Lipödem: Was du über die Fettverteilungsstörung wissen solltest

Rund 5 Prozent der Frauen in Österreich sind von der Erkrankung betroffen, trotzdem findet das Lipödem in unserem Gesundheitssystem noch kaum Gehör. Eine Expertin hat uns erklärt, was genau es mit der Krankheit auf sich hat und woran man sie erkennt.

Woran erkennt man ein Lipödem?

Bernadette Vago ist Fachärztin für Venerologie und Dermatologie in Wien und seit 14 Jahren Expertin für Lipödem und Venenerkrankungen (vago.at). Uns hat sie erklärt, wie genau sich die Erkrankung Lipödem äußert und was man dagegen tun kann.

WIENERIN: Was ist ein Lipödem?

Bernadette Vago: Das Lipödem ist eine genetisch bedingte Fettvermehrungsstörung, die fast nur Frauen betrifft. Dabei kommt es zu einer symmetrischen Vermehrung des Fetts an Beinen und Armen, die völlig bewegungs-und ernährungsunabhängig passiert. Ausgelöst wird sie meist durch hormonelle Veränderungen wie Pubertät, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft oder Wechsel. Es ist eine chronisch progrediente, also fortschreitende Krankheit, die sich im Lauf des Lebens verschlimmert -entweder rapide oder über Jahre hinweg.

Was sind die Ursachen für ein Lipödem?

Das Lipödem wird vererbt, auch väterlicherseits, und kann Generationen überspringen. Es muss nicht jede Frau in der Familie haben, manchmal ist etwa nur eine Schwester davon betroffen. Man weiß leider noch relativ wenig über das Lipödem, erstmals wurde es 1940 von zwei Medizinern als solches benannt.

Welche Symptome treten auf?

Unterhautfettgewebe vermehrt sich beidseitig an Beinen und /oder Armen bei ansonsten normalem Körperbau. Knöchel, Füße sowie Hände bleiben schlank, im Gegensatz zu Adipositas und Lymphödem. Im späteren Stadium kann ein Lipödem in ein Lipolymphödem übergehen -dann sind auch Vorfüße und Hände von der Schwellung betroffen. Viele Patientinnen entwickeln durch die Zunahme des Lipödems und die damit verbundene Senkung des Grundumsatzes zusätzlich eine Adipositas.

Meist leiden Betroffene an Druckempfindlichkeit und Wassereinlagerungen in den betroffenen Regionen und bekommen dort schnell blaue Flecken. Sie sind in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt -bei warmen Temperaturen, nach langem Stehen und Sitzen sowie am Abend begleiten sie Schmerzen, Spannungs-und Berührungsschmerz. Durch das Übergewicht können auf lange Sicht Gelenkerkrankungen, Fehlstellungen sowie Gehbehinderung die Folge sein.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es beim Lipödem?

Konservativ helfen die Kompressionstherapie mit maschineller oder manueller Lymphdrainage, das Tragen spezieller Kompressionswäsche und Krankengymnastik. Diese Maßnahmen lindern allerdings nur die Symptome des Lipödems. Langfristig hilft nur eine lymphschonende Fettabsaugung, eine sogenannte Liposuktion, bei der das Fett zirkulär abgesaugt wird. Für die meisten beginnt danach ein neues Leben - deutlich erleichtert, schmerzfrei und fähig, sich wieder normal bewegen zu können. Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir, dass das nicht mehr wiederkommt. Betroffene müssen sich trotzdem ein Leben lang ausgewogen ernähren und regelmäßig bewegen, weil sie allgemein leichter zunehmen.

Muss man immer operieren? Wer zahlt das?

Meistens führt kein Weg daran vorbei. Je nach Krankenkasse und Krankheitsstadium werden Kosten übernommen, leider noch viel zu wenig. Zahlt man privat, kostet eine Behandlung etwa 4.500 Euro - die meisten Patientinnen brauchen zwei bis fünf Eingriffe.

Wohin kann man sich als Betroffene wenden?

Am besten wenden sich Frauen, die den Verdacht haben, an Lipödem zu leiden, an eine Ärztin oder einen Arzt, die sich auf das Thema des Lipödems von Diagnostik bis zur Therapie spezialisiert haben. Diese Ärzte haben unterschiedliche Fachgebiete: Dermatologie, Allgemeinmedizin oder plastische Chirurgie.

ANLAUFSTELLE:

Beim Verein Chronisch Krank Österreich finden Betroffene Informationen und Tipps rund um das Lipödem sowie Kontakte zu Selbsthilfegruppen und Ärzt*innen.

Tipps für Betroffene

Abgesehen von einer speziellen Fettabsaugung für Lipödem-Patientinnen gibt es eine Reihe von allgemeinen Tipps, die jeder Betroffenen gut tun, um trotz Krankheit eine höhere Lebensqualität zu haben:

1. AUSREICHEND, ABER SCHONENDE BEWEGUNG: Am besten eignet sich Schwimmen, da die Bewegung im Wasser entlastend und wie eine Lymphdrainage wirkt. Abgeraten wird etwa von Laufen, wegen der Stoßbelastung auf die meist ohnehin belasteten Gelenke.

2. AUSGEWOGENE ERNÄHRUNG: Ballaststoff-und vitaminreich, gesund und frisch kochen und mit Genuss essen -Tipps bietet die österreichische Ernährungspyramide.

3. KOMPRESSIONSTHERAPIE: Regelmäßige maschinelle oder manuelle Lymphdrainage und das Tragen spezieller Kompressionsunterwäsche können helfen.

4. POSITIV BLEIBEN: Die Krankheit annehmen, darüber sprechen - mit anderen Betroffenen, der behandelnden Ärztin oder Freund*innen; auch das entlastet.

BUCHTIPP: "Das Lipödem: Warum jede Diät versagt und welche Maßnahmen wirklich helfen." Von Sabine Maier, Verlag VAK, € 14,90.

 

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