Macht uns Geld zu "schlechten" Menschen?

In unserer Juni-Ausgabe der WIENERIN haben wir uns gefragt, ob Geld den Charakter verdirbt. Hier, was wir gemeinsam mit Coachin Nicole Siller herausgefunden haben.

Von dem großen Geld träumt jeder irgendwann einmal. Aber was macht Geld mit uns? Wir haben uns gemeinsam Coachin Nicole Siller auf die Suche gemacht und uns sechs Fragen rund um das Thema Geld gestellt.

Macht Geld happy?

Geld macht nicht glücklich, sagen einige Studien. Andere ­sagen, dass es bis zu einer bestimmten Summe die Lebens­qualität steigert – und zwar bis zu einem Einkommen von rund 60.000 Euro im Jahr. Alles, was darüber hinaus an Geld zur Verfügung steht, steigert die Zufriedenheit nicht mehr merklich. „Das klingt ­plausibel“, sagt Nicole Siller. „Das ist eine Summe, wo ich mir ein schönes Zuhause, Reisen, eine gute Ernährung leisten kann.“ Vielleicht weiß man manche Dinge auch eher zu schätzen und kann sie noch mehr genießen, wenn sie eben nicht einfach immer selbstverständlich zur Verfügung stehen: „Das ist vielleicht wie bei den Mandarinen: Wenn es die das ganze Jahr über gäbe, würden wir sie wahrscheinlich weniger schätzen.“

Verdirbt Geld den Charakter?

„Ja, bei manchen Menschen ist das so“, und gleichzeitig: „Nein, bei einigen Menschen ist das nicht so", sagt Nicole Siller. Sie meint, Geld verderbe den Charakter nicht, sondern lege ihn frei: „Wer schon immer ein Mensch mit positiven Werten war, jemand, der in sich gefestigt ist, der wird auch mit viel Geld sinnvolle Dinge tun und die Leute, die für ihn arbeiten, gut behandeln. Hat jemand schon immer gerne geprotzt, dann wird er das mit viel Geld noch stärker tun.“

Was ändert Geld?

Wer Geld hat, hat mehr Möglichkeiten und Spielräume. Er kann entscheiden, ob und was er arbeiten will, denn monatliche Fixkosten abzudecken bereitet ihm keine Sorgen. Dafür haben Reiche andere Probleme, sagt etwa Vermögens­forscher Thomas Druyen: Reiche ­verlieren seinen Untersuchungen zufolge an Lebens­qualität, weil sie nicht so spontan ­agieren ­können wie der Normalbürger. Sie müssen jedes Handeln doppelt durchleuchten und immer überlegen: Ist das ein echter Freund? Ist das eine gute Empfehlung? Das macht vorsichtiger und weniger spontan. Freundschaften, Gefühle oder Liebe gibt es ­außerdem auch nicht zu kaufen.
Was sich noch ändert: Sehr reiche Menschen haben oft niemanden auf Augenhöhe, also jemanden, der einfach mal sagt: „Bist du wahnsinnig, das kannst du so nicht machen!“ Das wäre aber wichtig, um nicht die Boden­haftung zu verlieren.

Andere um Geld zu beneiden, ist das nur schlecht?

Auf jeden reichen Menschen kommen einige, die ihm sein Vermögen neidig sind. Dabei muss Neid nicht immer negativ sein, meint Nicole Siller. „Es kommt darauf an, ob ich jemandem etwas missgönne oder ihn beneide. Jemanden um etwas zu beneiden kann ein totaler Motor sein, um anzufangen, sein Verhalten zu überdenken: Was ­könnte ich noch tun? Passt der Job? Welche Ausgaben sind eigent­lich ­unnötig? Das kann ­sehr ­motivierend ­wirken.“

Wann ist man reich und wann wohlhabend?

Vielleicht ist das, was wir anstreben, eher Wohlstand als Reichtum, meint Nicole Siller. Dazu gibt’s gleich eine gute Nachricht: Wohlhabend können wir uns alle fühlen – wenn wir wollen. „Reichtum klingt immer nach Macht, und wir vergessen oft, dass wir ganz viel Macht über unser eigenes Leben haben. Nicht in allen Bereichen, aber in ganz, ganz vielen. Ich kann entscheiden: Wie lebe ich und wofür gebe ich Geld aus? Das macht mächtig!“
Um sich wieder einmal richtig ­darüber bewusst zu werden, wie viel man sich eigentlich leisten kann, empfiehlt die Coachin eine kleine Fastenkur: „Kaufen Sie zwei Wochen nichts, was Sie nicht unbedingt brauchen. Danach merken Sie ganz schnell, was Sie sich alles gönnen können.“

Wie funktioniert eine Freundschaft mit reichen Menschen?

Freundschaften mit reichen Leuten können gut funktionieren, wenn die gegenseitige Wertschätzung stimmt. Wenn sich derjenige, der weniger Geld hat, wohlhabend und zufrieden fühlt, geht das natürlich leichter als bei jemandem, der immer das Gefühl hat, vom Leben benachteiligt zu sein. Offene Gespräche,­ ein ­liebevolles „Darf ich dich zum Essen ­einladen?“ statt eines arroganten „Das zahl ich, ich hab ja mehr!“ tragen logischerweise dazu bei.

 

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