"Mach' dich ein bisschen schön!": Warum ich kein Make-Up mehr trage

Sobald die Temperaturen nach oben wandern, wundern sich Menschen im echten und virtuellen Leben, wie ich mit Kopftuch bloß überlebe. Und ob ich dabei an meinem eigenen Schweiß ertrinke. Doch was mir im Sommer komplett den Rest gegeben hat, waren nicht die ein, zwei extra Lagen Stoff, sondern Make-Up.

Warum ich kein Make-Up mehr trage

"Ist dir damit nicht voll heiß?", "Schwitzt du dich darin nicht zu Tode?", "Also mir wird gleich noch heißer, wenn ich dich nur sehe!". Der Sommer bringt nicht nur tolles Wetter und gute Stimmung mit, sondern auch eine Flut an nie endenden Kommentaren über mein Kopftuch. Von abfälligen Bemerkungen bis hin zu mitleidigen Blicken ist alles dabei, weil ich bei über 30 Grad mit meinem eigentlich luftigen Schal mein Leben versuche zu genießen und nicht mit Hotpants und Tanktop dasitze. Gerade bei Frauen*, die sich feministisch engagieren, finde ich es am absurdesten, wenn sie mir einreden wollen, dass mein Kopftuch alles andere als feministisch sei. Können wir uns darauf einigen, dass jede*r tragen, machen und tun soll, wie mensch will?

Aber dabei hat mich mein Kopftuch im Sommer nie sonderlich gestört, abgesehen davon, dass ich tragen kann und darf wozu ich gerade Lust habe. Mein absolutes Hassproblem lag woanders - bei Make-Up. Jahrelang wurde ich mit meiner empfindlichen Haut von Akne geplagt. Es war für mich unvorstellbar, ohne Make-Up das Haus zu verlassen, weil ich mich so nackt und den Augen der Menschen da draußen ausgesetzt gefühlt habe. Selbst wenn Foundation & Co meiner Haut mehr geschadet als genutzt haben, waren es meine Komplexe, die mich jeden Morgen zum Beautyblender haben greifen lassen. Für mich aber trotzdem immer noch eine "bessere" Alternative als der Welt da draußen mein natürliches Ich zu zeigen - weil "natürlich" sein meistens als eklig und ungepflegt angesehen wird.

Baustelle Beauty-Standards

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was letzten Endes mich dazu verleitet hat, keine Foundations, BB-Creams oder Concealer zu verwenden. Von einem Tag auf den anderen habe ich dem Beautyblender keine Beachtung mehr geschenkt. Bisschen Mascara, bisschen Lidstrich, bisschen die Augenbrauen formen, Highlighter, wenn ich extra sein wollte. Das war's. Aber dennoch genug Anlass für Mitmenschen gewesen, um nachzufragen ob ich mich nicht schminken darf wegen meiner Religion, oder ob ich müde, krank und ausgelaugt wäre. Selbst als Hijabi musst du normschön sein und dich anstrengen dich dem gängigen Schönheitsidealen anzupassen. "Mach' dich ein bisschen schön", hieß es oft. "Was ist mit deiner Haut?" Ich sehe zu heruntergekommen aus, nicht schön und feminin genug. Kommentare, die mich getroffen und meine Komplexe weiter befüttert haben. Dennoch wollte ich nicht klein beigeben und einknicken. Ich wollte mich selbst empowern und herausfordern.

Aber bis heute könnte ich im Strahl kotzen, wenn ich nur daran denke, bei über 30 Grad mit einer kompletten Make-Up Routine in der Sonne unterwegs zu sein. Tag für Tag akzeptiere ich mittlerweile die Gegebenheiten meiner Haut immer mehr und mehr. Unter vereinzelten Stresspickeln leide ich noch immer, Augenringe sind das normalste der Welt und den Poren schenkt keiner mehr Beachtung außer mir, nachdem ich nicht mehr versuche sie zu zukleistern. Body Positivity bedeutet nicht den eigenen Körper von heute auf morgen zu lieben, sondern erst mal alle Beauty-Standards von der Mehrheitsgesellschaft abzulegen, die einem eingetrichtert worden sind seit der Kindheit. Es ist anstrengend und kostet eine Menge Kraft, sich nicht so schnell verleiten zu lassen von den Bemerkungen anderer. Aber ihr werdet euch mit der Zeit in eurer eigenen Haut wohler fühlen. Wir brauchen keine Supermodels und Influencer*innen, die uns vorschreiben, was "schön" ist. Wir müssen anfangen zu lernen, dass Schönheit alles ist. Jede*r einzelne*r von uns. Davon bin ich überzeugt!

Nour Khelifi

Nour Khelifi (26) ist Journalistin und Drehbuchautorin in Wien und Berlin.

 

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