Lieber Billa, du weißt also, wie Frauen sind?

Billa hat jetzt einen weiblichen Hausverstand. Und da macht er eine ziemlich große Sache draus. Warum eigentlich?

Lieber Billa,

seit 10 Jahren schon wirbst du mit dem Hausverstand. Damals kannte ich das Wort vor allem aus dem Rechnungswesen-Unterricht, weil unsere Lehrerin beim Lösen schwieriger Aufgaben immer sagte, wir sollten unseren Hausverstand anwenden. Im Gegenteil zu vielen meiner Freunde fand ich ihn eigentlich immer ganz sympathisch. Dieser Normcore-Typ im beigen Sakko hat seine Sache schon ganz gut gemacht, wie er nachdenklich über Almen schritt. Warum er ein Mann war, hab ich nie wirklich in Frage gestellt. In Werbebildern ist das ja nicht gerade typisch, da wird oft mit Frauenkörpern geworben, und wenn es um Lebensmittel geht, werden Frauen meist als liebende Mütter inszeniert. Aber wenn man eine Werbebotschaft darauf aufbaut, dass die rationale Kaufentscheidung Billa zu lauten hat, dann muss das wohl ein Mann vermitteln.

Von der Logik zum Gefühl

Heute habe ich dann gesehen, dass der Hausverstand jetzt eine Frau ist. Zwei Drittel deiner Kundschaft machen Frauen aus, deswegen findest du das sinnvoll. Weißt du, warum das so ist, lieber Billa? Weil laut OECD Frauen 80 Prozent der Hausarbeit verrichten. Man nennt das auch oft Care-Tätigkeiten: Da gehört Bügeln, Putzen, Eltern und Kinder pflegen genauso dazu, wie Einkaufen gehen. Und weil Frauen diese Tätigkeiten unbezahlt verrichten, können sie weniger und weniger flexibel arbeiten gehen und verdienen nicht so viel Geld wie Männer. Man spricht dabei auch oft von der Gender Pay Gap, das ist der Prozentsatz, den Frauen aufgrund solcher Umstände und struktureller Diskriminierung weniger verdienen.

Naja, jedenfalls möchtest du mit diesem neuen Hausverstand in Form einer Dame jetzt nicht mehr Rationalität vermitteln, wie es man es von einem Hausverstand annehmen würde, sondern Nähe, Intuition und Achtsamkeit. Weiche Qualitäten, wie man sie eben seit jeher Frauen zuschreibt. Qualitäten, die es legitimieren, dass Frauen sich um Nest und Familie kümmern sollen, und eben diese angesprochenen Care-Tätigkeiten.

Lass doch einfach die Begründung weg...

Und genau deswegen mag ich es nicht, dass du in dem neuen Video vier Mal erwähnen musstest, dass mein Hausverstand jetzt eine Frau sein soll. Im ganzen Video erklärst du mir, dass ich die Welt aus Sicht einer Frau sehen soll: mit mehr Nachhaltigkeit, Achtsamkeit und Liebe zum Detail. Warum ist es so wichtig, lieber Billa, dass wir gewisse Eigenschaften einem Geschlecht zuordnen? Ich versteh schon, wie Werbebilder funktionieren, aber in einer subtileren Version dieses Videos hätte die Frau auch von Achtsamkeit sprechen können, ohne permanent auf ihr Geschlecht aufmerksam zu machen. Sie achtet auf die Umwelt, WEIL sie eine Frau ist?

... dann kannst du mehr in mir sehen

Ich bin ja auch eine Frau, lieber Billa, und Liebe zum Detail kann ich leider nicht zu meinen Stärken zählen. Und wenn ich ehrlich bin, dachte ich, dass du mehr in mir siehst als XX-Chromosome, die mich lieb und achtsam machen. Ich dachte, wir wären 2016 bei einem Weltbild angekommen, wo Frauen und Männer sich gemeinsam für Umwelt, Familie und von mir aus auch Details einsetzen. Du glaubst wahrscheinlich nicht, dass deine Werbung einen Unterschied macht, aber diese Bilder prägen nun einmal, wie wir von Frauen und Männern denken. Und vermutlich sind sie auch der Grund, warum deine Mitarbeiterinnen 24 Prozent weniger verdienen als deine Mitarbeiter und da oben zwei Herren im Anzug auf dem Bild neben dem weiblichen Hausverstand stehen.

 

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