Lieber Thomas Glavinic, deinen Sexismus kannst du behalten

Thomas Glavinic bezeichnet die Autorin Stefanie Sargnagel als "Rollmops". Sie kontert - und zeigt auf, wie weit Sexismus gehen kann.

Wer glaubt, tiefer geht's nicht mehr, wird in Sachen Sexismus in diesem Land wieder einmal eines Besseren belehrt. Das zeigt derzeit der öffentliche Disput zwischen dem Schriftsteller Thomas Glavinic und der Schriftstellerin und Bachmann-Publikumspreisgewinnerin Stefanie Sargnagel sehr gut.

"Wieso kann ein sprechender Rollmops meine Seiten verschweinen?", ließ der Autor auf Facebook in Richtung Stefanie Sargnagel ausrichten.

Glavinic hatte Sargnagel zuvor als "talentfreie Krawallnudel" bezeichnet. Woraufhin diese mit Humor reagierte und ihm die Frage stellte, ob er nicht lieber seinen Penis ins Internet stellen oder auf ein Bier mit Strache gehen wolle. (Der Hintergrund: Ende April sorgte Glavinic mit einem Posting auf Facebook für Aufregung, in dem er sich gegen eine pauschale Verurteilung aller Hofer-WählerInnen aussprach. Das Posting wurde auch von HC Strache geteilt.)

Fat-Shaming ist nichts, womit wir leichtfertig umgehen sollten


Und wie nicht anders zu erwarten folgten auf einen sexistischen Sager ganz viele andere. "Manche Medien und Internet user bezeichnen mich als kindisch, weil ich mich dagegen wehre von reichen, berühmten Schriftstellerin, die gerne Frauen Schwanzfotos schicken, öffentlich wegen meines Gewichtes beleidigt zu werden", schrieb Sargnagel auf Facebook weiter. Und: "Ich bekomme täglich Nachrichten, privat und öffentlich, dass ich zu fett und zu hässlich sei und mache nach wie vor mein Ding. Nur weil man diese sexistischen Dauerattacken frustrierter männlicher Arschlöcher thematisiert, bedeutet es nicht dass man nicht einstecken kann. Man muss als Frau in der Öffentlichkeit sowieso das dreifache einstecken, um überhaupt arbeiten zu können."

Besser kann man es eigentlich gar nicht ausdrücken. Sargnagel teilte außerdem einen Artikel, wonach sich die Zahl der von Essstörungen Betroffenen in den letzten 20 Jahren verzehnfacht haben. Das ist erschreckend und sollte uns - und Männern, die in der Öffentlichkeit Frauen als zu fett bezeichnen - eigentlich zu denken geben. Nachdem es aber eine "stille" Krankheit ist, unter der hauptsächlich Frauen leiden, ist der ausbleibende Aufschrei eigentlich aber auch nicht wirklich verwunderlich.

Newsflash: Frauen sind mehr als ihre Körper


"Wir brauchen insgesamt mehr Bewusstsein darüber, dass Mädchen mehr sind als ihre Körper. Wir brauchen Aufklärung über das Krankheitsbild Essstörung, das tiefgreifende Langzeitfolgen hat. Wir brauchen mehr Mütter, die nicht auf den Bauch ihrer Töchter schauen. Wir müssen endlich thematisieren, was ein psychisch gesunder Umgang mit Identität ist und wie wir Mädchen bestärken können und nicht niedermachen", sagt etwa die Autorin Maya Götz, die die Folgen medialer Schönheitsbilder auf Essstörungen untersucht hat, im WIENERIN-Interview. Wir sind als Frauen ohnehin jeden Tag, von klein auf, mit Fragen konfrontiert wie: "Bin ich zu dick? Bin ich zu dünn? Bin ich abnormal?" Fat-Shaming - noch dazu von einem Autor, dessen Bücher in Schulen gelesen werden - ist widerlich, peinlich und sexistisch.

Aber solche Zahlen, Schicksale und Lebensrealitäten sind Glavinic & Co. wahrscheinlich höchstens eins: wurscht. Schließlich werden sie nie davon betroffen sein. Und Selbstreflexion ist bekanntlich keine Stärke weißer, privilegierter Männer. Komisch nur, dass Glavinic noch im Mai in einer WIENER-Kolumne schrieb: "Es geht darum, dass auch die wunderbarsten Geschöpfe (allesamt Frauen) absurde Komplexe oder seltsame Ängste haben. (Falls Sie eine Frau sind: NEIN, SIE SIND NICHT ZU FETT.)." Fraglich, woher diese Komplexe und Ängste kommen könnten. Ein Traummann wie Glavinic, der er laut Kolumne zu sein scheint, wird ja sicher nicht der sein, der sie heraufbeschwört. Aber wer will schon "einen der renommiertesten Schriftsteller" des Landes in Frage stellen? Richtig: niemand.

Sexismus gehört bei der Berichterstattung über Autorinnen leider noch immer dazu


Autorinnen jedoch werden gerne zur Zielscheibe. Wenn sie einen Facebook-Account haben, "vermarkten sie sich selbst", wie Klaus Nüchtern im "Falter" verlautbaren ließ, haben ein zu großes "Ego" und können mitunter nicht ernst genommen werden, so der immer wieder ausgegrabene Tenor. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit gegen Sexismus aussprechen, sind "kindisch", zimperlich, können nicht einstecken. Auch das ist immer wieder zu hören, nicht nur in diesem Fall. Dabei machen sie - ob als Autorinnen, Journalistinnen, was auch immer - einfach nur ihren verdammten Job.

Sie wollen und sollen sich nicht gefallen lassen, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts nicht ernst genommen werden, wenn versucht wird, sie zum Schweigen zu bringen oder wenn sie wieder einmal auf eins reduziert werden: ihr Äußeres. Danke, Stefanie Sargnagel, dass du so laut bist und in die Tasten haust, um diese grindige Welt zu einer besseren zu machen. Und bitte, Thomas Glavinic, höre ihr zu und behalte deinen Sexismus in der tiefen Schublade, aus der er gekommen ist.

 

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