse weiter zu verbreiten: „Wir haben auch schon von anderen Schulen Anfragen bekommen, unsere Workshops in ihren Unterricht zu integrieren. Wir wollen das Projekt auch an die öffentlichen Schulen bringen. Ich glaube daran, dass wir mit Unterstützung hier wirklich etwas bewegen und indische Mädchen in ihrer Rolle stärken können.“

Für Beauty Kumari ist das wöchentliche Karate-Training längst zum Highlight geworden: „Ich fühle mich stark und bin selbstbewusster geworden. Das Karate-Training mit den anderen Mädchen ist sehr besonders für mich. Hier wird mir gezeigt, wie ich mich wehren kann. Seit ich teilnehme, kann ich mich auch im regulären Unterricht viel besser konzentrieren. Es hat mein Leben verändert und zum Glück unterstützen mich auch meine Eltern dabei.“

Seit 2014 arbeitet Sonne International mit Workshops zur Selbstverteidigung für benachteiligte Mädchen in Indien.
Mehr Informationen über dieses Projekt und die Möglichkeiten einer Patenschaft gibt es hier.

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