Lieben Sie den falschen Mann?

Lügner, Betrüger, Herzensbrecher. Sie sind die Männer, vor denen uns immer alle gewarnt haben. Gratis, aber leider auch umsonst. Denn selbst die besten Frauen landen immer wieder in den Armen der miesesten Typen. Magie, Masochismus oder Machtspiel? Ein Erklärungsversuch.

Er versprach ihr den siebten Himmel. Und führte sie in die Beziehungshölle. Er wollte immer ehrlich sein. Und belog sie schon mit diesem Versprechen. Er schwor ihr Treue. Und betrog sie noch vor dem Abendessen. Er sicherte ihr berufliche Unterstützung zu. Und beendete ihre Karriere mit einem Kopfschütteln. Er schenkte ihr einen Sohn. Und begrub ihn unbeweint am selben Tag. Er gelobte ihr die Ehe. Und heiratete eine andere ...

Eigentlich hatte Aristoteles Onassis alles falsch gemacht. Doch das war anscheinend genau richtig. Denn Maria Callas blieb bei ihm. Nicht eine Woche, nicht ein Jahr, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Für ihn gab sie ihren Ehemann auf, ihren Gesang, ihre Hoffnungen und schließlich wohl auch sich selbst. Sie wurde die Geliebte für den Lebensabschnitt, obwohl sie doch immer die Liebe fürs Leben werden wollte. Am Ende starb die Göttliche sehr irdisch – verlassen, vergessen und verbittert in einem Pariser Appartement. Sie wurde nur 53 Jahre alt.

Schon zu ihren Lebzeiten mutmaßten Freunde und Klatschpresse darüber, weshalb Maria lieber litt, als sich von Aristoteles zu trennen. Die Diva selbst blieb eine Antwort stets schuldig. "Es gibt eben Menschen, die zum Glücklichsein geboren werden, und andere, die zum Unglücklichsein bestimmt sind. Ich habe einfach Pech gehabt", sprach sie nur resignierend.

So wie die Callas zucken weltweit Millionen Frauen mit den Achseln, unfähig zu erklären, wieso ausgerechnet jene Männer, die uns eigentlich mal gern haben können, jene sind, die uns gern haben sollen. Psychologen haben freilich so eine Ahnung, was selbst die besten Frauen an die Seite der miesesten Typen treibt und dort mitunter für Jahre hält - wider besseren Wissens und schlechten Gefühls:

Der "Er will MICH"-Reiz

Die Mr. Wrongs dieser Welt haben vielfach eines gemeinsam: Aufgrund ihres rücksichtslosen Alphatier-Verhaltens haben sie es bis ganz nach oben und überhaupt überallhin geschafft. Lassen sie uns etwas von ihrer viel geteilten Aufmerksamkeit zukommen, erscheint uns das daher wie ein Lotto-Sechser. Ungläubig und überglücklich jubeln wir: "Der will MICH!"

Was dahinter steckt: Die Freude darüber, dass Mr. Wrong gerade uns erwählt hat, erwidern wir nur allzu gern mit dem Besten, was wir zu geben haben: Liebe. Doch am Ende ist es nicht sie, die uns an seiner Seite hält, sondern ein diffuses Gefühl der Wertlosigkeit. "Viele Frauen fühlen sich minderwertig - oft schon seit ihrer Kindheit. Untersuchungen zeigen, dass kleine Mädchen nicht so bedingungslos wie kleine Buben um ihrer selbst willen geliebt werden", sagt die Psychologin und Sexpertin Gerti Senger. "Schon als kleine Mädchen haben sie darum gekämpft, Vatis Augen zum Leuchten zu bringen. Weil ihnen das nie gelungen ist, probieren sie es immer wieder - und zwar bei ihren Partnern." Und wenn schließlich und endlich ein Alphamännchen Gefallen an uns findet, muss doch was an uns dran sein ...

Wie wir da rauskommen: "Hören wir auf, den Partner als symbiotische Ergänzung sehen zu wollen, und beginnen wir, ihn als autonomen Menschen wahrzunehmen, der unser Leben bestenfalls bereichern kann", sagt Angela Voß, Psychologin und Autorin von "Böse Männer kommen in jedes Bett". Wir können unsere gefühlten Defizite nun einmal nicht von einem Mann auffüllen lassen. Frau wird kein wertvollerer Mensch, weil der Mann an ihrer Seite ein vermeintlicher Hauptgewinn ist.
Schon gar nicht, wenn es sich dabei um Mr. Wrong handelt. Denn der will uns durch seine "Liebe" gar nicht aus unserem Gefühl der Unzulänglichkeit befreien, sondern bedient es vielmehr. Schließlich müssen wir für seine Aufmerksamkeit dankbar sein.

Nehmen Sie sich doch einmal selbst in den Arm und erzählen Sie sich, was Sie alles erreicht haben, worauf Sie stolz sein können.
von Rüdiger Opelt, Psychologe

Doch seien wir genau das nicht mehr. Fordern wir ein, um unser selbst willen geliebt zu werden. Auch von uns selbst. "Nehmen Sie sich doch einmal selbst in den Arm und erzählen Sie sich, was Sie alles erreicht haben, worauf Sie stolz sein können", empfiehlt der Psychologe Rüdiger Opelt in Zaubere dein Leben. Dann brauchen wir auch Mr. Wrong nicht mehr.

Der "Ich hab ihn"-Triumph

Sich den netten Typen von nebenan zu angeln ist keine Kunst. Ein H&M-Shirt kann schließlich jede haben. Ein vermeintliches Alphamännchen zu zähmen und ihm wenigstens für drei Wochen Monogamie abzuringen, ist dagegen, als hätte man ein Haute-Couture-Kleid ergattert ...

Was dahinter steckt: Wir schmücken uns gern mit schwer zu erlegenden Männern, als seien sie Trophäen. Und ein Alphamännchen an unserer Seite ist noch immer das beste Indiz dafür, dass wir es "geschafft" haben. Um ihn zu erobern, müssen wir uns nämlich wirklich anstrengen. Und können so beweisen, wie gut wir sind. "Gerade bei Frauen, für die sich in der Kindheit Genuss und Liebe mit Anstrengung und Leiden verbunden haben, rennen, böse Buben' offene Türen ein", erklärt Gerti Senger.

Je unabhängiger, intelligenter, erotischer und erfolgreicher eine Frau ist, desto größer ist der Ansporn für Mr. Wrong, sie kleinzukriegen.
von Angela Voß, Psychologin

Die Vermutung, wir seien gnadenlose Jägerinnen, liegt also nahe. Doch in Wirklichkeit sind wir längst unwissentlich zur Beute geworden. "Je unabhängiger, intelligenter, erotischer und erfolgreicher eine Frau ist, desto größer ist der Ansporn für Mr. Wrong, sie kleinzukriegen. Es geht nicht um Liebe, sondern um Macht, die er über sie und durch sie ausübt", erklärt die Psychologin Angela Voß.
Um uns niederzustrecken, ist jedes Mittel recht. Und die erfolgreichsten Wege kennen gerade die Bad Guys ganz genau: Dank seiner Indifferenz, einer wohldosierten Mischung aus Nähe und Distanz, Eroberung und Entwertung, Begeisterung und Ablehnung, Offenheit und Verschlossenheit, sind wir ganz dem vermeintlichen Jagdvergnügen verfallen.

Wie wir da rauskommen: Wie gesagt - das Jagdvergnügen ist nur ein vermeintliches. Denn der Spieß wurde längst umgedreht. Das, was wir (uns selbst) beweisen wollen, können wir uns also gar nicht beweisen. Es ist daher völlig sinnlos, das Spiel mitzuspielen. Wer sich das vor Augen hält, erklärt dem sadistischen Treiben ganz einfach eine Absage.

Das "Ich kann ihn retten"-Gefühl

Ein Bier zum Frühstück, ein Seitensprung zu Mittag, ein Streit vorm Dinner - tausend andere Frauen sind bereits an ihm verzweifelt. Doch wir stürzen uns auf ihn, voll des Glaubens an das Gute im Mann, das nur hervorgeliebt werden will. Er hat doch unsere Chance verdient ...

Was dahinter steckt: Frauen sind Samariterinnen - von Erziehung an. Es ist jedoch nicht purer Altruismus, der unsere Arme weit öffnet für Mr. Wrong. Sondern auch die in frühester Kindheit gemachte Erfahrung, dass wir für unsere Hilfsbereitschaft, unser soziales Engagement und unseren Opfermut gelobt, geliebt und gefördert wurden. Unsere Liebe ist daher alles andere als gratis, sondern hat ihren Preis: Sie erwartet eine Erwiderung. Oder zumindest tiefe Dankbarkeit, die einen Mann auch in eine Bindung oder gar Abhängigkeit zwingen kann. "Oft halten sich diese ,Retterinnen' unbewusst für die, besseren',, stärkeren' Frauen, denen gelingt, was keiner anderen zuvor gelungen ist: ihn zu ändern", so die Psychologin Charlotte Hetzer.

Oft halten sich diese, Retterinnen' unbewusst für die, besseren',, stärkeren' Frauen, denen gelingt, was keiner anderen zuvor gelungen ist: ihn zu ändern.
von Charlotte Hetzer, Psychologin

So oder so: Das Projekt Rettung ist gefährlich. Denn wenn der Erfolg ausbleibt, was wahrscheinlich ist, kommt zum Liebeskummer auch noch ein Gefühl der Minderwertigkeit. Schließlich basiert ein nicht unerheblicher Teil des Selbstwerts darauf, "harte Nüsse zu knacken".

Wie wir da rauskommen: Männer ändern sich nur weil, wann und wie sie es wollen. Und vor allem: können. Veränderung braucht Kraft und Mut, Zeit und Raum. Und das alles gestehen wir jemandem, der "gerettet werden muss", ja eigentlich nicht zu. Statt ihn stark zu machen, hält unsere Liebe ihn schwach.

Der Ausweg: Wenn wir uns für ihn entscheiden, dann deshalb, weil er ist, wie er ist, und nicht, weil er sein könnte, wie er sein könnte. Gekauft wie gesehen. Zuneigung kann und darf nicht an das Prinzip Hoffnung geknüpft sein. "Je realistischer Sie die (Gefühls-)Kapazitäten Ihres Partners einschätzen und je weniger Sie auf seine (emotionalen) Schwächen mit Verbitterung reagieren, desto eher wird er von sich aus zu einem verantwortungsvollen Partner reifen", so Gerti Senger.
Sollte die Mission impossible wirklich gelingen, ist das aber auch kein Garant für Glück. "Denn dann suchen sich diese Frauen oft schnell wieder den nächsten Mann, der ihre, Hilfe' braucht", so Hetzer.

Die "Ist doch nur Spaß"-Täuschung

Natürlich warten wir auf den Richtigen. Doch was spricht schon dagegen, uns in der Zwischenzeit mit dem Falschen zu vergnügen? Just for fun, natürlich. Denn nur weil wir mal mit einem Bad Guy um die Häuser ziehen, heißt das ja noch lange nicht, dass wir ihn auch heiraten werden.

Was dahinter steckt: Nein, heiraten werden wir Mr. Wrong wohl nicht. Aber wahrscheinlich auch keinen anderen. Denn: "Wer sich ständig und durchaus auch ganz bewusst in Beziehungen mit den falschen Männern verstrickt, weicht oft nur einer Partnerschaft mit dem Richtigen aus", sagt die Psychologin Marianne Franz. "Zu groß ist die Angst, verletzt zu werden." Mr. Wrong können wir dagegen unauffällig auf Distanz halten. Niemand würde schließlich ernsthaft erwarten, dass wir uns emotional auf ihn einlassen. Und tun wir es dann doch, haben wir einmal mehr die Bestätigung, dass der, der sich in die Gefahr der Liebe begibt, darin umkommt. Eine gute Entschuldigung, auch die nächsten Jahre keine Beziehung zuzulassen.

Auch Liebesunglück lässt sich genießen. Es verleiht einem zumindest eine Zeit lang die Aufmerksamkeit des gesamten Freundeskreises.
von Angela Voß, Psychologin

Ein weiteres Plus: "Auch Liebesunglück lässt sich genießen. Es verleiht einem zumindest eine Zeit lang die Aufmerksamkeit des gesamten Freundeskreises", so Angela Voß. Und gleich noch einen Schutzzaun bauen wir an der Seite von Mr. Wrong auf: In seiner Gesellschaft mutieren wir zum Bad Girl. Und so kann es passieren, dass Mr. Right uns schlichtweg übersieht, wenn wir ihm begegnen. Gefahr gebannt.

Wie wir da rauskommen: Aus dem Teufelskreis kann nur aussteigen, wer zugibt, ein Problem mit echter Nähe zu haben, und wer daran arbeitet. Das geht oft nur in einer Therapie. Und mit einem Mann, der die Mechanismen unserer Nähe-Distanz-Spielchen (er)kennt und aushebelt. Mr. Wrong ist das sicher nicht, denn er ist selbst ein Meister der Indifferenz und scheut Nähe wie der Teufel das Weihwasser.

Die "Ich Tarzan, Du Jane"-Falle

Mr. Wrong riecht sieben Meilen gegen den Wind nach Testosteron, hat Schultern, auf denen er die Welt aus den Angeln heben könnte, und verheißt, mit seiner Energie unser eingeschlafenes Sexualleben wieder aufzuwecken. Er redet nicht, er reißt uns mit. Und wir? Genießen es.

Was dahinter steckt: Mr. Wrong steht für das Ende der Langeweile. An seiner Seite wartet das (sexuelle) Abenteuer. Nur: Er mag zwar als Verführer taugen, Wohlfühlen auf Dauer spielt es an seiner Seite aber nicht. Sex ist eben kein Gradmesser für die Liebe.
So gesehen ist Mr. Wrong also Zeitverschwendung. Weshalb wir uns trotzdem auf ihn einlassen, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Bei ihm sind wir Frau - bei ihm dürfen wir's sein!" Oder anders gesagt: Im Beisein von Mr. Wrong kämpfen wir zudem gegen eine evolutionäre Erblast.

Für die Frauen der Urhorde war es wichtig, einen starken Mann zu ergattern, der ihnen und ihren Nachkommen das Überleben sichern konnte
von Gerti Senger, Psychologin

"Für die Frauen der Urhorde war es wichtig, einen starken Mann zu ergattern, der ihnen und ihren Nachkommen das Überleben sichern konnte", erklärt die Psychologin Gerti Senger. Untersuchungen zeigen, dass Männer mit "guten Genen" bestimmte Eigenschaften besitzen, die noch heute ihre sichere Wirkung tun: Sie haben oder nehmen sich Macht, ihr Körperbau ist symmetrisch und sie besitzen Energie.

Wie wir da rauskommen: Schwer. Das Weibchen in uns kann anscheinend gar nicht anders, als sich dieser Portion Mann unterzuordnen. Denn er gibt uns - zumindest anfänglich - das Gefühl, endlich wieder das kleine Mädchen auf Vatis Schoß sein zu dürfen: sicher und behütet. Gegen Millionenjahre Instinkt sind wir eben machtlos.
Zumindest beinahe. Denn die Evolution bleibt nicht stehen. Die Alphamännchen des dritten Jahrtausends sind oft nur Schaumschläger. "Zudem sind wir auf starke Gene nicht mehr angewiesen. Aber auf seine emotionale und soziale Unterstützung. Und die bietet Mr. Wrong nicht. Suchen wir sie uns also bitte dort, wo wir sie auch bekommen", erklärt Hetzer.

Wrong wird Right

Es ist also eine Mischung aus Magie, Masochismus und Machtspiel, die Mr. Wrong für uns so attraktiv macht. Und so schlecht. Lassen wir also am besten von vornherein die Finger von ihm und legen diese stattdessen auf unsere eigenen Wunden. "Er kann unsere Defizite und Bedürfnisse sicher nicht auf- und erfüllen. Aber wenn wir uns selbst wichtig und ernst nehmen, können wir unsere Liebe und Kraft für uns und unsere eigenen Ziele einsetzen", erklärt die Psychologin Angela Voß. "Zum Beispiel dafür, eine glückliche Beziehung zu führen."
Die beginnt damit, Mr. Wrong links liegen zu lassen und den rechten Weg einzuschlagen: in die Arme von Mr. Right.

 

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