Ljubiša auf Lepschi: Das Gesetz der Straße

Unser Kollege Ljubiša geht einmal im Monat "auf Lepschi" und schaut sich an, wie vielfältig Wien lebt und feiert. Diesmal war er im Fußballkäfig und ließ sich von der spielerischen Street Credibility beeindrucken.

Es gibt sie überall in der Stadt. Und trotzdem wage ich mal zu behaupten, dass viele unserer Leserinnen noch nie einen davon von innen gesehen haben: Gemeint sind die Fußballkäfige -die kleinen, vergitterten Sportplätze, meistens strategisch an stark befahrenen Straßen platziert. Das gilt übrigens auch für mich selbst: Dass ich mich in den Käfig direkt vor meiner Wohnung im Sechzehnten nie reingetraut habe, liegt einerseits daran, dass die Burschen, die dort ihre Hormonschübe in Bewegungsenergie umwandeln, gute 20 bis 25 Jahre jünger sind als ich. Und andererseits daran, dass ich trotz meiner unverkennbaren Balkan-Wurzeln dann doch irgendwie mehr der Schwabo-Typ (das balkanesische Wort für Österreicher) bin. Und ein bissl Bobo, zugegeben. Also eher MuseumsQuartier als Sportkäfig.

Kick it like a Schwabo!

Der Käfig gilt ja laut Fußballmythos als die Schmiede für die härtesten Kicker überhaupt. Wer es hier geschafft hat, wird groß. Ganz groß. Also ein bissl auf: brasilianische Burschen, die in den Favelas ohne Schuhe und mit zerlumptem Ball vom Mistplatz kicken gelernt haben und dann zu Superstars werden. Ich mache mir keine Illusionen, dass hier noch mein großes fußballerisches Talent entdeckt werden könnte, aber meine Erwartungen an das spielerische Potenzial der Käfigjugend sind hoch. Als ich mit Stoffsackerl auf der Schulter ankomme, werde ich jäh enttäuscht: Sieben oder acht Burschen -schätzungsweise Anfang der zweiten Pubertätshalbzeit -kicken ebenso viele Bälle einfach nur wild durch die Gegend. Die meisten Schüsse werden zwar mit Schmackes abgefeuert, landen aber nur scheppernd an den Käfigwänden statt im Tor. Das Einzige, das mir wirklich Respekt abverlangt, ist die Tatsache, dass man mit so engen Jeans überhaupt noch laufen kann.

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Ball(er)gefühl

Ich habe, weitsichtig, wie ich bin, meinen eigenen Ball mitgebracht, bin also nicht darauf angewiesen, dass mich die Stammspieler (die mich übrigens gekonnt ignorieren) mitmachen lassen. Die gute Nachricht: Ich kann es immer noch so gut wie mit achtzehn. Die schlechte: Ich wurde damals regelmäßig als Letzter in die Mannschaft gewählt. Immerhin, ich füge mich nahtlos ein. "Das ist wichtig auf der Straße!", sage ich in Gedanken mit Ghettostimme zu mir. Während ich also auch ein paar Bälle mit Karacho an die Käfigwände fetze, kommt da so ein Kleiner hereinspaziert -Maximum neun Jahre -, schlendert seelenruhig in die Mitte des Feldes, legt seinen Ball schön präzise auf den Boden, nimmt kurz Anlauf -und: perfekter Volltreffer am Tormann vorbei ins Kreuzeck. Der Kleine holt sich den Ball und wiederholt das Ganze von einer anderen Position aus. Die Torversuche der anderen haben mittlerweile deutlich abgenommen. Leicht missmutig packen sie ihre Sachen zusammen und ziehen mit voll aufgedrehten Handyboxen davon. Ich tue es ihnen gleich. Man muss halt mit den Wölfen heulen. Auch, wenn sie sich von einem Neunjährigen vertreiben lassen.

 

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