Long Covid: Wenn der Schmerz durch den Körper wandert

Osteopath Philip van Haentjens war selbst von Long Covid betroffen. In seiner Gemeinschaftspraxis Gutshaus behandelt er nun erfolgreich Long Covid-Patient*innen und wünscht sich mehr Vernetzung in der Medizin.

Long Covid: Wenn der Schmerz durch den Körper wandert

Hätte uns jemand Silvester 2019 gesagt, wie sich das nächste Jahr entwickeln würde, hätten es niemand geglaubt. Jetzt sind wir langsam auf dem Weg der Besserung, die Situation entspannt sich, viele Menschen sind geimpft und es gibt stetige Lockerungen. Trotzdem leiden mehr und mehr Menschen an den Nachwirkungen ihrer Corona-Infektion. Das Phänomen, über das aktuell jede*r spricht, nennt sich Long Covid. Die Medizin ist diesbezüglich erst am Anfang der Forschung.

Osteopath Philip van Haentjens, Gründer der Gemeinschaftspraxis Gutshaus, hatte sich selbst mit Covid-19 infiziert und nach einem asymptomatischen Verlauf mit den Nachwehen gekämpft. Inzwischen behandelt er erfolgreich viele Long Covid-Patient*innen.

WIENERIN: Sie haben selbst mit Long Covid gekämpft. Wie hat sich das angefühlt?

Philip van Haentjens: Die Symptome haben mich völlig überrascht. Während ich Corona hatte, hab ich fast nichts gespürt, ich hatte einen extrem leichten, fast asymptomatischen Verlauf. Plötzlich zwei Monate später hatte ich heftige Schmerzen, die durch meinen ganzen Körper gewandert sind. Von meinen Knien zu meiner Verdauung zu meinem Herzen und in meine Hüfte. Über sechs Wochen hatte ich diese Beschwerden, ließ sogar eine Krebserkrankung abklären.

Heute behandeln sie viele Long Covid Patient*innen in ihrer Gemeinschaftspraxis. Wie landen diese bei Ihnen?

Wir haben in unserer Praxis ganz viele Patient*innen, die als hoffnungslose Fälle abgetan werden und denen man sagt, man wisse nicht, wie man ihnen helfen kann. Für die Patient*innen ist das natürlich eine unglaubliche Belastung. Gerade bei der Behandlung von Long Covid Patient*innen gibt es noch keine Strategie, wie diese gesamtheitlich abgeholt werden. Man sieht sich in den einzelnen Disziplinen einzelne Beschwerden an. Das löst aber das gesamte Problem nicht.

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Wie sollte man das Problem Ihrer Meinung nach angehen?

Besonders bei Long Covid ist das Problem sehr vielschichtig und wandert teilweise, wie ich selbst erlebt habe. Man muss das Schicht für Schicht abarbeiten. Die Corona-Infektion greift verschiedene Teile des Körpers, vor allem aber das Nervensystem an. Was dazu kommt, ist dass in vielen Menschen der Schock noch tief sitzt. Wir haben so lange gehört, wie gefährlich diese Infektion ist, dass viele, die die Diagnose bekommen haben, zuhause gewartet haben, dass sie sterben. Da bleibt natürlich ein Schock im gesamten System zurück, der alles schwächt. Diesen muss man zuerst ablegen, damit das System wieder anfangen kann, zu funktionieren.

Bleibt bei jedem*r ein Schock zurück, der*die eine Infektion hatte?

Nein, das ist ganz individuell. Unsere Behandlung ist darauf angepasst, dass wir zuerst ein kostenloses, ungefähr 15 Minuten langes Beratungsgespräch führen. Dabei höre ich mir die Krankengeschichte an und entscheide, welche*r der*die passende Therapeut*in im Haus für das Thema ist. Wenn jemand zum Beispiel vor allem Probleme mit der Atmung hat, schicke ich diesen zu Physiotherapeut*innen, die mit gewissen Übungen das Zwerchfell befreien. Ist das Problem der Bewegungsapparat hilft oft Akkupunktur, wenn es vor allem um psychische Probleme wie Konzentration geht, dann ist ein*e Psycholog*in die nächste Anlaufstelle. So arbeiten wir uns Schicht für Schicht zum Kern des Problems vor.

Was ist Ihrer Meinung nach in der Behandlung von Long Covid Patient*innen am wichtigsten?

Ich denke es wäre wichtig, dass wir vernetzter denken. Was wir heute in der Medizin erreichen können, ist unglaublich. Aber in solchen Fällen lässt sie zum Teil komplett aus. Im AKH in Wien wurde nun eine neue Long Covid-Ambulanz eingerichtet. Ich wollte mich mit der Leiterin dort kurzschließen, um helfen zu können, aber es bestand kein Interesse.

Ich habe viele Patient*innen, denen bei Nervosität oder Konzentrationsschwierigkeiten sofort Antidepressiva verschrieben wurden. Das überdeckt das Problem aber nur. Wir müssen das gesamte Problem betrachten. Deshalb genieße ich es in meiner Praxis so, dass wir so viele Expert*innen auf engem Raum haben. Ich schicke niemanden weg und sage: Ich weiß nicht weiter. Ich gehe in den nächsten Raum und Frage meine Kolleg*innen ob jemand anders eine Idee hat, wie wir helfen können.

 

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